Aus dem Haifischbecken in die Schlangengrube

Beim «Spiegel» geschasst, wird der Journalist Wolfgang Büchner nun Geschäftsführer der «Blick»-Gruppe.

Soll die «Blick»-Gruppe ins digitale Zeitalter führen: Wolfgang Büchner. Foto: Keystone

Soll die «Blick»-Gruppe ins digitale Zeitalter führen: Wolfgang Büchner. Foto: Keystone

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Die «NZZ am Sonntag» legte beim Konkurrenten Ringier ein Feuer. Die Zeitung machte eine Personalie publik, die eigentlich noch zwei Tage hätte geheim bleiben sollen. Sie vermeldete die Berufung von Ex-«Spiegel»-Chef Wolfgang Büchner zu Ringiers Flaggschiffen. Er habe den Auftrag gefasst, den Chefredaktoren Christine Maier («SonntagsBlick») und René Lüchinger («Blick») auf die Finger zu schauen. Beide verlangten daraufhin persönliche Aussprachen mit Ringier-Chef Marc Walder.

Zwei Tage und ein paar Krisensitzungen später machte Ringier das Engagement Büchners offiziell. Alles halb so schlimm für die Chefs Maier und Lüchinger. Der 48-jährige Deutsche wird nicht ihr Superchef. Er wird Geschäftsführer der Blick-Gruppe und wird sich damit in erster Linie um kommerzielle Belange kümmern. Trotzdem ist man auf der Redaktion skeptisch. Immerhin steht Büchners Name für die turbulenteste Seifenoper der jüngeren Pressegeschichte.

Publizistisch wenig überzeugt

Ursprünglich war Büchner als Mann vorgesehen, der den «Spiegel», Deutschlands Leitmedium, in die Zukunft hätte führen sollen. Applaus erhielt er aber für seine Pläne nicht. Die Redaktion verwickelte ihn stattdessen in einen monatelangen Machtkampf. Am Ende beseitigte die «Spiegel»-Redaktion ihren Chef.

Der Grund für das Scheitern? Beim «Spiegel» wird die Version erzählt, Büchner habe publizistisch wenig überzeugt und sei deshalb weggemobbt worden. Umgekehrt gilt auch, dass Büchner nicht auf den Rückhalt zählen konnte, den es für die Aufgabe brauchte.

Das kann ihm nun egal sein. Jetzt hat er Verleger Michael Ringier im Rücken. Ab Juli übernimmt er bei Ringier die Blick-Gruppe. Die spielt zwar nicht in der gleichen Liga wie der «Spiegel». Trotzdem verantwortet Büchner wieder ein Leitmedium. Und das nicht als gelernter Verlagsexperte, sondern als Journalist.

Kann das gut gehen?, fragt man sich. Büchners grosses Handicap ist, dass er von der Schweiz und vom «Blick» noch wenig versteht. Das gibt er selbst zu, er bat bei seiner Vorstellung um Nachsicht, wenn er dumme Fragen stelle. Er lese den «Blick» erst seit ein paar Wochen.

Der Mann für die Digitalstrategie

Vom Profil her ist Büchner aber genau der Mann, den Ringier-Chef Marc Walder für seine Digitalstrategie braucht. Büchner fiel in Deutschland durch geschicktes Management auf. Er war massgeblich am Aufbau und Erfolg von «Spiegel online» beteiligt und hat als Chefredaktor die Nachrichtenagentur DPA aus dem Siechtum in die digitale Zukunft geführt.

Dass er Deutscher ist, muss kein Nachteil sein. Auch wenn das nun hinter vorgehaltener Hand geäussert wird. Präsent ist noch das Abenteuer mit den deutschen «Bild»-Importen Grosse-Bley und Witzmann, die einst die wichtigsten Titel verantworteten. Das Experiment scheiterte. Auch wegen ihres preussischen Führungsstils. Das dürfte bei Büchner nicht der Fall sein. Er stammt aus der Pfalz.

Wenn man ihm an dieser Stelle aber einen Tipp geben darf: Die Print- und Onlinekultur mit Nord- und Südkorea («Print ist Nordkorea. Eine Diktatur selbstbesoffener Meinungen. Südkorea ist dagegen das Tor zur Welt.») zu vergleichen, wie es dokumentiert ist, davon ist abzuraten. Ringier ist zwar nicht wie der «Spiegel» ein Haifischbecken, aber eine Schlangengrube.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2015, 07:29 Uhr

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