Weniger Raucher, mehr Gewinne

Die Tabakindustrie erlebt in den USA goldene Zeiten. Dank tiefen Steuern und mit einer Strategie der Marktballung schreibt sie heute Gewinne wie sonst nirgends in der westlichen Welt.

Grüner Rohstoff für grosse Profite: Erntehelfer auf einer Tabakplantage in Kentucky. Foto: Luke Sharrett (Bloomberg, Getty Images)

Grüner Rohstoff für grosse Profite: Erntehelfer auf einer Tabakplantage in Kentucky. Foto: Luke Sharrett (Bloomberg, Getty Images)

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Vor 20 Jahren erlebte die Tabakindustrie in den USA ihre grösste Krise. Eine Strafe für irreführende Werbung von mehr als 200 Milliarden Dollar sowie striktere Gesundheitsvorschriften trübten die Gewinnaussichten. Das Image war so schlecht, dass sich mehrere ausländische Produzenten zurückzogen. Doch heute erzielt die Branche in den USA wieder mehr Gewinne als in jedem anderen Industrieland und investiert kräftig in rauchfreie Alternativen zur Zigarette. Der unerwartete Aufschwung wurde möglich durch eine Konsolidierung der Branche: Zwei Kolosse kontrollieren heute mehr als 80 Prozent des Markts.

Der amerikanische Markt ist wieder so attraktiv geworden, dass die British American Tobacco (BAT) nach zehn Jahren Abwesenheit zurückkehrt und sogar zur Nummer eins – vor dem Marlboro-Hersteller Altria – werden will. Abgesehen von China, wo der Staat das Tabakmonopol hat und die Preise diktiert, «sind die USA heute zum grössten Gewinnbecken geworden», sagt BAT-Chef Nicandro Durante. Der Markt sei «überaus attraktiv», führt er aus und verdeutlicht dies an folgendem Beispiel. In den USA muss die BAT lediglich zwei Zigarettenpackungen verkaufen, um den gleichen Gewinn zu machen wie mit sechs Packungen in anderen industriellen Staaten. Und in Entwicklungsländern müsste die BAT sogar 13 Packungen absetzen, um auf den gleichen Profit zu kommen. Die Rückkehr in die USA «ist für die BAT eine aufregende Chance für eine langfristige Gewinnsteigerung».

Das «Marlboro-Schutzgesetz»

Eine einmalige Kombination hat es der Tabakindustrie erlaubt, sich aus ihrer Krise zu befreien: Zum einen sind die Tabaksteuern in den USA vergleichsweise tief geblieben. Das gab den Herstellern grösseren Spielraum als in anderen Industrieländern, ihre Preise anzuheben und die Margen hoch zu halten. Tatsächlich hoben die Hersteller in den letzten 15 Jahren ihre Preise sofort und unisono an, wenn die Tabaksteuern stiegen. In den USA macht die Steuer derzeit «nur» 42 Prozent des Verkaufspreises einer Packung Zigaretten von 6.20 Dollar aus. In der Schweiz kostet eine Packung umgerechnet 8.50 Dollar, in Grossbritannien sogar 10.62 Dollar. Die Differenz ist im Wesentlichen durch die Tabaksteuer begründet: In der Schweiz liegt sie bei 53 Prozent und in Grossbritannien bei 82 Prozent.

Die relativ tiefen Preise erlaubten es den Tabakkonzernen auch, die Kosten der Wiedergutmachung und die Strafe von 206 Milliarden Dollar aus dem Jahr 1997 auf die Konsumenten zu überwälzen. Rund 69 Cent zahlen die Raucher heute pro Packung Zigaretten noch dafür, dass die Industrie die Gesundheitsrisiken jahrzehntelang herunterspielte.

