Schweizer Wirtschafts-Boom: Gibts jetzt mehr Lohn?

Hohes Wachstum und tiefe Arbeitslosigkeit müssten den Salären helfen.

Auch im Baugewerbe dürften die Reallöhne dieses Jahr sinken. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Auch im Baugewerbe dürften die Reallöhne dieses Jahr sinken. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der wirtschaftliche Ausblick ist so gut wie seit längerem nicht mehr. Laut Konjunkturprognose des Bundes soll dieses Jahr ein reales Wachstum von 2,4 Prozent herausschauen – ein seit 2014 nicht mehr erreichter Wert. Gleichzeitig ist die Arbeitslosenrate im Juni auf 2,4 Prozent gesunken, verglichen mit 3 Prozent vor Jahresfrist.

Und mit Blick auf die gute Verfassung des Arbeitsmarktes ­haben die Bundesprognostiker ihre Schätzung für die mittlere Arbeitslosenrate im laufenden Jahr von 2,9 auf 2,6 Prozent zurückgenommen. Also günstige Voraussetzungen für merkliche Lohnerhöhungen.

Hinzu kommt, dass die beiden zurückliegenden Lohnrunden aus Sicht der Arbeitnehmenden enttäuschend ausgefallen sind. Resultierte 2017 eine durchschnittliche Reallohnerhöhung von mageren 0,2 Prozent gemäss Zahlen der UBS, dürfte sie in diesem Jahr voraussichtlich noch mickriger ausfallen. Zudem befindet sich die Inflationsrate auf einem stetigen, wenngleich moderaten Aufwärtstrend mit geschätzten 0,7 bis 0,8 Prozent im Jahresmittel 2018.

Abkehr von generellen Lohnerhöhungen

Für Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, ist denn auch klar, dass die genannten Aspekte in der kommenden Lohnrunde «eine Rolle spielen» müssten. «Ein wichtiges Thema ist ausserdem der Teuerungsausgleich», ergänzt Lampart. Seine Lohnforderungen will der Gewerkschaftsbund im September präsentieren.

Dass die Arbeitgeber vor zu grossen Erwartungen warnen, liegt auf der Hand. «Auch wenn die Konjunktur heute besser läuft, ist es eine Illusion zu glauben, dass sich im Herbst die Schleusen für flächendeckende grössere Lohnsteigerungen öffnen werden», sagt Valentin Vogt, Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes. Dem stehe schon entgegen, dass der Trend zu generellen Lohnerhöhungen seit längerem rückläufig sei und stattdessen vermehrt auf individuelle Anpassungen gesetzt werde.

Gleichwohl liess Vogt durchblicken, dass die Spielräume der Arbeitgeber in den Lohngesprächen im Vergleich zum letzten Jahr grösser geworden seien. Das gelte etwa für die Finanzdienstleister, die Medizinaltechnik oder die Informationstechnologie, wo sich zunehmend ein Mangel an Fachkräften bemerkbar mache. «Auf der anderen Seite gibt es aber Branchen wie den Detailhandel oder die Hotellerie, die vom wirtschaftlichen Aufschwung so gut wie nichts spüren», ergänzt der Arbeitgeberpräsident.

Selbst branchenintern wie in der Maschinen- und Elektroindustrie ist die Geschäftslage je nach Firma sehr unterschiedlich. Hans Hess, Präsident des Branchenverbands Swissmem, bezeichnet die Entwicklung zwar als «seit einigen Monaten sehr positiv». Dennoch hätten Ende 2017 noch immer 15 Prozent der Branchenfirmen einen Betriebsverlust erzielt. Noch grösser ist nach Meinung von Valentin Vogt der Anteil jener Unternehmen, die jetzt nach Jahren starken Margendrucks erst einmal ihre aufgeschobenen Ersatzinvestitionen tätigen müssen.

Doch nicht nur die Arbeitgeber, sondern auch Bankökonomen zeigen sich mit Blick auf die anstehende Lohnausmarchung im Herbst betont zurückhaltend. «Es braucht wohl noch eine Weile gute Wirtschaftszahlen, bis das Lohnwachstum anspringt», sagt Claude Maurer, Leiter Makroanalysen Schweiz bei der Credit Suisse. «Zuerst wird dies in den USA oder Deutschland der Fall sein, erst dann wird sich die Schweizer Begebenheit ändern.» Maurer geht für das kommende Jahr von einer mittleren nominellen Lohnerhöhung um 1 Prozent aus, sodass nach Berücksichtigung der Teuerung ein reales Plus von 0,3 Prozent verbleibt.

Deutliche Reallohnzuwächse seit der Finanzkrise

Daniel Kalt, Chefökonom Schweiz der UBS, räumt ein, dass die beiden vorausgegangenen Lohnrunden in kaufkraftbereinigter Betrachtung «eher schwach» ausfielen. Verantwortlich hierfür seien zum einen die Nachwehen des Frankenschocks gewesen (nachdem die Nationalbank im Januar 2015 den Euromindestkurs aufgegeben hatte). Zum andern hätten die wieder positiven Inflationsraten die bescheidenen Nominallohnzuwächse zusätzlich gedrückt.

Dennoch bezweifelt Kalt, «ob es gerechtfertigt ist, zu sagen, dass endlich wieder die Zeit gekommen sei für massiv höhere Reallohnzuwächse». Der UBS-Ökonom verweist zur Begründung auf die Entwicklung der Schweizer Reallöhne in den acht Jahren seit der Finanzkrise von 2008/09: Mit einem durchschnittlichen jährlichen Zuwachs von 1,4 Prozent seien dies die besten Jahre seit Ende der 1980er-Jahre gewesen. Grund hierfür waren die extrem tiefen Inflationsraten im zurückliegenden Jahrzehnt; zwischen 2012 und 2016 rutschten die Jahresteuerungsraten in den negativen Bereich. Dadurch, so Kalt, seien die an sich bescheidenen nominalen Lohnerhöhungen «aufgebessert» worden.

Auch aus Sicht von Alexis Bill-Körber, Leiter Makro-Research beim Basler Konjunkturforscher BAK Economics, spricht einiges gegen Lohnerhöhungen in der Grössenordnung von 2 Prozent und mehr in diesem Jahr. Sein Hauptargument: Die geringen Produktivitätsfortschritte der Wirtschaft – gemessen als nominelles Bruttoinlandprodukt in Relation zur Beschäftigung in Vollzeitäquivalenten – schränkten den Spielraum für Lohnzuwächse entsprechend ein. Für 2016 und 2017 beziffert Bill-Körber das Produktivitätswachstum auf je 1 Prozent, und ähnlich dürfte es auch 2018 ausfallen. Optimistischer gibt sich der BAK-Experte indes für nächstes Jahr: Bei einer erwarteten mittleren Lohnerhöhung von 1,7 Prozent sollte nach Abzug der Teuerung ein Reallohnplus von immerhin 0,7 Prozent verbleiben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2018, 07:09 Uhr

Artikel zum Thema

Damit 50+ wegen höherer PK-Beiträge nicht entlassen werden

Ältere Arbeitnehmer seien wegen zu hoher Lohn-Nebenkosten öfters von Entlassungen bedroht, so Workfair 50. Der Verein lanciert nun eine Volksinitiative. Mehr...

Schweizer Arbeitslosenquote auf Rekordtief

106'579 Personen waren im Juni als arbeitslos gemeldet. Zum Vorjahr gibts einen Drittel mehr freie Stellen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Das Potenzial von Megatrends nutzen

Thematisches Investieren setzt sich neben regionalem und sektoriellem Anlegen immer mehr durch.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...