Tot sind sie billiger

Die Aufzucht männlicher Kälber rentiert nicht. Bis zu 10'000 pro Jahr werden deshalb kurz nach der Geburt getötet. Der Branchenverband will dagegen vorgehen.

Damit Kühe Milch produzieren, müssen sie kalbern. Männliche Nachkommen sind jedoch unerwünscht. Foto: Keystone

Damit Kühe Milch produzieren, müssen sie kalbern. Männliche Nachkommen sind jedoch unerwünscht. Foto: Keystone

Stefan Häne@stefan_haene

Die Verhandlungen haben unlängst hinter geschlossenen Türen stattgefunden. Offiziell will sich niemand zum Ergebnis äussern. Doch die Vorschläge, die auf dem Tisch liegen, scheinen mehrheitsfähig, wie ein Insider dem DerBund.ch/Newsnet berichtet. Getroffen haben sich Vertreter der Fleisch- und Milchwirtschaft. Sie wollen eine Lösung für ein «ethisches Problem» finden. Ein solches orten nicht nur Tierschützer, sondern auch Proviande. Die Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft hat Mitte Juni mit dramatischen Worten beschrieben, was im Schatten der Milchwirtschaft abläuft: Männliche Kälber von Milchkühen werden zunehmend zum Abfallprodukt, ihre Aufzucht rentiert sich kaum mehr.

In manchen Fällen, kritisiert der Schweizer Tierschutz, würden die Kälber gar vor der gesetzlich erlaubten Frist von sieben Lebenstagen getötet. Der Tierschutz stützt sich dabei auf Insiderinformationen aus Waadtländer Milchbetrieben und zudem auf statistische Daten. Demnach kommen Kälber von Hochleistungskühen für die Milchproduktion prozentual deutlich häufiger tot zur Welt oder verenden binnen dreier Tage, als dies bei Rindvieh insgesamt der Fall ist. In absoluten Zahlen waren es vergangenes Jahr mehr als 10 000 Kälber. Die Tierschützer vermuten, ein Teil der Bauern töte männliche Kälber kurz nach der Geburt oder behandle erkrankte Tiere nicht mehr.

Keine Frühtötungen mehr

Seit die Tierschützer ihre Kritik öffentlich vorgebracht haben, gärt in der Milch- und Fleischwirtschaft die Angst vor einem immensen Imageschaden; dies umso mehr, als der Konsum von Kalbfleisch in der Schweiz ohnehin schon rückläufig ist.

Zur Debatte stehen gemäss Informationen des TA zwei Vorschläge. Erstens sollen die Kälber nach der Geburt nicht gleich in die Mast gebracht werden, sondern bis zu drei Wochen auf dem Geburtsbetrieb bleiben. Diese Zeit in vertrauter Umgebung soll helfen, die Gesundheit des Tieres zu stärken und so den Einsatz von Medikamenten zu reduzieren. Tötungen von Babykälbern soll es nicht mehr geben – es sei denn, medizinische Gründe sprächen dafür.

Zweitens will die Branche für Tränkerfleisch – das Fleisch jener Kälber, die in die Mast gehen – «faire Preise» etablieren, wie ein Insider sagt. Also mehr als die derzeit 6 Franken pro Kilogramm Lebendgewicht; zeitweise war es auch nur die Hälfte davon. Mit einer Art Gentlemen’s Agreement will die Branche erwirken, dass Tiefpreisangebote geächtet werden. Helfen soll dabei eine erhöhte Transparenz über die gerade aktuellen Tränkerpreise in den verschiedenen ­Regionen in der Schweiz. Regelmässige Publikationen im Internet sollen Ver­suche von Preisdumping blossstellen.

Ziel: Problem im Herbst gelöst

Die Vorschläge befinden sich derzeit bei verschiedenen Organisationen in der Vernehmlassung. An der nächsten Sitzung im September will die Branche sich für das Vorgehen entscheiden. Im Herbst werfen die Kühe ihre Kälber. Bis dahin soll das Problem gelöst sein.

Schärfere Gesetze lehnen die Branchenvertreter allerdings ab, sie wollen in den Ställen selber für Ordnung sorgen. Der Erfolg der Bemühungen steht und fällt folglich mit dem Engagement der Milchbetriebe und Viehhändler. Aber auch die Konsumenten müssten laut einem Branchenkenner bereit sein, tiefer ins Portemonnaie zu greifen, sollte sich das Kalbfleisch wegen den Verbesserungen verteuern. Gefordert sind seiner Ansicht nach auch die Grossverteiler. Sie müssten das teurere Fleisch in ihr Sortiment aufnehmen.

Ziehen Grossverteiler mit?

Migros und Coop bleiben auf Anfrage vage. Sie betonen, nicht direkt betroffen zu sein, da sie keine Tränkerkälber kaufen würden. Vielmehr würden die Tiere zwischen den Landwirtschaftsbetrieben direkt gehandelt oder über Händler von den Aufzuchtbetrieben an die Kälbermastbetriebe verkauft. Doch werden die schlachtreifen Kälber danach unter anderem auch von den Schlacht- und Fleischverarbeitungsbetrieben der Grossverteiler gekauft. Ein Migros-Sprecher sagt dazu, die Preisfrage sei Teil der laufenden Branchendiskussion. Die Migros sei aber bereit, «mit der Branche weiterhin die Thematik zu diskutieren und die Landwirtschaft bei dieser vielschichtigen Herausforderung zu unterstützen». Auch Coop versichert, eine «möglichst gute Lösung im Sinne des Tierwohls» finden zu wollen.

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