«Für Bildung gibt es keinen Turbo»

Die Schüler seien bereit für den Technologiewandel, sagt Ursula Renold. Probleme sieht die Bildungsexpertin aber an einem anderen Ort.

Ursula Renold: «Bei der Weiterbildung hat die Schweiz ein Problem.» Foto: Urs Jaudas

Ursula Renold: «Bei der Weiterbildung hat die Schweiz ein Problem.» Foto: Urs Jaudas

Ein norwegisches Gymnasium hat ein Fach Videogames eingeführt. Das sei moderner Unterricht. ­Finden Sie das richtig?
Es ist nicht einfach, derart isolierte Konzepte aus Schweizer Sicht zu beurteilen. Ich müsste wissen, in welchem Kontext die Initiative entstanden ist und welche Ziele damit verbunden sind. Es ist offenbar Mode geworden, herumzureisen und sich anzuschauen, was andere Länder oder einzelne Schulen in der Bildung unternehmen, ohne den Sinn für den nationalen Kontext zu prüfen.

Was meinen Sie damit?
Die wichtige Frage lautet: Ist das Fach systemrelevant oder nicht? Systemrelevant heisst: Alle norwegischen Schulen führen es ein. Ist es aber nur eine Einzelinitiative und die Medien berichten darüber, weil sie eine gute Story erkennen, ist es für mich noch nicht relevant. Mich interessiert, wie man auf der Systemebene eine Wirkung erzielen kann.

Eine Wirkung erzielen, das heisst: die Schüler auf den Wandel vorbereiten, der durch die Digitalisierung auf uns zukommt. Macht die Schweiz das?
Es gibt keine Hinweise, dass wir hier schlecht aufgestellt sind. Bei der Volksschule zum Beispiel können wir laut den Pisa-Studien mit anderen Ländern mithalten. Ich kenne ausserdem kein anderes Land, in dem die Jungen auf der Sekundarstufe II – also nach der Matura oder der Berufslehre – auf den Technologiewandel besser vorbereitet sind.

Warum sind Sie sich da so sicher?
70 Prozent der Jugendlichen treten bei uns direkt nach der Schule in die Berufsbildung über. Dort manifestiert sich auch der technologische Wandel: über Produkte und Prozesse in den Firmen. Die Jungen sind die Ersten, die mit Werkzeugen wie dem 3-D-Drucker oder dem Internet der Dinge arbeiten. Weil die Ausbildungsfirmen und ihre Verbände, der Bund und die Kantone sich regelmässig zusammensetzen und die Berufsbildung anpassen, fliessen solche Veränderungen in die Ausbildungen ein.

Sie erwähnten die Pisa-Studie. 2016 schnitten die Schweizer Schüler in allen Fächern schlechter ab als 2012.
Die Resultate lassen sich nicht vergleichen. Letztes Jahr haben die Schüler die Tests zum ersten Mal am PC gelöst. Es gab methodologische Probleme.

Die Jungen sind die Ersten, die mit Werkzeugen wie dem Internet der Dinge arbeiten.

Schauen wir nur die letzte Studie an: In den für die Zukunft wichtigen Naturwissenschaften schneiden einige Länder Europas besser ab.
Noch einmal: Nach drei weiteren Durchgängen können wir wieder über die ­Pisa-Resultate sprechen, jetzt nicht. Mathematik, Naturwissenschaften und IT-Kenntnisse sind natürlich wichtig, und die Jungen interessieren sich tatsächlich zu wenig dafür. Wir können ihre Präferenzen nicht beeinflussen. Wir können uns aber fragen, was wir tun müssen, um ihre Freude an diesen Fächern zu wecken. Der Lehrplan 21, der gerade eingeführt wird, trägt dem Rechnung.

Der Lehrplan 21 will Fächer wie Informatik und Mathematik stärken. Wird mit ihm alles besser?
Das kann ich noch nicht beurteilen, weil die Debatte darüber sehr schwerfällig ist. Die Schweiz hat ein föderalistisches Volksschulsystem, jeder Kanton kann am Ende tun, was er will. Die Absichten des Lehrplans sind jedenfalls gut.

Es sind mehrere Initiativen gegen den Lehrplan hängig. Verschlafen wir so nicht den Wandel?
Für Bildung gibt es keinen Turbo. Wer das nicht akzeptiert, überfordert das System. Ich bin in vielen anderen Ländern in Gespräche involviert, die ständig nach schnellem Wandel rufen, zum Beispiel die Vereinigten Staaten. Gerade dort hat sich aber wenig weiterentwickelt in den letzten 20 Jahren. Warum das? Weil Veränderungen sehr viel Adaptionszeit brauchen. Bei uns dauert das Aushandeln wegen der Konsensdemokratie zwar länger. Aber wenn wir zu etwas Ja sagen, fühlen wir uns dem auch verpflichtet.

Was ist das Problem in den Vereinigten Staaten?
Die Amerikaner haben schon lange gemerkt, dass das Highschool-System sich nicht für alle Jugendlichen eignet. Deshalb haben sie angefangen, berufsbildungsähnliche Strukturen zu entwickeln. Sie sind aber nicht losgekommen von der Idee, dass jeder einen Universitätsabschluss braucht. Gleichzeitig werden die Studierenden heute im Schnitt weniger gut ausgebildet als noch vor 20 Jahren. Unter anderem, weil der Staat zu wenig Geld in die Entwicklung der Bildung steckt.

In der Schweiz haben auch schon 35 Prozent der Leute einen ­Hochschulabschluss. Ein Problem?
Die Kompetenz, die Schweizer Firmen am meisten nachfragen, ist Berufserfahrung. Uniabsolventen müssen darum erst zwei bis drei Praktika machen, bevor sie eine volle Stelle finden. Bei den Fachhochschulabsolventen ist das anders. Etwa zwei Drittel von ihnen haben zuerst eine Berufslehre gemacht und schon Erfahrungen gesammelt. Bevor sie studieren, arbeiten sie meistens einige Jahre – und das Studium machen viele in Teilzeit. Sie entsprechen den Anforderungen des Berufsmarktes also trotzdem. In den USA hingegen ist es für Absolventen schwieriger, in der Arbeitswelt Fuss zu fassen. Ausser natürlich, sie haben eine Eliteschule besucht.

Und was ist mit denen, die weder eine Fachhochschule noch eine Universität besucht haben?
Für sie sind – neben der höheren Berufsbildung – Weiterbildungen sehr wichtig. Hier hat die Schweiz tatsächlich ein Problem, Stichwort Matthäus-Effekt: Weiterbildungen macht, wer schon gut ausgebildet ist. Ich war für ein Forschungsprojekt in Singapur, dort wird das Gegenteil praktiziert: Die schlecht Qualifizierten werden staatlich unterstützt, damit sie zu einer Ausbildung kommen. Die Schweiz ist hier zu liberal, sie überlässt die Sache dem Markt. Ich glaube aber nicht, dass der Markt das regelt.

Wer muss es also tun?
2017 trat das Weiterbildungsgesetz in Kraft, das auch die Chancengleichheit verbessern soll. Der Bund kann den Kantonen Beiträge ausrichten, mit denen sie die Grundkompetenzen bei Erwachsenen fördern sollen. Wer etwa von Analphabetismus betroffen ist – und davon gibt es in der Schweiz immer noch zu viele Menschen –, soll Kurse besuchen dürfen. Die Herausforderung wird es sein, an diese Menschen heranzukommen. Hier stehen die Arbeitgeber in der Pflicht: Sie sollten die betroffenen Angestellten fördern.

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