Mobiliar im Kaufrausch

Der Berner Versicherer hat in den vergangenen Monaten Millionen für Firmenübernahmen ausgegeben. Was die Pläne von Firmenchef Markus Hongler sind.

Die Mobiliar investiert auch in kleine Firmen. «Diese dürfen auch mal untergehen», sagt Markus Hongler. Foto: Marco Zanoni (Lunax)

Die Mobiliar investiert auch in kleine Firmen. «Diese dürfen auch mal untergehen», sagt Markus Hongler. Foto: Marco Zanoni (Lunax)

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Alle zehn Tage wendet sich Mobiliar-Chef Markus Hongler per Videobotschaft an seine Mitarbeiter. Er spricht darin über Themen wie Negativzinsen oder den Brexit und darüber, was im Unternehmen Neues geschieht. In letzter Zeit ging es dabei häufig um Firmenübernahmen.

In den vergangenen Monaten hat die Mobiliar zwei Firmen gekauft und sich an einer dritten beteiligt. Allesamt passen sie auf den ersten Blick nicht richtig zu einem Versicherer – sondern eher zu einer IT-Firma, einem Medienhaus oder einer Bank. Dennoch verspricht sich Hongler viel davon: «Wir wollen uns aus einer starken Position heraus verändern – nicht, weil wir ein Problem haben, auf das wir keine Antwort hätten.»

Fakt ist, dass es der Versicherungsbranche nicht gutgeht. Der Markt schrumpft, das Zinsumfeld schmerzt, und im Internet verdienen die Anbieter kaum noch Geld. Bis zum Jahr 2030 würden darum 45 Prozent der Schweizer Versicherer verschwinden, prognostizierte kürzlich das Beratungsunternehmen EY Schweiz. Es herrsche daher ein harter Verdrängungskampf.

10 Millionen für Schnellboote

Letztes Jahr erzielte die Mobiliar einen Gewinn von fast 400 Millionen Franken. Die Frage ist, wie lange das so bleibt. «Wir sind mit dem heutigen Geschäftsmodell sehr erfolgreich. Das gibt uns die Freiheit, uns um die Zukunft zu kümmern», so Chef Hongler. «Wir kaufen ganz bewusst Unternehmen, mit denen wir heute in der digitalen Welt Geld verdienen.»

«Wir sind mit dem heutigen Geschäftsmodell sehr erfolgreich. Das gibt uns die Freiheit, uns um die Zukunft zu kümmern»Markus Hongler, Chef Mobiliar

Die Mobiliar sucht Firmen, die nahe am Versicherungsgeschäft sind. «Wir haben Geld für bedeutende Zukäufe», so Hongler. Erst vor kurzem wurde der Mietkautionsversicherer Swisscaution erworben. Er wächst um jährlich 40'000 Kunden. Das ist gleich viel wie beim Mutterkonzern Mobiliar – und das mit nur 75 Mitarbeitern. 2015 wurde Trianon übernommen. Die Firma hat eine Software entwickelt, mit der sich Pensionsleistungen berechnen lassen. Haben Swisscaution und Trianon noch etwas mit einer Versicherung zu tun? «Swisscaution ist eine Mietkaution-Versicherung und Trianon ist als Dienstleister im Personalmanagement und Pensionskassen-Bereich sehr nahe am Versicherungsgedanken», so Hongler. Beide sollen in das Angebot von Mobiliar eingebaut werden.

Aber wie passt die Beteiligung an der Scout-Gruppe in dieses Bild? Im Frühling kaufte sich die Mobiliar mit 50 Prozent beim Unternehmen ein. Die andere Hälfte gehört dem Medienhaus Ringier. Die Firma führt mehrere Onlinemarktplätze für Autos und Immobilien. «Wir wollen nun herausfinden, wie wir uns auf dem Marktplatz bewegen können», so Hongler. Das Ziel sei, dass sich die Kunden nicht nur für eine neue Wohnung oder ein neues Auto interessieren, sondern auch für dazugehörige Dienstleistungen. Das grösste Risiko: Der Konsument könnte Mobiliar als zu aufdringlich empfinden. «Ein solcher Marktplatz muss neutral bleiben, alles andere würden die Kunden nicht tolerieren», sagt Hongler. Die Mobiliar will aber auch Geld verdienen. Scout sei ein profitables Unternehmen, das die Investitionen bald wieder einspiele.

