Milliardärssöhne streiten um Schloss Weinfelden

Zwei Halbbrüder, ein Milliardenvermögen und ein Testament mit Klauseln – der Erbstreit der Bankerfamilie von Finck.

Märchenhaft: Auf Schloss Weinfelden wohnt August von Finck. Das will Helmut von Finck ändern. Foto: Marcel Vogt (ETH-Bibliothek)

Märchenhaft: Auf Schloss Weinfelden wohnt August von Finck. Das will Helmut von Finck ändern. Foto: Marcel Vogt (ETH-Bibliothek)

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Ein steiler Weg schlängelt sich durch kahle Weinberge hinauf. Grauer, trockener Wald. Noch eine Kurve, die Strasse wird etwas steiler. Erst wenige Meter vor der Einfahrt lichtet sich der Wald und gibt den Blick auf ein gut erhaltenes Jagdschloss frei. Braune Türmchen, Hunderte Jahre altes Gemäuer, Schiessscharten. Davor perfekt gestutzter Rasen und windschiefe Osterglocken. Ein rotes Schild verbietet den Zutritt. Aus sicherer Entfernung sind vergitterte Türen und Fenster zu sehen. Die Zugbrücke, die das Schloss von der Aussenwelt trennen könnte, scheint noch zu funktionieren. Die Stahlketten sind neu. Wer hier reinwill, hat es schwer.

Auf den Besitzer, den deutschen Milliardär August von Finck, deutet erst einmal nichts hin. Selbst die Abfall­säcke, die auf der Strasse auf ihre Abholung warten, sind zugeklebt.

Diskretion ist bei der Milliardärsfamilie oberstes Gebot. Deshalb leben fast alle von Fincks in der Schweiz. Auch ein wichtiger Teil des Vermögens ist hier investiert: Zum Imperium zählen unter anderem die Mehrheitsbeteiligung am Industriekonzern Von Roll, Mövenpick und Anteile am Warenprüfer SGS. Den Wert des Vermögens der Familie August von Finck schätzt das «Forbes»-Magazin auf 9 Milliarden Dollar – Schloss Weinfelden inklusive.

Um dieses Vermögen tobt seit nunmehr neun Jahren ein erbitterter Erbstreit. Auf der einen Seite steht Helmut von Finck (58). Er fühlt sich von seinem Halbbruder August von Finck junior, der vor kurzem 88 wurde, unrechtmässig um sein Erbe gebracht. Der Fall wird seit 2009 vom Landgericht in München verhandelt. Doch nun erreicht der Erbstreit Schweizer Boden. Helmut von Finck hofft, über eine weitere Klage in der Schweiz das Verfahren zu beschleunigen. Und zielt dabei auf das Schloss in Weinfelden. Im Klartext: Er will seinen Halbbruder aus dem schmucken Schloss verjagen.

Brisantes Schreiben

Die Büros der Anwaltskanzlei, die Helmut von Finck vertritt, strahlen Gediegenheit aus: hohe Decken, knarrendes Parkett und Blick auf den Zürichsee. In einem grossen Besprechungsraum liegt ein dicker Stapel Papiere: die Akte von Finck. Exklusiv konnte diese Zeitung einen Blick in die neue Klage werfen.

Das siebenseitige Schreiben, das vom 1. März datiert, ist an das zuständige Friedensrichteramt Bezirk Weinfelden adressiert. Der Titel tönt harmlos: «Schlichtungsgesuch». Der Inhalt ist es weniger.

So heisst es in Ziffer 1: «Es sei festzustellen, dass der Kläger mit Bezug auf die Liegenschaft (. . .) ‹Schloss Weinfelden› Eigentümer ist, und es sei demzufolge das Grundbuchamt Weinfelden anzuweisen, die Grundbucheinträge (. . .) dahingehend zu berichtigen, dass der Kläger als ‹Eigentümer› eingetragen und der Beklagte als ‹Eigentümer› gelöscht wird.» Im Klartext: Helmut von Finck reklamiert das Schloss für sich.

Die Begründung für diese Klage folgt dabei jener zweistufigen Argumentation, die Helmut bereits im Prozess in München vorbringt. Zum einen habe August von Finck junior keinen Anspruch mehr auf das Erbe des 1980 verstorbenen Patriarchen August von Finck senior, da der Junior zentrale Passagen des Testaments des Alten missachtet habe. Zum Zweiten sei ein 1985 unterzeichneter Verzicht auf einen Teil des Erbes, den Helmut von Finck unterschrieben habe, nichtig.

Um diese Verästelungen zu verstehen, ist ein Rückblick auf die Geschichte der Familie von Finck nötig. Es ist der 10. April 1974. Patriarch August Georg Heinrich von Finck sitzt an seinem Schreibtisch im bayerischen Landgut Möschenfeld und setzt sein Testament auf.

Ihm gehörte das Bankhaus Merck Finck & Co, er war mitbeteiligt bei der Begründung der Versicherungsriesen Allianz und Münchener Rück und war zudem der grösste Grundbesitzer rund um München. Der Baron galt damals als einer der reichsten Deutschen. Ihn mit «erzkonservativ» zu bezeichnen, ist eine Untertreibung. Denn die Frauen der Familie, egal, ob Töchter, Ex-Frau oder Ehefrau, spielten bei der Nachlassregelung keine Rolle.

«Ich setze meine Söhne Wilhelm, August, Gerhard und Helmut von Finck als meine alleinigen Erben zu gleichen Teilen ein, soweit nicht in diesem Testament ausdrücklich anderes bestimmt ist», notiert der damals 75-Jährige.

