6.50 Franken für eine Waschmaschine

In Thörishaus gewinnt ein Unternehmen aus Schrott wie Altautos und ausgedienten Haushaltgeräten Rohstoffe. Dabei ist wenig Handarbeit und viel rohe Gewalt gefragt.

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Mischa Stünzi

Werner Nydeggers Arbeitsplatz sieht aus wie die Kulisse für einen Hollywood-Krimi. Mehrere Meter hoch türmen sich die plattgedrückten Schrottautos, daneben erheben sich weisse Berge aus zerbeulten, ausgeweideten Haushaltgeräten.

Dazwischen die Kräne – ihre Greifzangen glänzen im Sonnenlicht. Die Szenerie hat eine morbide Ästhetik. Sie sei aber auch schon für Hochzeitsfotos genutzt worden, sagt Nydegger, Geschäftsführer der Karl Kaufmann Recycling AG.

Hier in Thörishaus, eingequetscht zwischen Autobahn und Gleisen, liegt das mehrere Hundert Meter lange Gelände der auf Altmetall spezialisierten Firma. 100'000 Tonnen Schrott verarbeitet Kaufmann Recycling im Jahr, rund 400 Tonnen am Tag: vorwiegend Autos sowie grosse Haushaltgeräte wie Waschmaschinen, Tumbler und Kühlschränke.

Gerade liefert Fust – der Elektronikhändler betreibt im nahen Niederwangen ein Logistikzentrum – eine Ladung ausgedienter Waschmaschinen. Wir verfolgen eine davon, um zu erfahren, wie aus dem Gerät wieder Rohstoffe werden.

Verleimt und verschweisst

Die Luft ist stickig in der kleinen Baracke, der Lärm der Trennscheibe ohrenbetäubend. Die Funken fliegen, wenn die Männer unserer Waschmaschine zu Leibe rücken. Im Auftrag von Kaufmann Recycling entfernen hier Langzeitarbeitslose und Flüchtlinge vom gemeinnützigen Verein Fractio die Schadstoffe, Leiterplatten und den Betonsockel aus den Geräten.

Für diese sogenannte Schadstoffentfrachtung bezahlen die Konsumenten im Laden die vorgezogene Recyclinggebühr von 12 Franken pro Waschmaschine – 2 Franken davon gehen pro zerlegte Maschine an Kaufmann Recycling. «Damit machen wir etwa 10 Prozent unseres Umsatzes», erklärt Nydegger.

Als Schadstoffe gelten Kondensatoren, Batterien, Leuchtmittel und Bildröhren. Alles, was hier entfernt wird, wird separat weiterverarbeitet. Den weitesten Weg haben die Leiterplatten vor sich. Aus ihnen werden in Schweden die Edelmetalle zurückgewonnen.

Der Rest der Waschmaschine wandert in den haushohen Schredder. Warum werden nicht mehr Materialien von Hand getrennt? Laut Nydegger waren in den 90er-Jahren einige teure Automarken wie BMW und Mercedes darum bemüht, ihre Produkte so zu konstruieren, dass sie im Recycling einfach und von Hand zerlegt werden können.

«Das wurde aber rasch wieder eingestellt, weil es zu teuer war und die Konkurrenz nicht mitgezogen hat.» Heute seien die Materialien oft verleimt, genietet oder verschweisst und könnten deshalb nur mit brachialer Gewalt getrennt werden.

10'000 Schläge pro Minute

Brachiale Gewalt ist der passende Beschrieb für das, was die Waschmaschine im Schredder erwartet. Eine 28 Tonnen schwere und mit 16 Hämmern bestückte Metalltrommel rotiert mit 600 Umdrehungen pro Minute. Sie drischt mit knapp 10'000 Schlägen pro Minute auf unsere Maschine ein. Zumindest theoretisch.

Denn in der Praxis dauert das Zerlegen des Haushaltgeräts in faustgrosse Stücke weniger als eine Minute. Vereinzelung der Materialien nennt Nydegger den Vorgang.

Nun müssen die einzelnen Materialien nur noch voneinander getrennt werden. Dafür durchläuft der gehäckselte Schrott mehrere Trennstufen. Als erstes den Windsichter, eine Art riesigen Staubsauger. Hier werden Stoffe wie Isolation und leichte Kunststoffe abgesaugt. Sie landen in der Kehrichtverbrennung.

Allerdings nicht in jener von Bern. Die EWB nehme die «Schredderleichtfraktion» im Moment nicht an, weil sie sonst allenfalls die Herstellergarantie auf dem neuen Werk im Forsthaus verlieren könnte, sagt Nydegger.

In einem zweiten Schritt sammelt ein Magnet Stahl und Eisen aus dem Häckselgut. Auch ein Grossteil unserer Waschmaschine wird hier aussortiert. Sie besteht zu knapp 60 Prozent aus Stahl. Dieser Sekundärrohstoff wird dann an jenes Schmelzwerk in der Schweiz oder im nahen Ausland geliefert, das aktuell die besten Preise zahlt.

Als nächstes trennt ein Induktionsverfahren die leitfähigen Metalle von den schweren Kunststoffen. Und zum Schluss wird aus den Metallen mithilfe einer Schwimm-Sink-Anlage das Aluminium aussortiert.

Viel ist das im Fall der Waschmaschine allerdings nicht. Sie besteht nur zu etwa 2 Prozent aus Alu. Insgesamt hat die Maschine einen Materialwert von etwa 6.50 Franken, wie Nydegger sagt. Die Rohstoffpreise sind derzeit allerdings im Keller.

«Vor ein paar Jahren bezahlten wir 200 Franken, wenn jemand sein altes Auto vorbeigebracht hat. Heute werden wir bezahlt.» Die Anlieferungen seien deshalb zuletzt um ein Drittel eingebrochen, sagt der Geschäftsführer. Sorgen macht er sich aber nicht: «Was heute zurückbehalten wird, wird womöglich schon nächsten Monat angeliefert.»

Der Bund

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