Die Migros und die bange Frage nach den Idealen

Kündigungen für mehr Gewinn, Tabak und Alkohol im Migrolino, Spülmittel für reiche Chinesen: Wird die Migros ein Konzern wie jeder andere?

Demontiert sich die Migros gerade selber? Oder passt sie sich einfach der Zeit an? Arbeiter entfernen in Bern das Logo. Foto: Alessandro Della Valle (Keystone)

Demontiert sich die Migros gerade selber? Oder passt sie sich einfach der Zeit an? Arbeiter entfernen in Bern das Logo. Foto: Alessandro Della Valle (Keystone)

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Es stimmt immer noch: Wer die Bevölkerung des Landes auf kleinstem Raum antreffen will, muss in ein Migros-Restaurant. In der einen Ecke: Seniorentreff bei Kaffee und Kuchen, gleich daneben kratzt ein etwas verwahrlost aussehender Mann Geld zusammen; kichernde Teenagermädchen kaufen Energydrinks; am Stehtisch schaufelt sich ein Banker im Dreiteiler Fleischkäse in den Mund. Für die Geräuschkulisse sorgen Familien mit kleinen Kindern. Hier stört es niemanden, wenn die kleine Tochter schlechte Laune hat und schreit. Alle sind willkommen.

Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler hätte das gefallen. 56 Jahre nach seinem Tod ist die Migros immer noch eine Institution. Sozial, heimatverbunden, inklusiv – das waren Werte, die «Dutti» über alles stellte. Sein Unternehmen sollte mehr sein als ein Warenhaus.

Gottlieb Duttweiler im Gespräch mit einer Kundin, 1961. Foto: ETH-Bildarchiv

Ist das noch wahr, jenseits der Restaurant-Idylle? Der Migros-Genossenschafts-Bund (MGB) wandelt sich. Er wird grösser: Man braucht kein orangefarbenes Einkaufskörbli mehr am Arm, um Migros-Kunde zu sein. Die Pizzeria-Kette Molino mit 18 Restaurants von Affoltern bis Zermatt? Gehört der Migros. Der Onlineshop Digitec/Galaxus mit den omnipräsenten Werbekampagnen? Teil der Migros. Die Sportgeschäfte SportXX und Bikeworld? Migros. Die Gesundheitszentren Medbase und Santémed, die Fitnesszentren von Activ Fitness? Migros. Die Fast-Food-Kette Chickeria? Denner und Globus? Bäckerei Hug? Migros, Migros, Migros. Der Konzern ist ein Imperium mit 28 Milliarden Franken Umsatz (2017) und der grösste private Arbeitgeber der Schweiz.

Der Gewinn lag vergangenes Jahr bei 503 Millionen Franken – minus 24 Prozent gegenüber 2016. Daher werden Stellen abgebaut. Wie bei jedem gewinnorientierten Konzern, der die Ziele verfehlt.

Bitte keine profane Firma

«Migros» und «Gewinn» – das passt für viele schlecht zusammen. In den Augen der Fans ist die Migros eine Sonderwirtschaftszone im Schweizer Kapitalismus. Sie darf alles sein, Bank, Tankstelle, Reise­büro. Das hatte Duttweiler so aufgegleist. Aber bitte kein profaner Konzern der Margen und Manager.

«Die Migros ist natürlich nicht mehr die Migros wie vor 70 Jahren», sagt Peter Birrer (76). Er arbeitete 33 Jahre für das Unternehmen, die meiste Zeit in verschiedenen Funktionen bei der Migros Luzern, zuletzt als Leiter der Migros Zürich. «Für mich war sie mehr als ein Arbeitgeber.» Birrer sagt, er habe «das Handwerk des Detailhändlers erlernt», weil er als junger Mensch mit «den Schriften Duttweilers in Kontakt» gekommen sei. Das habe ihn inspiriert.

Der Migros-Verkaufswagen, 1955. Foto: ETH-Bildarchiv

Gottlieb Duttweiler (1888–1962) machte sein Vermögen als Lebensmittelhändler in der Not des Ersten Weltkriegs. Als der Frieden kam, verlor er fast alles, die Migros war sein zweiter Anlauf. Sein Vorgehen würde man heute wohl disruptiv nennen: 1925 schickte er fünf Verkaufswagen los, die günstige, qualitativ solide Waren direkt zur Kundschaft brachten. Das etablierte Ge­werbe hasste ihn, Gewerkschaften protestierten, doch die Konsumenten waren überzeugt. 1926 eröffnete der erste Laden in Zürich, 1932 war die Migros in Basel, Bern, St. Gallen und sogar Berlin. Im Zweiten Weltkrieg machte Duttweiler sein Unternehmen zur Genossenschaft, verschenkte es. Die Wagen fuhren bis 1997, bis heute haben unzählige Schweizer ein Bild der rollenden Marktstände im Kopf. Das Geschäft, das zu den Menschen kommt.

Damit die Migros in seinem Sinn weiterlebt, schufen der Firmengründer und seine Frau die Gottlieb-und-Adele-Duttweiler-Stiftung. In sie wurde Birrer, der langjährige Migros-Mitarbeiter, nach seiner Pensionierung 2004 gewählt. Seit 2012 ist er ihr Präsident und damit so etwas wie der Wächter über «Duttis» Ideale. Er und die sieben anderen Mitglieder des Stiftungsrates prüfen, ob die Statuten eingehalten werden. Die Stiftung ist unabhängig, der Präsident kann sich in MGB-Sitzungen einbringen – wenn auch nur mit «Empfehlungen». Birrer war auch an den Verwaltungssitzungen dabei, an denen jüngst die Stellenstreichungen beschlossen wurden.