Profitiert haben die Branchenriesen auch – entgegen aller Vernunft und Absicht – von einer verschärften staatlichen Aufsicht. Ein seit 2009 geltendes Gesetz gibt der Regierung erstmals das Recht, umfassende Gesundheits- und Werbevorschriften zu erlassen. So gut gemeint der Tobacco Control Act war, er hatte einen entscheidenden Nachteil: Alle Produkte, die vor 2007 auf dem Markt waren, wurden von den Vorschriften ausgenommen. Die Tabaklobby legte damit die finanziellen und regulatorischen Hürden so hoch, dass Neueinsteiger behindert und die Konkurrenz beschnitten wurde. Kritiker sprechen deshalb vom «Marlboro-Schutzgesetz». Von einst sieben Herstellern sind heute nur die Kolosse Altria und Reynolds übrig geblieben. Sie kontrollieren über 80 Prozent des Markts und diktieren die Preise. Ziel der verschärften Bestimmungen sei die Senkung der Raucherquote gewesen, nicht die Schmälerung der Unternehmensgewinne, räumt im Rückblick der frühere demokratische Abgeordnete Henry Waxman ein.

Sinkende Quoten

Die Raucherquote ist in den USA seit 2001 stark gesunken. Die Zahl der verkauften Zigaretten ging um 37 Prozent zurück. Nur noch 15 Prozent der Amerikaner rauchen, 40 Prozent weniger als 1995. Zum Vergleich: In der Schweiz liegt die Raucherquote bei 28 Prozent. Am stärksten abgenommen hat der Nikotinkonsum unter den Studenten. Lediglich 11 Prozent von ihnen rauchen – vor 20 Jahren waren es noch 35 Prozent gewesen. Im gleichen Zeitraum aber steigerten die Hersteller den Umsatz um 32 Prozent auf mehr als 93 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr. Ihr Gewinn stieg nach Angaben der Bank of America seit 2006 sogar um 77 Prozent auf 18,4 Milliarden. Und die Investoren sahen die Tabakaktien in den letzten zehn Jahren um 178 Prozent steigen – dreimal mehr als der Leitindex S&P 500.

Von der Regierung Trump hat die Branche nichts zu befürchten. Im Gegenteil: Der Präsident hat der Tabakindustrie weniger Vorschriften in Aussicht gestellt. Dafür wollen progressive Bundesstaaten härter durchgreifen. Kalifornien hob die Tabaksteuer im April um 2 Dollar je Packung an. Der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio will den Packungspreis von 10 auf 13.50 Dollar erhöhen und zugleich die Zahl der lizenzierten Tabakhändler verringern.

Bier und Wein als Alternativen

Solchen Pressionen begegnet die Industrie durch eine Strategie der Marktballung. Von den sieben Konzernen vor 20 Jahren sind noch zwei Riesen im Geschäft geblieben. Und die Konzentration geht weiter. Die BAT will für fast 50 Milliarden Dollar den Restanteil von Reynolds kaufen und daraus den grössten Tabakkonzern der USA mit Marken wie Newport, Camel und Pall Mall machen. Doch Branchenexperten gehen davon aus, dass dies eine Gegenattacke von Altria provozieren dürfte, und zwar in Form eines Zusammenschlusses mit Philip Morris, womit die erst vor wenigen Jahren vollzogene Trennung der beiden Firmen wieder rückgängig gemacht würde. «Die USA nehmen eine zunehmende Konsolidierung der globalen Tabakverarbeitung voraus», sagt Shane MacGuill, Analyst des Marktforschungsinstituts Euromonitor. Die Konzerne seien gezwungen, immer mehr Marktanteile hinzuzukaufen, um ihre Gewinnmargen halten zu können.

«Eine anspruchsvolle Zeit liegt hinter uns. Es ist uns gelungen,
den Lärm ums Thema Tabak abzustellen.»

Marty Barrington, Altria-Chef

Ein Mittel dazu sind rauchfreie Alternativen zur Zigarette. Auch da haben die USA mit einem Marktanteil von 45 Prozent für die Vaporzigarette die führende Rolle übernommen. Altria ist zusätzlich ins Weingeschäft eingestiegen, hat ausserdem eine Beteiligung von 10 Prozent am Bierkonzern Anheuser-Busch erworben, während Reynolds die Raucher mit einem Nikotinkaugummi bei Laune halten will. Die Laune der Tabakindustriellen hat sich in den letzten Jahren deutlich aufgehellt. «Eine sehr anspruchsvolle Zeit liegt hinter uns», sagt Altria-Chef Marty Barrington. «Es ist uns gelungen, den Lärm rund ums Thema Tabak abzustellen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2017, 20:58 Uhr

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