Wo die Tourismuskrise am grössten ist

Ein Vergleich der Logiernächte zeigt, welche Destinationen seit der Freigabe des Euro-Franken-Kurses am meisten gelitten haben.

Das Klosterdorf Disentis hat viele Hotelgäste verloren.

Das Klosterdorf Disentis hat viele Hotelgäste verloren. Bild: Sedrun Disentis Tourismus

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In Disentis ist der Einbruch besonders krass. Dort zählen die Hotels 65 Prozent weniger Übernachtungen von Gästen aus Euroländern, seit die Nationalbank den Mindestkurs aufgegeben hat. Dieser Knall vom 15. Januar 2015 hallt in vielen Schweizer Tourismusgemeinden bis heute nach. «Die Auswirkungen des starken Frankens sind immer noch heftig», meinte gestern Schweiz Tourismus anlässlich der Präsentation der Beherbergungszahlen für 2016. Die Talsohle scheine nun aber erreicht zu sein und «der Turnaround in Sicht». Zeit also, Bilanz zu ziehen über die touristischen Auswirkungen der Freigabe des Eurokurses.

Vor dem 15. Januar 2015 hatte die Nationalbank einen Mindestkurs von 1.20 Franken angepeilt. Inzwischen ist ein Euro für 1.06 Franken zu haben. Dies ermöglicht Schweizer Touristen günstigere Ferien in Euroländern. Umgekehrt sind Reisen in die Schweiz für Europäer deutlich teurer geworden. Das schlägt sich in einer geringeren Nachfrage nieder – wenn auch nicht in allen Tourismusdestinationen gleich stark, wie eine Auswertung der Logiernächtestatistik durch den TA zeigt.

Schweizer Gäste sind treuer

Am heftigsten traf es Disentis in der Bündner Surselva. Die dortige Hotellerie verzeichnete 2014 noch über 18'000 Logiernächte von Gästen aus dem Euroraum – also aus jenen 19 Staaten, in welchen der Euro die offizielle Währung ist. 2016 waren es nur noch gut 6000 Nächte. Dies entspricht einem Rückgang um rund zwei Drittel.

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«Als Rheinquellgebiet hatten wir traditionell überdurchschnittlich viele Gäste aus Holland und Deutschland», sagt Hans-Kaspar Schwarzenbach, Leiter von Sedrun Disentis Tourismus. «Die Euroschwäche hat uns daher härter getroffen als andere Destinationen.» Kommt hinzu, dass das Skigebiet von ­Disentis noch keine künstliche Beschneiungsanlage hat. Entsprechend bleiben die Gäste aus, wenn über die Weihnachtstage der Schnee fehlt. Überdies hätten in der Region gleich mehrere Hotels geschlossen, so Schwarzenbach.

Dadurch reisten im vergangenen Jahr auch weniger Schweizer nach Disentis. Insgesamt führte das zu einem Rückgang der Logiernächte um 48 Prozent im Vergleich zu 2014. Dies will Schwarzenbach nun wieder ändern – etwa mit dem Bau einer Beschneiungsanlage und einer Verbindungsbahn zum Skigebiet von Andermatt-Sedrun. Auch soll in diesem Jahr ein neues Resort mit 700 Betten errichtet werden.

Ein Spezialfall ist die Gemeinde Quarten mit dem Skigebiet Flumserberg und dem Resort Walensee im Ortsteil Unterterzen. Dieses Resort bietet sowohl Hotelzimmer als auch Ferienwohnungen an. Dadurch fliessen seine Logiernächte mal in die Hotellerie-Statistik ein und mal nicht, was die Statistik verzerrt.

Effektiv stark eingebrochen sind die Buchungen aus dem Euroraum dagegen in Wildhaus - Alt St. Johann. In der Toggenburger Gemeinde sank die Zahl dieser Logiernächte seit 2014 um über 40 Prozent. Das ist für die dortige Hotellerie nicht ganz so dramatisch, weil der Anteil der europäischen Gäste in Wildhaus schon immer gering war. Mit 9 Prozent liegt er tiefer als in fast allen anderen 100 Destinationen, die vom Bundesamt für Statistik ausgewiesen werden. Wildhaus setzt stattdessen vor allem auf Schweizer. Diese machen 88 Prozent der Gäste aus und sind deutlich treuer. Dadurch hat die Toggenburger Gemeinde insgesamt «nur» 11 Prozent der Logiernächte verloren.

