«Am Bankgeheimnis haben wir zu lange festgehalten»

Interview

Sergio Ermotti bricht mit einem Tabu: Er sagt, das Bankgeheimnis müsse für alle fallen.

«Ein Doppelstandard in der Bankgeheimnisfrage? Das wäre ein Witz.»: UBS-CEO Sergio Ermotti.

«Ein Doppelstandard in der Bankgeheimnisfrage? Das wäre ein Witz.»: UBS-CEO Sergio Ermotti.

(Bild: Nicola Pitaro)

Arthur Rutishauser@rutishau

Die UBS baut 10'000 Stellen ab, 2500 davon in der Schweiz. Ist das der Anfang von dem, was dem Schweizer Finanzplatz bevorsteht?
Da kommt noch mehr. Ich habe schon vor einem halben Jahr gesagt, dass der Schweizer Finanzplatz 20'000 Arbeitsplätze verlieren wird. Ich wusste natürlich, wohin bei uns die Reise geht. Es ist die Kombination des Tempos der Einführung der neuen Vorschriften, deren Kosten, die Steuerabkommen mit unseren Nachbarländern und eine viel weniger risikofreudige Kundschaft, die zum Arbeitsplatzabbau führt. Der Schweizer Finanzmarkt muss zuerst gesundschrumpfen, bevor wir wieder über Wachstum sprechen können.

20 000 Jobs entsprechen 20 Prozent der Arbeitsplätze im Schweizer Finanzplatz. Weshalb bauen Sie nur gut 10 Prozent ab?
Der positive Nebeneffekt unserer Krise war, dass wir im Private Banking unser Geschäftsmodell früh ändern mussten. Nicht nur mit den USA. Bei uns hat der Abbau damit zu tun, dass wir einen Teil des Investmentbankings aus der Schweiz steuern, deshalb sind hier die Informatik, die Buchhaltung und andere Stabstellen betroffen.

Bei der UBS ist wohl nicht alles Geld versteuert. Wie hoch ist der Abfluss?
Wir verwalten 1600 Milliarden Franken, davon die Hälfte in den USA. Von den verbleibenden 800 Milliarden sind etwa 12 bis 30 Milliarden betroffen. Das tönt nach viel, entspricht aber nur dem Neugeldzufluss von zwei Quartalen.

Was halten Sie vom Steuerabkommen mit Deutschland?
Es wäre eine Win-win-Situation für deutsche Kunden und den deutschen Staat. Und es würde ein Schlussstrich für die Banken und ihre Mitarbeiter bedeuten.

Die deutsche Opposition will nicht mitmachen.
Das ist schade. Es braucht eine Lösung, die den guten Beziehungen entspricht, die wir offiziell miteinander haben.

Sind die wirklich so gut?
Vielleicht nicht de facto, aber offiziell. Ich hoffe, dass sich die Realität wieder den deklarierten guten Beziehungen nähert.

Was wäre Ihr Vorschlag, wenn es mit den Deutschen nicht klappt?
Wir hätten gerne ein Abkommen, das schafft Klarheit. Es wäre gut, wenn Europa mitmachen würde, schliesslich sind wir im Zentrum Europas. Wir sollten eine Art Schengenlösung anstreben, die den Marktzugang auch für die kleineren Banken ermöglicht, die nicht überall eine Niederlassung eröffnen können.

Können Sie sich den automatischen Datenaustausch vorstellen?
Sicher nicht für die Schweiz im Alleingang. Der automatische Datenaustausch kann eine Lösung sein, aber nur, wenn er weltweit für alle gilt. Ansonsten gilt der heutige OECD-Standard.

Was halten Sie von einer Deklarationspflicht?
Wenn der Kunde dabei erklärt, dass er sein Geld versteuert hat, dann ist das in Ordnung. Ebenso, dass wir sagen, wir nehmen kein Geld, von dem wir wissen, dass es nicht versteuert ist. Aber man kann nicht verlangen, dass wir die Angaben überprüfen. Wir sind nicht der verlängerte Arm der Steuerbehörden.