Das Kulturprozent

«Jedes Unternehmen braucht Gewinn», sagt er. Er fügt aber an: «Duttweiler hatte eine andere Auffassung vom Wirtschaften.» Was Birrer meint, ist etwa das Kulturprozent: Ein Teil des Detailhandelsumsatzes muss gemäss den Statuten für Kultur und Soziales ausgegeben werden. Das sind zurzeit etwa 120 Millionen Franken jährlich. Dieses Geld müsse erst verdient werden. Das Kulturprozent sei einzigartig und identitätsstiftend für die Migros, so Birrer. Auch Boni erhalten die Topkader bei der Migros bis heute nicht.

Wäre es auch in Duttweilers Sinn, dass die Migros heute Geld mit Alkohol und Tabak verdient? Eigentlich müsste sie auf diese Millionen im Namen der «Volksgesundheit» verzichten, heisst es in den Statuten. Trotzdem hat der MGB Globus und Denner übernommen, wo Wein, Bier und Spirituosen zentral sind. Auch in den 313 Migrolino-Kleingeschäften wird Alkohol verkauft.

2007 übernahm Migros den Discounter Denner. Foto: Keystone

Bei solchen Fragen wird Stiftungspräsident Peter Birrer diplomatisch – wie auch andere ehemalige Kader, die nicht namentlich genannt werden wollen. Die Herren erinnern an Geistliche, die Duttweilers Schriften entsprechend den Bedürfnissen der Zeit auslegen müssen. «Auf Dauer ist nicht mehr alles, was da drinsteht, zeitgemäss, und man muss sich Gedanken machen, wie man den Idealen dennoch treu bleiben kann», so ein pensionierter Migros-Kader.

Konkurrenz killt Ideale

Beim Thema Alkohol und Tabak funktioniert die Neuauslegung etwa so: «Alkohol brachte zur Zeit Duttweilers in viele Familien viel Leid. Deshalb wollte er keinen Alkohol und Tabak verkaufen», sagt Birrer. Das gelte weiter für die Verkaufsstellen der Migros, also die Supermärkte. «Die Unternehmen der Migros, die Alkohol anbieten, taten dies aber schon vor der Übernahme.» Ein Verzicht – etwa bei Denner, der selbstständig am Markt auftritt – wäre «nicht im Interesse der Kundschaft».

Der Ex-Migros-Kader wird deutlicher. Es habe durchaus Widerstand in den eigenen Reihen gegeben. «Aber irgendwann muss man sich eingestehen, dass wir uns nicht von der Konkurrenz abhängen lassen dürfen.»

Auch in den 313 Migrolino-Filialen wird Alkohol verkauft. Foto: Keystone

Die Intensität des Konkurrenzkampfes zeigt sich an den Migrolino-Läden und Coop-Pronto-Shops, die sich in manchen Schweizer Städten um jede Strassenecke balgen. Die Kundschaft freut das nicht nur. Etliche der Shops wirken ramschig, das Personal scheint von langen Schichten und geringen Löhnen gezeichnet. Plus: Die Shops verdrängen kleinere Läden. Im Zürcher Langstrassenquartier wurden jüngst Unterschriften gegen ein neues Thai-Fast-Food-Lokal der Migros gesammelt. Mit hohen Mietgeboten hatte sie ein Schuhgeschäft und einen Buchladen ausgestochen. Schon jetzt gibt es an der Langstrasse einen Migrolino und einen Chickeria.

In China lieben sie die Migros

Neben Coop bedrängen Discounter die Migros. Lidl Schweiz etwa verbuchte 2017 ein Umsatzwachstum von 10,4 Prozent. Die Umsätze der Migros-Märkte schrumpften um 0,7, Denner wuchs um etwa 3 Prozent. Deshalb tritt man bei der Migros auf die Kostenbremse – und sucht neue Ertragsquellen. Auch international: Die Sparte M-Industrie verdient fast 15 Prozent ihres Umsatzes nicht in der Schweiz. Sie fertigt nicht nur in den hiesigen 25 Herstellungsbetrieben, sondern auch im Ausland. Etwa Süssigkeiten in den USA mit der Firma Sweetworks oder Pflegeprodukte in England.

Anders funktioniert das Geschäft in China. Seit Ende 2017 verkauft die Migros unter dem Namen Orange Garten Schweizer Migros-Produkte wie Duschmittel und Zahnpasta. Die Kunden kaufen online, die Migros kooperiert mit dem chinesischen Onlineriesen Ali­baba. Meist sind die Produkte viel teurer als hier: Ein Allzweckreiniger, den es hier für 3.05 Franken gibt, kostet in China 16 Franken mehr. Die Migros rechtfertigt das mit Transport und Logistik.

Offenbar läuft das Geschäft gut an, Chinesen lieben Schweizer Traditionsware. So lebt ausgerechnet am anderen Ende der Welt der Mythos Duttweiler neu auf: Ein Werbespot für den Orange Garten beginnt mit historischen Filmaufnahmen von den alten Migros-Verkaufswagen. Vertrau der Migros. Dem Laden, der zu dir kommt. Bis nach China.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2018, 23:25 Uhr

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