Wintersportorte leiden am stärksten

Generell zeigt sich, dass Wintersportorte am stärksten unter dem tiefen Eurokurs leiden. Besonders gravierend sind die Auswirkungen in Graubünden. Dort sind die Buchungen aus dem Euroraum um 23 Prozent eingebrochen, seit die Nationalbank im Januar 2015 den Mindestkurs aufgegeben hat. Auch das Berner Oberland und das Wallis haben in den letzten beiden Jahren überdurchschnittlich viele Übernachtungen europäischer Touristen verloren. Beide Regionen büssten rund 20 Prozent ein, während die Zürcher Hoteliers lediglich 4 Prozent weniger Gäste aus dem Euroraum verzeichnen. Landesweit beläuft sich der Rückgang auf 12 Prozent.

Infografik: Wo die Zahl der Logiernächte am meisten gesunken ist

Zumindest teilweise kann die Einbusse an europäischen Touristen durch eine Zunahme an Schweizer Gästen kompensiert werden. Diese haben im vergangenen Jahr nämlich 1,4 Prozent mehr Übernachtungen im eigenen Land gebucht – obwohl sie seit der Aufgabe des Mindestkurses deutlich günstiger nach Italien, Spanien oder Griechenland reisen könnten. Das hat manchen Hotelier gerettet.

Insgesamt ging die Zahl der Logiernächte deswegen landesweit um lediglich 1,1 Prozent zurück – wobei auch hier der Kanton Graubünden mit minus 8 Prozent und das Wallis mit minus 6 Prozent überdurchschnittlich schlecht abschneiden.

Seminare und Meetings boomen

Es gibt auch Destinationen, die zulegen konnten – selbst bei Gästen aus dem Euroraum. In Baden zum Beispiel verzeichneten die Hotels im vergangenen Jahr ein Drittel mehr Logiernächte als 2014 – trotz der Aufhebung des Euro-Mindestkurses. Mathias Fleischmann vom Badener Standortmarketing führt dies unter anderem auf die stärkere Positionierung als Standort für Tagungen, Meetings und Kongresse zurück. Zu diesem Zweck sei 2014 ein zusätzliches Hotel eröffnet worden. Überdies habe die Übernahme von Alstom durch General Electric zu einer Zunahme von Geschäftsreisenden geführt, vor allem aus den USA.

Über alle Nationalitäten betrachtet, hat in den letzten zwei Jahren Schaffhausen am stärksten zugelegt. Dies sei unter anderem auf die Neueröffnung eines Hotels mit 260 Betten zurückzuführen, sagt Jörg Steiner von Schaffhauserland Tourismus. Dadurch habe sich der Wettbewerb intensiviert, was wiederum zu günstigeren Preisen und zu einer höheren Nachfrage geführt habe.

Bei den Gästen aus Eurostaaten vermochte sich dagegen Olten am deutlichsten zu steigern – um 32,8 Prozent. Auch hier gelang dies vor allem durch die Fokussierung auf Seminare und Meetings, wie Stefan Ulrich von Olten Tourismus erklärt. Seit gut drei Jahren bemüht sich eine eigene Abteilung um solche Gäste und versucht so, die gute Verkehrserschliessung der Stadt auszunutzen. Mit Erfolg: 85 Prozent aller Oltner Übernachtungen würden aus geschäftlichen Gründen gebucht, sagt Ulrich.

Viele dieser Gäste kommen aus Nachbarländern, vor allem aus Deutschland. Dadurch ist der Anteil der Besucher aus dem Euroraum in Olten auf 31 Prozent gestiegen. Gesamtschweizerisch sind es 24 Prozent. Mit Abstand den höchsten Anteil europäischer Gäste weist die Walliser Gemeinde Anniviers aus, zu der unter anderem auch Zinal und Grimentz gehören. Hier stammen 61 Prozent der Touristen aus einem Eurostaat. In der Lenk hingegen sind es gerade mal 7 Prozent. Entsprechend können die dortigen Hoteliers der künftigen Entwicklung des Eurokurses gelassener entgegensehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2017, 22:25 Uhr

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