Ihr Vorgänger Oswald Grübel sagt, die Politik sei schuld, dass Arbeitsplätze verloren gehen.
Die neuen Kapitalvorschriften Basel III sind nicht nur schweizerisch, sondern international. Die Schweizer Version ist etwas strenger, aber vernünftig. Mehr Eigenkapital bedeutet mehr Vertrauen und ist somit ein Konkurrenzvorteil für uns als Vermögensverwalter.

Also liegt Grübel falsch?
Es gibt einzelne Geschäfte, die heute zu stark eingeschränkt sind. Aber man musste etwas machen: Die Bilanzsummen der Banken waren viel zu hoch, ihre Kapitaldecken viel zu dünn. Vielleicht haben wir zu lange zugewartet, und jetzt muss alles zu schnell gehen. Auch im Private Banking haben wir noch vor kurzem gesagt, wir verteidigen das Bankgeheimnis gegen alle Widerstände. Selbst dann noch als wir, die UBS, unser Problem mit den USA lösen mussten. Wenn es nicht schon vorher klar war, wurde doch spätestens dann offensichtlich, dass das Bankgeheimnis angepasst werden muss und es eine neue Strategie braucht. Statt rasch zu reagieren, haben wir alle in der Schweiz zwei Jahre gewartet – bis es hiess, jetzt müsse alles über Nacht geändert werden. Das was langfristig sicher gut ist, kann kurzfristig sehr schmerzhaft sein.

Dennoch bremsen die Banken.
Ich persönlich sage seit langem, dass das Bankgeheimnis, wie wir es vor zehn Jahren kannten, vorbei ist. Schon der Versuch durch das Zinsbesteuerungsabkommen war ein Zeichen. Aber man hat versucht, die Lösung des Problems nochmals fünf Jahre hinauszuzögern.

Einige Banken verteidigen das Bankgeheimnis noch heute.
Einige haben keine Wahl.

Wie steht es mit der Aufhebung des Bankgeheimnisses im Inland?
Das wird der grosse Test, ob wir wirklich das Geschäftsmodell ändern. Wir können nicht sagen, der Standard, den wir für die ganze Welt anwenden, gilt für die Schweizer nicht. Man kann nicht mit Glaubwürdigkeit über Moral sprechen, ohne konsequent zu sein. Ein Doppelstandard in der Bankgeheimnisfrage? Das wäre ein Witz.

Ist die UBS nach dem Umbau noch «too big to fail»?
Wir haben die Bilanz halbiert, und unser Geschäft ist viel weniger kompliziert. Wir haben deutlich mehr Kapital und Liquidität. Wenn wir alles umgesetzt haben, werden wir ein viel kleineres Risiko sein. Wir wollen aber weiterhin wettbewerbsfähig und nicht «too small to survive» sein.

Ist ein Fall Adoboli noch möglich?
Man kann so etwas nicht völlig ausschliessen, aber die Wahrscheinlichkeit eines solchen Vorfalls minimieren. Und sollte es einen Unfall geben, muss man ihn schneller entdecken, um die Verluste klein zu halten.

Ein Merkmal der Investmentbank waren die hohen Löhne. Was heisst der Abbau für die Löhne der Geschäftsleitung?
Auch diese müssen an die Profitabilität der Bank und das Marktumfeld angepasst werden. Das ist der Trend.

Das heisst, die ganz hohen Löhne gehen runter?
Ja. Zudem haben wir Transparenz geschaffen, die es den Aktionären ermöglicht, eine Meinung zu bilden und diese klar kundzutun.

Zur Erweiterung der Aktionärsrechte kommt bald die Abzockerinitiative und ein Gegenvorschlag zur Abstimmung. Wäre die Annahme der Initiative schlimm?
Für mich persönlich nicht, aber für die Schweiz. Das ist ein populistischer Ansatz, der die Unternehmen einschränkt. Der Gegenvorschlag ist gut.

Wäre die Annahme der Initiative ein Grund, den Hauptsitz zu verlegen?
Nein. Solch extreme Entscheide würden wir nicht fällen. Aber es würde viel schwieriger werden, Kompetenzzentren in der Schweiz auszubauen.

Tages-Anzeiger

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