Mehrere Bedürfnisse gleichzeitig befriedigen

Laut den Experten von EY könnte Mobiliar damit auf das richtige Pferd setzen. «In Zukunft wird es wichtig, den Kunden integrierte Lösungspakete für ihre Bedürfnisse anzubieten oder in anderen Worten ein Ökosystem, um die Kundenbedürfnisse aufzubauen», sagt Yamin Gröninger, Director Versicherungssektor EY Schweiz. Ein solches System könne das Thema Wohnen komplett abdecken – also Wohnung, Mietkaution und Hausratsversicherung.

Weitere Grosseinkäufe will die Mobiliar aber vorerst nicht tätigen. «Es gibt kein neues Übernahmeziel», so Hongler. Das bedeutet aber nicht, dass er die Finger ganz von Wetten auf die Zukunft lässt. Rund 10 Millionen Franken pro Jahr gehen in «Schnellboote», wie Hongler sie nennt. Das sind Investitionen in kleine Firmen oder Projekte. «Diese dürfen auch einmal untergehen, das ist nicht so schlimm», sagt Hongler.

Ein solches Schnellboot ist die Auto-Sharing-Plattform Sharoo. Diese Investition ermögliche es Mobiliar, zu verstehen, wie man künftig Versicherungen für Sharing-Portale entwickele. «Wenn jetzt die Prämien nicht stimmen, sind sie nur bei wenigen Kunden falsch. Sollte das Geschäft einmal an Bedeutung gewinnen, sind wir vorbereitet», sagt Konzernchef Hongler.

Angriff auf die Banken

Die Versicherer könnten in Schwierigkeiten geraten, wenn sich IT-Riesen wie Apple oder Google ins Geschäft wagen. «Es ist wahrscheinlich eine Frage der Zeit, bis Technologiegiganten oder andere branchenfremde Unternehmen Versicherungsangebote auch in der Schweiz zugänglich machen», so Yamin Gröninger von EY Schweiz. Es müssten auch nicht internationale Anbieter sein. Einige Schweizer Firmen in anderen Branchen, wie dem Detailhandel oder den Life Sciences, hätten bereits genügend Kundendaten, um Versicherungsangebote zu gestalten.

«Wir kaufen bewusst Unternehmen, mit denen wir heute in der digitalen Welt Geld verdienen.»Markus Hongler, Chef Mobiliar

Hongler macht sich dennoch keine Sorgen über die Zukunft. «Ich habe in der Schweiz noch nichts gesehen, das den Markt grundlegend verändern könnte», so der Mobiliar-Manager. Das Versicherungsgeschäft sei streng reguliert und kapitalintensiv. Auch Versicherungs-Start-ups wie der digitale Versicherungsmakler Knip, der lautstark versucht, den Markt aufzumischen, bereiten ihm keine Kopfschmerzen. «Wenn die Versicherer bei Knip nicht mitziehen, dann funktioniert das Geschäftsmodell nicht», so Hongler.

Die Mobiliar selbst wildert bei den Banken. Der Versicherer hat jüngst ein Sparprodukt lanciert, das dem Kunden die gleiche Rendite verspricht, wie sie die Mobiliar erzielt. Der Kunde bezahlt dafür eine Gebühr von 1 Prozent, am Ende der Laufzeit erhält er mindestens sein Geld zurück. «15 Prozent des Neugeschäfts in der Schweiz kommen von diesem Produkt», sagt Hongler. Er glaubt, dass die Sparer heute sogar bereit wären, bei der Rückzahlung auf einen Teil ihres Gelds zu verzichten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.09.2016, 22:40 Uhr

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