«Je weniger Schwarzarbeit, desto weniger illegale Einwanderung»

UNO-Sonderberichterstatter François Crépeau glaubt, dass die grosse Nachfrage nach billigen Arbeitskräften die Hauptursache für die Massenmigration nach Europa ist.

«Migranten aus Asien und Afrika gehen dorthin, wo sie Arbeit finden», sagt François Crépeau. Foto: Fabian Unternährer (13 Photo)

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Ein Migrant klopft bei Ihnen an und fragt nach einem Gelegenheitsjob, etwa im Garten oder am Haus. Was sagen Sie ihm?
Ich lehne dankend ab und erkläre, dass diese Arbeiten erst vor kurzer Zeit erledigt wurden. Das heisst aber nicht, dass sein Unterfangen chancenlos wäre.

Einen Monat später melden sich zehn Migranten und suchen Arbeit. Was tun Sie dann?
Ihre Frage ist problematisch, denn Sie verwenden als Metapher einen Privathaushalt. Migranten haben für gewöhnlich keinen Zugang zu privaten Häusern, und das Eindringen in solche ist negativ besetzt. Doch wenn sie als Metapher eine Stadt nehmen, ändert sich die Bedeutung: Eine Stadt hat zwar auch eine Grenze, aber es ist nicht selbstverständlich, dass Migranten an der Stadtgrenze zurückgewiesen würden.

Klicken Sie auf die Grafik für eine grössere Ansicht. Quelle: BBC

Damit haben Sie meine Frage umgangen, nämlich: Was ist, wenn plötzlich zehn Migranten vor Ihrer Haustür stehen und Arbeit wollen?
Ich würde ihnen das Gleiche sagen. Momentan habe ich keine Arbeit zu bieten.

Analoges könnten die Schweiz und Europa den jährlich zwei bis drei Millionen illegalen Einwanderern sagen: Sorry, wir haben nicht genug Arbeit für euch.
Das Gegenteil ist der Fall. Die Migranten kommen, weil sie wissen, dass genug Arbeit in der Schweiz und in Europa für sie da ist und dass sie früher oder später unterkommen. Geschätzte 98 Prozent aller illegal Eingewanderten arbeiten schwarz. Sie schmarotzen auch nicht, wie oft behauptet, denn sie erhalten kein Sozialgeld.

Die meisten arbeiten also illegal?
In Europa gibt es Hunderttausende, vielleicht sogar Millionen Arbeitgeber – kleinere und grössere – die Migranten gerne zu sehr tiefen Löhnen beschäftigen. Ohne diese Nachfrage kämen Migranten nicht. In Deutschland, Holland oder England werden Hunderttausende Kleinjobs offeriert. Deshalb strömen Migranten dorthin. Das Gegenbeispiel sind Portugal oder Litauen. Diese Länder haben eine tiefe Migration, weil es dort wenig Schwarzarbeit gibt.

Sollten wir in Europa tiefere ­Mindestlöhne zulassen, um das Angebot von Tieflohnjobs zu ­legalisieren?
Wir müssen eine Debatte über Mindestlöhne, Produktion und die wünschbaren Produktionsbedingungen führen. Diese beginnt mit der Beobachtung, dass seit den 80er-Jahren Hunderttausende Jobs von Europa in asiatische Billiglohnländer ausgelagert worden sind. Doch jetzt passiert etwas, das wir nicht für möglich gehalten haben. Nämlich dass die Billigproduktionen zurück nach Europa verlagert werden, auch weil es Migranten gibt.

Ein Beispiel?
100 Kilometer südlich von Neapel entdeckte ich auf dem Land eine Gruppe ­Afrikaner, die dreimal die Woche den Auftrag erhielten, im grossen Stil Tomaten für 20 Euro pro Tag zu pflücken. Die 60 Euro pro Woche reichten weder, um Geld nach Hause zu schicken, noch, um weiterzureisen oder nach Hause zurückzukehren.

Sklaverei in Europa?
Richtig. 250 Personen wohnten zusammengepfercht in drei Einfamilienhäusern. Dessen Hausbesitzer kamen jeden Monat vorbei, um die Miete einzufordern. Der Sohn eines dieser Besitzer war ein Carabiniere. Das Beispiel zeigt, dass der Staat von dieser Beschäftigung lokal wusste und sie tolerierte. Es gibt Fälle, wo diese Arbeiter zum Arbeitseinsatz in Tiefstlohnsektoren nach Europa geschmuggelt werden.

