Strom-Patrioten gesucht

Eine Walliser Genossenschaft soll mit einem innovativen und ökologischen Ansatz die heimische Wasserkraft stärken. Doch das Projekt harzt.

Zweitgrösster Stausee der Schweiz: Blick auf die 180 Meter hohe Mauer des Lac d’Emosson im Kanton Wallis. Foto: Manuel Lopez (Keystone)

Zweitgrösster Stausee der Schweiz: Blick auf die 180 Meter hohe Mauer des Lac d’Emosson im Kanton Wallis. Foto: Manuel Lopez (Keystone)

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Es war ein feuriges Plädoyer für die Wasserkraft und eine neue Idee zu ihrer viel diskutierten Rettung. Nur zu jammern reiche nicht, schrieb Jean-Michel Cina in einem Gastbeitrag in der NZZ im vergangenen November. Subventionen und Wasserzinsreduktionen seien keine langfristigen Lösungen für das Rückgrat der Schweizer Stromversorgung. Es gelte, innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln.

An einem solchen Modell wirkt Cina mit. Der Walliser präsidiert nicht nur den SRG-Verwaltungsrat, sondern auch jenen der Walliser Elektrizitätsgesellschaft (FMV SA). Das Stromunternehmen hat Mitte Oktober 2017 mit der Enalpin und der auf Energie- und Gebäudetechnik spezialisierten Inretis AG die Genossenschaft e-can suisse gegründet. Mit dem neuen Modell können sich die Konsumenten Zugang zu einheimischer Wasserkraft sichern. Matthias Sulzer, Präsident von e-can suisse, spricht von einem «patriotischen Produkt». Sulzer ist Unternehmer und Forscher an der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in Dübendorf.

Sensor misst Stromverbrauch alle 15 Minuten

Das Modell funktioniert wie folgt: Die Kleinkunden, also die Haushalte und KMU, müssen ihren Strom heute bei ihrem lokalen Elektrizitätswerk bestellen – dies, weil der Strommarkt in der Schweiz erst für Grosskunden geöffnet ist, also bloss für energieintensive Unternehmen. Mit dem neuen Modell beziehen die Konsumenten ihren Strom zwar weiterhin von ihrem lokalen Lieferanten und bezahlen dort auch die entsprechende Rechnung dafür.

Als Genossenschafter von e-can suisse können sie aber neu sicherstellen, dass der Strom, den sie brauchen, in Echtzeit produziert und ins Netz eingespeist wird – und zwar von den Walliser Wasserkraftwerken Ernen und Mörel, die von der FMV SA und Enalpin gemeinsam betrieben werden. Dazu erhält jeder Kunde einen Sensor, der bei ihm daheim den Stromverbrauch alle 15 Minuten misst und die Daten direkt zu den beiden Wasserkraftwerken im Wallis leitet. Weil sich im Stromnetz Verbrauch und Produktion stets die Waage halten müssen, verdrängt e-can suisse so Strom aus anderen Quellen vom Markt.

Gewinn oder Verlust?

Die Genossenschaft setzt damit in einem wichtigen Punkt einen neuen Akzent. Wer heute bei seinem lokalen Anbieter Strom aus Wasserkraft oder anderen erneuerbaren Energien bezieht, hat die Gewissheit einer Produktion in Echtzeit nicht, wie Sulzer erklärt. Vielmehr stecke hinter den Ökoprodukten meist Label-Strom. Zwar basiere dieser ganz oder teilweise auf erneuerbaren Energien. Allerdings kaufe der Stromlieferant diesen Strom häufig über Zertifikate auf Jahresbasis. Deshalb werde der Strom, den ein Kunde verbrauche, nicht immer in Echtzeit in der Schweiz aus erneuerbaren Energien erzeugt.

