«Strom fehlt derzeit nicht, im Gegenteil»

Die Schweiz produziert momentan keinen Atomstrom mehr. Müssen wir nun schmutzigen Kohlestrom importieren? Fünf Fragen an Felix Nipkow von der Schweizerischen Energiestiftung.

Alle AKW - auch Beznau - sind vom Netz und trotzdem ist kein Versorgungsengpass zu befürchten.

Alle AKW - auch Beznau - sind vom Netz und trotzdem ist kein Versorgungsengpass zu befürchten.

(Bild: Keystone Alessandro della Bella)

Keines der fünf Schweizer Atomkraftwerke läuft. Gabs das schon mal?
Felix Nipkow: Das ist aussergewöhnlich, meines Wissens kam das noch nie vor, seit es in der Schweiz AKW gibt. In der Regel gehen die AKW im Sommer gestaffelt in Revision, sodass jeweils höchstens drei von fünf gleichzeitig vom Netz sind.

Fehlt nun Strom?
Ganz im Gegenteil. Unter dem Strich exportiert die Schweiz derzeit sogar Strom. Derzeit, das heisst um 12.15 Uhr, sind es 265 Megawatt. Das ist zwar nicht viel, aber in Anbetracht der Tatsache, dass alle fünf Atommeiler abgeschaltet sind, doch beachtlich. Es ist aber möglich, dass wir im Tagesverlauf auch etwas Strom importieren werden.

Muss die Schweiz nun schmutzigen Strom aus europäischen Kohlekraftwerken importieren?
Das hängt vom Wetter ab. Massgebend ist, wie stark in Deutschland die Sonne scheint. An besonders sonnigen Tagen deckt dort die Sonne über ein Drittel des Verbrauchs ab. Dann exportiert Deutschland Strom aus Solar- und Windkraftwerken. Doch die Elektronen haben kein Etikett, aus welcher Produktionsquelle sie stammen. Wenn wir importieren, so importieren wir sogenannten europäischen Graustrom. Und der ist grundsätzlich nicht sauber: Im europäischen Strommix sind rund zwei Drittel Kohle- und Atomstrom dabei.

Wenn es doch ohne AKW geht: Warum lassen wir sie nicht gleich ausgeschaltet?
Nähmen wir jetzt alle fünf Atomkraftwerke definitiv vom Netz, so müssten wir bald Strom importieren. Denn im Herbst, wenn es in den Bergen zu schneien beginnt, geht die Produktion aus der Wasserkraft zurück. Aber: Die erneuerbaren Energien haben ein sehr grosses Potenzial. Mittelfristig betrachtet, brauchen wir keine AKW. Es ist realistisch, dass wir in der Schweiz bis 2030 genug erneuerbaren Strom erzeugen, um uns übers ganze Jahr ohne Atomkraft selbst versorgen zu können. Das Ziel wäre auch schneller erreichbar, nämlich bis zum Jahr 2025, doch die Politik bremst den Zubau erneuerbarer Energie nach Kräften aus.

Wie viel liefern denn die AKW?
Wir haben in den vergangenen Jahren unter dem Strich stets Strom exportiert, die Menge entsprach jeweils etwa dem Anteil eines kleinen Atomkraftwerks wie Mühleberg. Knapp 40 Prozent des Schweizer Stroms stammen aus Atomkraftwerken und 56 Prozent aus Wasserkraft. Die Hälfte der Wasserkraftproduktion läuft als Sockelenergie, der Rest ist flexibel und kann nach Bedarf ein- und ausgeschaltet werden, um die Schwankungen aus Solar- und Windkraft auszugleichen. Der Anteil der neuen erneuerbaren Energien wie Solar- und Windstrom oder Strom aus Biomasse liegt in der Schweiz derzeit bei rund 4 Prozent.

Bundesamt: Kein Versorgungsengpass

Das Bundesamt für Energie (BFE) beziffert die Produktion der Schweizer Kernkraftwerke auf 26'370 GWh im Jahr 2014, was 37,9 Prozent der gesamten Stromproduktion im Land entsprochen habe. Die Schweizer Kernkraftwerke seien als Produzenten von Grundlaststrom «nach wie vor bedeutend für die Schweizer Stromversorgung», hält Sprecher Fabien Lüthi fest: «Dies insbesondere auch im Winter, wenn die Stromnachfrage hoch ist und die Produktion aus Wasserkraft – und in Zukunft vermehrt Fotovoltaik – geringer ausfällt.»

Falls nun ein Versorger zu wenig Strom zur Deckung der Nachfrage seiner Endverbraucher habe, könne er die fehlenden Mengen an den europäischen Strombörsen kurzfristig beschaffen. «Im Vergleich zum gesamten Endverbrauch in der Schweiz sind die an diesen Börsen gehandelten Mengen sehr hoch», betont Lüthi, «ein Versorgungsengpass zeichnet sich demnach nicht ab.» Bei einer vergleichbaren Abschaltung aller Kernkraftwerke im Winter wären die erforderlichen Importmengen jedoch bedeutend höher als aktuell.

DerBund.ch/Newsnet

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