Das Beispiel ist auch ein Beleg für Ihre These, dass illegal ­Eingewanderte eine Arbeit finden müssen, um zu überleben.
Ja, aber trotzdem schaffen wir es in der Schweiz und in Europa nicht, eine Debatte über die Sogwirkung solcher Tiefstlohnjobs zu führen. Alle schweigen. Der Arbeitgeber schweigt, weil er Produkte zu minimalen Kosten erhält; der Bürgermeister schweigt, weil das Agrarland in seiner Gemeinde so nicht vergandet und der lokale Unternehmer etwas Steuern entrichtet; der Arbeitsminister schweigt, weil ohne Schwarzarbeit die Hälfte aller landwirtschaftlichen Betriebe schliessen müsste; und die Migranten schweigen aus Angst, ausgeschafft zu werden. Sie hoffen trotz Sklavenarbeit auf ein besseres Leben. Schliesslich wurden sie von ihren Dörfern und Clans finanziert, um es nach Europa zu schaffen und ihre Familie zu unterstützen.

Gibt es solche Ausbeutung auch in der Schweiz?
Ich glaube, die Schweiz kontrolliert ihren Arbeitsmarkt besser als andere Länder. Doch ich bin überzeugt, dass auch hier auf dem Bau, in der Hausarbeit, Pflege, Hotellerie und Gastronomie illegale Arbeit angeboten wird, wenn auch im geringeren Umfang als in Italien oder Spanien.

Doch umgekehrt gedacht: Solche Konkurrenz kann guttun.
Migranten sind bereit, um 5 Uhr früh aufzustehen, weil einer Lohnarbeit nachzugehen Erfolg bedeutet – dies etwa im Gegensatz zu meinem Sohn, der lieber ausschlafen will, obwohl er einen Sommerjob sucht. Worauf ich hinauswill: Europa spricht kaum über ausbeuterische Arbeitsverhältnisse von Migranten. Diese Nachfrage führt zur Massenmigration. Ich fordere deshalb harte Strafen für Arbeitgeber, die illegale Migranten beschäftigen. Europäische Staaten sollen Schwarzarbeit intensiv bekämpfen. Je kleiner das Angebot, desto weniger illegale Einwanderung.

Wer sollte hierzulande jene Arbeit leisten, die heute illegal ­Eingewanderte verrichten?
Die Schweiz und Europa sollten Migranten legal einwandern lassen.

Als Lösung eine Einwandererpolitik mit Quoten und Kriterien wie in Kanada, Australien oder den USA?
Genau. Die Türen öffnen und potenzielle Arbeitskräfte zirkulieren lassen. Migranten aus Asien und Afrika gehen dorthin, wo sie Arbeit finden. Beispiel Kanada: Migranten gehen nach Québec oder Toronto, nicht nach Neufundland.

Wie viele wandern in Kanada ein?
300 000 erhalten jährlich einen Ausweis für ständigen Aufenthalt, 200 000 Migranten einen temporären Aufenthalt.

Eine Art kanadisches ­Saisonnierstatut. Wäre eine solche Politik die Lösung für die Schweiz und Europa, um illegale Migration einzudämmen? Eine Art Schweizer und europäische Greencard?
In meinem letzten Bericht vor dem UNO-Menschenrechtsrat verlangte ich einen Mehrjahresplan zur Vereinfachung der Mobilität über Grenzen hinweg.

Sie betonen stets die Rechte von Migranten. Doch wie steht es um die Pflichten, etwa dass sie sich korrekt ausweisen? Urteile zu Asylverfahren zeigen, dass etliche Einwanderer ihre Einreisepapiere vernichten oder ihre Herkunft verschleiern.
Das Gesetz gilt auch für sie. Doch ich verstehe, dass sie in gewissen Fällen ihre Identität verschleiern. Das würde in einer ähnlichen Situation jeder tun. Würde die legale Einwanderung gefördert, könnte diese Praxis eingedämmt werden. Der Schengenraum provoziert Menschenschmuggel. In den 50er- und 60er-Jahren wanderten Millionen Türken und Nordafrikaner legal nach Europa ein. Eine Visumspflicht bestand nicht, und niemand ertrank im Mittelmeer. Die meisten fanden Arbeit. In Krisen wanderten sie zurück. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2017, 23:31 Uhr

François Crépeau

UNO-Anwalt für Migrantenrechte

Behandeln Länder Flüchtlinge fair? Darüber berichtet seit 6 Jahren der 57-jährige François Crépeau in seiner Rolle als UNO-Sonder­berichterstatter zu den Menschenrechten von Migranten. Sein Mandat endete Ende Juni dieses Jahres. Bezahlt wurde sein Lohn nicht von der UNO, sondern von seinem Arbeitgeber, der McGill-Universität in Québec, wo er seit 2009 internationales Staatsrecht lehrt. Dies verschaffte ihm Unabhängigkeit. Crépeau führt den beachteten Blog Francoiscrepeau.com und publizierte 26 Bücher seit 1997. DerBund.ch/Newsnet sprach mit ihm, als er diesen Sommer auf Einladung des World Trade Institutes der Universität Bern in der Schweiz weilte. (val)

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