Die Genossenschaft verkauft ihren produzierten Strom auf dem freien Markt. Der Erlös fliesst an die Genossenschaft zurück und von dort an ihre Kundschaft. Ob sich das Modell für die Kunden rechnet, hängt davon ab, wie sich der Strompreis entwickelt. Die Genossenschaft setzt ihn bei 7,5 Rappen pro Kilowattstunde an. Liegt der effektive Preis auf dem Strommarkt darunter, verliert der Kunde Geld – eine Art Solidaritätsbeitrag für die Wasserkraft, wie es die Promotoren von e-can suisse nennen. Liegt der Preis über 7,5 Rappen, erhält der Kunde Geld zurück. Mit diesem Gewinn kann er dann einen Teil seiner Stromrechnung bei seinem lokalen Elektrizitätswerk bezahlen.

Wird das neue Modell für die Mehrheit der Kunden zum Verlustgeschäft mit ideellem Anstrich? 40Prozent der Haushalte könnten damit besser fahren als mit dem jeweils günstigsten Angebot an ihrem Standort, rechnet Jean-Michel Cina vor. Er verweist auf einen Tarifvergleich, den die Stromaufsicht des Bundes (Elcom) fürs Jahr 2018 ausgearbeitet hat.

Erst ein Drittel der Zielmenge

Ob das neue Modell genügend Akzeptanz findet, ist allerdings offen. Die Genossenschaft hat sich bei ihrer Gründung im letzten Herbst zum Ziel gesetzt, mit einem Crowdfunding bis Ende März Bestellungen für 40 Gigawattstunden Strom zu generieren, was dem Verbrauch von 10'000 Haushalten entspricht. Doch wie sich sechs Wochen vor Ablauf der Frist zeigt, hat die Genossenschaft erst Zusagen im Umfang von 37 Prozent der anvisierten Strommenge.

Sie wird das Crowdfunding daher wohl um drei Monate verlängern, wie Präsident Sulzer sagt: «Wir haben festgestellt, dass viele Interessenten mehr Zeit für ihre Entscheidung benötigen.» Dazu gehörten insbesondere Wohnbaugenossenschaften sowie Unternehmen wie zum Beispiel die Raiffeisenbank. Gleichzeitig sei es aber auch so, dass die Nachfrage seitens privater Haushalte erst langsam anziehe, räumt Sulzer ein. «Vermutlich hängt das damit zusammen, dass das Produkt doch einiges an Erklärungsbedarf mit sich bringt.»

Sulzer zeigt sich zuversichtlich

Einfacher wird es erst, wenn die Schweiz ihren Strommarkt auch für die Haushalte und KMU öffnet. Dann können die Kunden ihren Stromanbieter frei wählen. Beziehen sie ihren Strom bei e-can suisse, kann die Genossenschaft direkt bei ihnen abrechnen. Die vollständige Liberalisierung wird allerdings erst nach 2020 Tatsache – wenn überhaupt: Das Geschäft ist im Parlament umstritten und muss möglicherweise eine Volksabstimmung überstehen.

Trotz der skizzierten Schwierigkeiten zeigt sich Sulzer zuversichtlich: Die Genossenschaft habe sehr viele Anfragen erhalten und stehe mit diversen Organisationen in Kontakt, die auch grössere Mengen bestellen wollten. Die bisherigen Erfahrungen zeigen laut Sulzer, wie schwierig es ist, Innovationen in einem erst teilliberalisierten Markt einzuführen. Die Energiestrategie 2050 des Bundes brauche aber Innovationen, um diese erfolgreich umzusetzen.

Experten äussern Zweifel

Unklar bleibt, welches Potenzial das Modell entfalten kann, sollte es tatsächlich zum Laufen kommen. Patrick Dümmler, Stromexperte bei der wirtschaftsnahen Denkfabrik Avenir Suisse, spricht von einer «innovativen Idee», die den Stromkonsumenten eine zusätzliche Wahlmöglichkeit gebe und daher sinnvoll sei. Weil das Modell jedoch schwierig zu vermitteln sei, werde es wohl ein Nischenangebot bleiben. Auch Felix Nipkow von der Schweizerischen Energie-Stiftung erwartete keine grosse Breitenwirkung. Solche privaten Initiativen seien zwar begrüssenswert. «Für ein energiewendefreundliches Strommarktdesign bleibt aber die Politik in der Bringschuld.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2018, 08:51 Uhr

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