«Im täglichen Leben spielt der Name eine Rolle»

Markus Leibundgut, Schweiz-Chef bei Swiss Life, verteidigt die eingeschweizerten Namen. Die Debatte habe eine gesellschaftliche Dimension.

Aus Mehmet wird Tobias: Illustration: Til Mette

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Ihre Praxis, im Contact Center statt ausländischer Namen einfachere zu verwenden, empört. Haben die heftigen Reaktionen Sie überrascht?
Sie zeigen, dass dieses Thema eine gesellschaftliche Dimension hat. Wir waren sozusagen der Steigbügel, über den die Diskussion lanciert wurde. Fakt ist: Unsere Angestellten entscheiden freiwillig, ob sie mit einem anderen Namen operieren wollen. Sie tun es, weil es ihre tägliche Arbeit vereinfacht. Für die 19 Angestellten des Contact Center ist die Sache nicht so relevant, wie man jetzt vielleicht denkt. Sie sehen ihre Alias-Namen als reines Arbeitsinstrument.

Informieren Sie die Angestellten von sich aus über die Möglichkeit von Alias-Namen?
Beim Einstellungsprozedere und in der Bewerbungsphase ist das nie ein Thema. Ausser, jemand fragt explizit danach – dann erhält er eine ehrliche Antwort.

Aber Sie kommunizieren die Option aktiv?
Ja. Im Rahmen der Einarbeitung werden die Angestellten darauf hingewiesen. Ob sie davon Gebrauch machen wollen oder nicht, ist ihnen selbst überlassen.

Wenn Sie einen fremd klingenden Namen hätten: Was würden Sie tun?
Ich weiss es nicht. Es gibt ja bei uns beides: Mitarbeiter, die von der Praxis Gebrauch machen, und solche, die das nicht tun. Unter denen, die es tun, sind übrigens auch Mitarbeiter mit französischen Namen, die schwierig zu buchstabieren sind. Ich war noch nie in einer solchen Situation, aber ich würde es mir sicher gut überlegen.

Laut Swiss Life fördern einfache Namen den Geschäftserfolg. Sagen Sie das den Angestellten auch?
Es ist ein offenes Geheimnis unter den Mitarbeitern, sie diskutieren natürlich darüber. Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die gute Erfahrungen machen und davon erzählen. Einige entscheiden sich dann ebenfalls dafür, andere dagegen.

So entsteht doch Druck: Wer sieht, dass die Methode zum Erfolg führt, fühlt sich gedrängt, dasselbe zu tun.
Wichtig zu wissen ist: Die Mitarbeiter im Contact Center vereinbaren Termine für Beratungsgespräche. Sie beraten niemanden und machen keine Vertragsabschlüsse. Wenn sie beim Terminieren am Telefon merken, dass ihre Kollegen mit Alias-Namen es leichter haben, steht das Thema natürlich im Raum. Es ihnen gleichzutun, ist relativ naheliegend. Aber es übt niemand Druck aus.

Sind Sie sicher, dass die Alias-Namen positiv für das Geschäft sind? Gibt es Zahlen, die das beweisen?
Die Erfahrung zeigt, dass sie die Kommunikation erleichtern. Am Ende geht es darum, E-Mail-Adressen oder Namen zu buchstabieren und Termine zu fixieren. Gemessen haben wir das nie.

Auch wenn es Ihnen um praktische Dinge geht: Es ist denkbar, dass bei den Kunden eben doch auch Vorurteile eine Rolle spielen.
Das kann ich natürlich nicht ausschliessen. Ich kann nicht in die Köpfe fremder Menschen schauen.

Kritiker sagen, dass Vorurteile mit solchen Methoden aufrechterhalten statt abgebaut werden.
Ich habe sehr viel Verständnis für dieses Argument. Deshalb habe ich darauf hingewiesen, dass die Debatte eine gesellschaftliche Dimension hat. Mit uns hat das aber wenig zu tun. Für uns ist vor ­allem die Perspektive der Mitarbeiter wichtig. 650 der rund 2600 Angestellten bei Swiss Life Schweiz stammen aus dem Ausland oder haben einen Migrationshintergrund. Sie alle sind mit ihrem eigenen Namen sehr erfolgreich unterwegs. Die 19 Angestellten im Contact Center müssen sich die Frage stellen, ob sie sich das Leben leichter machen wollen. Es wäre schon fast selbstherrlich, sie zu zwingen, den schwierigeren Weg zu gehen, um die Integration zu fördern. Das kann nicht unsere Aufgabe sein.

Es besteht aber die Gefahr, dass den Betroffenen suggeriert wird: Der erfolgreiche Abschluss ist wichtiger als deine Identität.
Das ist schon fast ein philosophisches Argument. Es gibt ja viele Menschen, die der Einfachheit halber mit anderem Namen unterwegs sind, zum Beispiel aus dem asiatischen Raum. Hier spielen rein praktische Gründe eine Rolle. Das beweist auch die Tatsache, dass wir in keiner anderen Abteilung mit Alias-Namen arbeiten. Auch in unseren anderen Callcentern, im Kundendienst oder im Vertrieb nicht, wo die Angestellten jeden Tag draussen bei den Kunden unterwegs sind. Der Vorwurf, dass unser Vorgehen System habe, ist darum haltlos.

Es hat aber offenbar einen wunden Punkt getroffen, sonst würde die Diskussion nicht derart heftig geführt. Wie erklären Sie sich das?
Ich denke, es geht um ein sehr relevantes Thema, nämlich die Integration. Vielleicht ist unsere Gesellschaft hier ein bisschen scheinheilig. Alle betonen, wie unwichtig die Herkunft ist. Aber im täglichen Leben spielt es dann doch eine Rolle, welchen Namen jemand trägt. Andererseits arbeiten bei uns sehr viele, sehr erfolgreiche Berater mit ausländischen Wurzeln. Für sie ist die Herkunft überhaupt kein Problem.

Werden Sie Ihre Praxis nun ändern?
Entscheidend ist, was die Mitarbeiter richtig finden. Es geht um sie und ihr Wohl. Wir führen nun Gespräche mit ihnen. Was dabei herauskommt, ist offen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2017, 07:06 Uhr

Markus Leibundgut

Der 48-Jährige ist seit dem 1. April 2017 Chef von Swiss Life Schweiz. Er studierte Physik und Mathematik. 2012 stieg er als Finanzchef beim Versicherer ein.

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