Gisel entrümpelt die Bank

Der Raiffeisen-Chef dünnt das von seinem Vorgänger zusammengekaufte Beteiligungsnetz aus. Die Avaloq-Aktien und die IT-Tochter Arizon werden verkauft.

Konzentration aufs Kerngeschäft: Raiffeisen-Chef Patrik Gisel am Sitz der Bank in St. Gallen. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Konzentration aufs Kerngeschäft: Raiffeisen-Chef Patrik Gisel am Sitz der Bank in St. Gallen. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Das Timing erscheint heikel: Just in dem Moment, in dem die Finanzmarktaufsicht (Finma) untersucht, ob beim Kauf von Beteiligungen wie Investnet bei Raiffeisen alles sauber abgelaufen ist, stösst die Bankengruppe gleich zwei wichtige Beteiligungen ab. Sie verkauft zum einen ihren Anteil von zehn Prozent am Schweizer Banken-Software-Spezialisten Avaloq. Zum Zweiten übernimmt Avaloq Anfang 2019 die Anteile Raiffeisens am IT-Gemeinschaftsunternehmen Arizon. Raiffeisen und Avaloq hatten das Unternehmen 2014 gegründet, um Raiffeisen mit einem neuen Informatiksystem auszurüsten. Anfang 2018 soll es in Betrieb gehen.

Grossaktionär machte Druck

Der Deal steht laut dem Raiffeisen- und Avaloq-Management in keinem Zusammenhang mit den Finma-Untersuchungen. Der Anstoss für die Transaktionen sei vielmehr vom Avaloq-Grossaktionär Warburg Pincus ausgegangen, der im Sommer bei Avaloq eingestiegen war. Sehr wohl zeigt der Deal aber, dass Raiffeisen-Chef Patrik Gisel weiter mit eisernem Besen durch das von seinem Vorgänger Pierin Vincenz zusammengekaufte Portfolio geht. Es dürfte nicht der letzte Verkauf gewesen sein.

«Auslöser der Avaloq-Transaktion ist, dass Warburg Pincus vor Monaten Interesse an unserer Avaloq-Beteiligung geäussert hat. Jetzt sind wir uns einig geworden und verkaufen», sagt Rolf Olmesdahl, IT-Chef von Raiffeisen und Mitglied der Geschäftsleitung.

Diese Darstellung bestätigt Jürg Hunziker, stellvertretender Firmenchef von Avaloq. Demnach habe es erste Gespräche über den Raiffeisen-Anteil bereits im Frühjahr gegeben. «Von Anfang an wollte Warburg Pincus einen grösseren Anteil an Avaloq. In dem Zusammenhang kam es dann zu Gesprächen zwischen Raiffeisen und dem Investor über den Verkauf des 10-Prozent-Pakets an Avaloq», so Hunziker. Dank Raiffeisen kann das US-Beteiligungsunternehmen seinen Anteil an Avaloq auf 45 Prozent aufstocken. Die Mehrheit gehört weiterhin dem Management und Avaloq-Gründer Francisco Fernandez.

Um das Beteiligungsgeflecht weiter zu vereinfachen, verkauft Raiffeisen auch gleich noch seine Anteile am IT-Joint-Venture Arizon. «Die Transaktionen sind im Kontext der Bemühungen von Raiffeisen zu sehen, sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren», so Raiffeisen-Manager Olmesdahl. «Mit beiden Verkäufen haben wir Gewinne erzielt», sagt er. Wie viel, verrät er nicht.

Avaloq wird zu einem Dienstleister, Raiffeisen zum einfachen Kunden.

Der Verkauf des Arizon-Anteils wird erst Anfang 2019 vollzogen. Dass der Deal bereits jetzt angekündigt wird, dürfte ein Versuch sein, Unruhe unter der Arizon-Belegschaft zu vermeiden. Sie soll wissen, woran sie ist, und sich nicht von der Arbeit ablenken lassen: der Einführung der neuen Kernbanken-Software bei Raiffeisen.

Das Projekt mit dem Namen «Rainbow» dürfte eines der grössten IT-Projekte der Schweiz sein. Olmesdahl formuliert lieber so: Seit längerem habe der Wunsch bestanden, die Beziehungen zwischen Raiffeisen und Avaloq neu zu regeln. Das ist nun aufgegleist: Avaloq wird zu einem Dienstleister, Raiffeisen zum einfachen Kunden. Avaloq ist laut Vizechef Hunziker recht froh, Raiffeisen als Aktionär los zu sein. «Denn vereinzelt hatten sich Banken aus unserem Kundenkreis daran gestört, dass einer unserer Grosskunden direkt im Kapital vertreten ist.»

Auch die Gründung des Gemeinschaftsunternehmens Arizon im Jahr 2014 ist eine Erbschaft aus der Ära Vincenz. Dieser hatte sich mit dem Kooperationspartner Vontobel, der das Wertschriftengeschäft für Raiffeisen abwickelt, heftig verkracht. Denn mit dem Kauf der Privatbank Notenstein macht Raiffeisen ihrem Partner Vontobel direkte Konkurrenz. Also wurde Arizon nicht nur gegründet, um die veralteten Systeme der rund 300 Raiffeisen-Banken zu erneuern, sondern auch, um später die Wertschriftenabwicklung von Vontobel zu holen.

Kommt jetzt Leonteq dran?

Unter Gisels Führung entspannten sich die Beziehungen. Vontobel kaufte der Raiffeisen das Sorgenkind Vescore ab, eine Fondsgesellschaft, die vor allem Verluste produzierte. Immer wieder gibt es Spekulationen darüber, dass Vontobel Raiffeisen auch die Privatbank Notenstein abkaufen könnte. Doch Gisel sagte auf Anfrage, dass er an ihr festhalten wolle.

Als Nächstes unter den Hammer wird wohl die Beteiligung am Derivatespezialisten Leonteq kommen. Raiffeisen hat bereits angekündigt, ihren Anteil von 29 auf 19 Prozent absenken zu wollen. Gisels Aufräumarbeiten sind noch lange nicht abgeschlossen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.11.2017, 23:17 Uhr

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