Er war zweimal verheiratet: Aus erster Ehe mit Margot von Rücker stammen Wilhelm, August junior und Eleonore. Die Ehe wurde 1942 geschieden. Anfang der 50er-Jahre heiratete der Baron erneut. Aus der Verbindung mit Gerda Mau stammen die Söhne Gerhard und Helmut.

Dass der jahrelange Erbstreit sich primär zwischen den Halbbrüdern Helmut und August junior abspielt, ist schnell erklärt: Gerhard von Finck liess sich schon 1978 abfinden und war raus. Und Wilhelm von Finck starb 2003, er übergab seinen Vermögensanteil seinem gleichnamigen Sohn, genannt Billy. Zudem hatte Wilhelm seinen Anteil am Schloss laut den Akten bereits 1995 an August von Finck übertragen.

August von Finck junior, genannt «Gustl», und sein Halbbruder Helmut hatten das Heu noch nie auf der gleichen Bühne. Während August stramm im Stile seines Vaters zurückgezogen den Geschäften nachging, machte Helmut mit WG-Partys und Drogen von sich reden und suchte Halt in der Bhagwan-Sekte. 1984 bekam die «Bild»-Zeitung davon Wind. Schnell wurde er als das schwarze Schaf der Familie abgestempelt. In Sorge um das Erbe schickten August und Wilhelm ihrem Halbbruder Helmut einen Notar vorbei. Er sollte per Abfindung auf seinen Erbteil verzichten. Sie boten ihm 65 Millionen Mark. Er unterschrieb. Und wusste damals offenbar nicht, dass der wahre Wert seines Erbanteils auf über 700 Millionen Mark geschätzt wurde.

Längst hat sich Helmut von Finck wieder gefangen und kümmert sich heute um die Pferdezucht auf seinem Gestüt Park Wiedingen. Lange wollte er nichts von seiner damaligen Naivität wissen. Doch als sein Sohn Nino volljährig wurde, entschied sich Helmut von Finck, die Sache nicht auf sich beruhen zu lassen.

Seit 2003 kämpfen beide darum, die Abfindungsvereinbarung für nichtig erklären zu lassen. Nach Darstellung von Helmut von Finck benutzten August und Wilhelm seine damaligen Lebensumstände als Vorwand und Alibi, um den Notar auf ihre Seite zu ziehen und so für den späteren Verkauf des Erbes freie Hand zu haben.

Mit Gutachtern und Zeugen versucht er seitdem, zu beweisen, dass er damals nicht geschäftsfähig gewesen sei. Genau diese Argumentation findet sich auch in der neuen Klage in der Schweiz. Dort heisst es in Ziffer 5, dass die Vereinbarung von 1985 «ungültig» sei, eine Fussnote zählt als Gründe «Geschäftsunfähigkeit des Klägers und Sittenwidrigkeit» auf. Helmut sei damals übervorteilt worden. Das ist die eine Front in dem komplexen Rechtsstreit, auf die auch die Klage um Schloss Weinfelden Bezug nimmt.

Streit um den letzten Willen

Die zweite zielt auf den Inhalt des Testaments des Patriarchen. August von Finck junior und sein verstorbener Bruder Wilhelm hätten den letzten Willen des Familienoberhaupts missachtet. Hier geht es um die Bank der Familie, die Bank Merck Finck & Co.

Der Patriarch wollte, dass das Geldhaus unbedingt im Kreis der Familie verbleiben soll. Daher verfügte er in seinem Testament: «Sofern meine erbberechtigten Söhne bei meinem Tode noch nicht persönlich haftende Gesellschafter des Bankhauses sind, mache ich ihnen ausdrücklich die Auflage, dieses zu werden und zu bleiben. Letzteres gilt auch für meine Söhne Wilhelm und August, welche bereits persönlich haftende Gesellschafter sind.» Und wer gegen den letzten Willen das Patriarchen verstösst, dem «soll jeglicher Erbteil entzogen sein» und auf das Pflichtteil gesetzt werden, heisst es im Testament.

Dennoch verkaufte August von Finck junior 1990 seine Anteile am Geldinstitut an die britische Barclays. Auch Wilhelm schied aus dem Kreis der Gesellschafter aus. Ihre Rechtsberater argumentieren, dass der Erblasser den Verkauf gutgeheissen hätte, weil der Verkauf damals wirtschaftlich sinnvoll gewesen wäre.

Helmut von Fincks Schweizer Rechtsvertreter, der Prozessanwalt Jean-Marc Schaller, will davon nichts wissen. Denn das Testament sei hier eindeutig. «Die Rechtsfolge dieser Zuwiderhandlung des Beklagten und Wilhelm von Fink ist deren Enterbung», heisst es daher in der Klageschrift an das Gericht Weinfelden.

Aber warum sollte ausgerechnet ein Gericht im Thurgau den jahrelangen deutschen Erbstreit entscheiden? Laut den Rechtsvertretern von Helmut von Finck sei das Münchner Gericht für das in der Schweiz gelegene Schloss schlicht nicht zuständig. Das habe das Landgericht München bereits selbst festgestellt. Und eben aus diesem Grund eröffnet Helmut von Finck nun eine neue juristische Front in der Schweiz.

Seine Hoffnung: Während das Verfahren in Deutschland schon neun Jahre läuft, dürfte ein Entscheid, wem nun das Schloss Weinfelden gehört, in der Schweiz schneller fallen.

Die Anwälte von August von Finck wollten sich auf Anfrage dieser Zeitung nicht zum Fall äussern. Auch Helmut von Finck lehnte ein Gespräch zum Erbstreit ab.

Sollte die Schweizer Justiz tatsächlich in seinem Sinne entscheiden, wäre das ein Paukenschlag, der in das festgefahrene Verfahren neue Bewegung brächte. Der Sturm auf das Schloss Weinfelden, er hat begonnen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2018, 21:21 Uhr

Helmut von Finck

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