Twint verschiebt den Neustart weiter

Die geplante Fusion der Bezahl-Apps Twint und Paymit verschiebt sich zum zweiten Mal. Die Muskeln lässt Twint aber jetzt schon spielen.

Die erste Version von Twint läuft seit August 2015, Version 2.0 wird nun erst im Sommer 2017 breit lanciert.

Die erste Version von Twint läuft seit August 2015, Version 2.0 wird nun erst im Sommer 2017 breit lanciert.

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Mehr als ein halbes Jahr ist es her, dass Paymit und Twint, die beiden Schweizer Bezahllösungen fürs Handy, ihre Fusion bekannt gaben. Dann war es lange still um die beiden. Der Start der neuen Twint-App, ursprünglich für diesen Herbst angekündigt, musste verschoben werden. Zuerst auf Anfang 2017 und am Donnerstag nun erneut. Derzeit prognostiziert das Unternehmen, das im Besitz der grossen Schweizer Banken und der Finanzdienstleisterin Six ist, dass die neue Twint-Lösung für die ersten Banken ab Frühling 2017 verfügbar sein wird – für andere Kunden allerdings erst ab Sommer.

Die Verspätung erklärt Twint-Chef Thierry Kneissler damit, dass viel mehr Banken als erwartet in das Programm eingebunden werden wollten. Ursprünglich habe man mit etwa 5 Instituten gerechnet, nun seien 30 Banken mit an Bord, hiess es am Donnerstag. Obwohl es noch eine Weile dauert, bis Twint 2.0 tatsächlich startet, liess das Unternehmen am Donnerstag vor den Medien schon mal die Muskeln spielen. In den Büroräumlichkeiten in Bern präsentierte Twint eine Phalanx, die deutlich macht: Twint will mit allen Mitteln erfolgreich sein.

Mit an Bord sind nämlich nicht nur 30 Banken. Unterstützt wird Twint auch von den 3 Acquirern: Six, Aduno und Concardis. Sie sind es, die beim Händler die Bezahlinfrastruktur einrichten und die Verträge mit den Händlern und den Banken ausarbeiten, damit Karten und Apps an der Kasse überhaupt akzeptiert werden. Laut Jürg Weber, Chef von Six Payment Services, sind alle wesentlichen Acquirer mit von der Partie. Sie sollen das Wachstum von Twint massgeblich beschleunigen, so Kneissler. Im nächsten halben Jahr will allein Six 20'000 Bezahlterminals Twint-tauglich machen.

Twint wird teurer

Bisher bestes Argument für Twint gegenüber dem Handel waren die Kosten. Die Postfinance hat die Bezahllösung ursprünglich mit dem Versprechen lanciert, man wolle günstiger sein als die Maestro- und die Postfinancekarten. Damit dürfte nun Schluss sein. Weber sagte zwar, die konkreten Preise seien abhängig von bilateralen Verträgen zwischen Handel, Acquirer und Bank. «Es muss aber so sein, dass es dem Händler egal ist, ob der Kunde mit Karte oder Twint bezahlt.» Günstiger als Plastik? Das war einmal.

Letztlich entscheidet aber nicht der Handel, sondern der Kunde darüber, ob Twint ein Erfolg wird. Und das Unternehmen konnte am Donnerstag nicht verheimlichen, dass es auf der Kundenseite den grossen Durchbruch noch nicht geschafft hat. Zwar werden derzeit über Twint und Paymit je rund 125'000 Transaktionen pro Monat abgewickelt. In absoluten Zahlen tönt das nach viel. Wenn man allerdings weiss, dass allein Coop Tag für Tag rund 1 Million Transaktionen generiert und dass die Apps kumuliert 550'000 Mal heruntergeladen wurden, wird die Zahl erheblich relativiert.

Vor allem zwei Funktionen sollen Twint bei den Kunden populär machen. Erstens die Möglichkeit, seinen Freunden direkt Geld zu überweisen – wie das heute bereits bei Paymit funktioniert. So sollen die Leute auf die Plattform gebracht und mit dieser vertraut werden. In Schweden habe sich das als der grosse Hebel erwiesen, sagte Kneissler. Zweitens sollen über Twint in ungefähr einem Jahr auch Rechnungen bezahlt werden können. Die Rechnung enthält einen Code, dieser wird mit dem Handy fotografiert, die Transaktion vom Kunden bestätigt und fertig.

Der Rechnungsbetrag wird direkt dem hinterlegten Konto abgezogen. In den Augen von Michael Auer, Verwaltungsratspräsident von Twint und bei Raiffeisen Schweiz verantwortlich für das Privat- und Anlagekundengeschäft, wird das einer der grossen Treiber der neuen App sein.

Die Konkurrenten lauern

Fraglich ist, wie sich Twint im Vergleich mit den grossen Konkurrenten wie Apple Pay, Samsung Pay und Android Pay schlagen wird. Ob sich im Nischenmarkt Schweiz eine eigenständige Lösung wird etablieren können, ist für den Bankenfachmann und Professor an der Hochschule Luzern, Andreas Dietrich, offen. Das Beispiel von Ricardo und Ebay zeige, dass es durchaus spezifische Schweizer Lösungen gebe, die sich am Markt durchsetzten. Dietrich verweist aber auch auf das Beispiel Whatsapp.

Hier ist die lokale Lösung der Swisscom, iO, gegen den internationalen Marktleader chancenlos. Aus Sicht der Twint-Macher hat die lokale Lösung gegenüber den globalen Konglomeraten vor allem einen Vorteil: Twint sei näher am Kunden. «Welche Bezahl-App sonst kann Treuepunkte eines lokalen Ladens sammeln?», fragte Kneissler rhetorisch. Für Raiffeisen-Mann Auer spricht nicht zuletzt der Datenschutz für die Schweizer Lösung. Gleichzeitig unterstrich Jürg Weber aber auch, dass es kaum ein Entweder-oder-Entscheid sei. Er erwartet, dass sich mehrere Anbieter den Markt teilen werden.

Das grosse Plus der Konkurrenz auf der anderen Seite ist ihre Internationalität. Wer beispielsweise Apple Pay verwendet, kann die ihm vertraute Lösung rund um die Welt einsetzen. Bei Twint wird das vorerst nicht möglich sein. Kneissler sagte zwar, Twint stosse auch im nahen Ausland auf grosses Interesse. «Der Schritt ins Ausland ist für uns aktuell aber kein Thema.» (Der Bund)

Erstellt: 09.12.2016, 07:38 Uhr

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