Firmen holen sich Finanz-Spritze im Internet

KMU kommen kaum noch an Bankkredite. Geld liefern nun Privatanleger. Diese Online-Plattformen wachsen rasant.

Zeichnung: Felix Schaad

Zeichnung: Felix Schaad

Jorgos Brouzos@jorgosbrouzos

Rund ein halbes Dutzend Crowdlending-Plattformen vermitteln in der Schweiz Firmenkredite an kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Das Geld stammt oft von Privatanlegern, die im Durchschnitt einen Zins von 5 Prozent erhalten. Die Crowdlending-Firmen füllen eine Lücke, welche die Banken hinterlassen haben. «Bei Kleinstfirmen gibt es eine Kreditklemme,» sagt Alwin Meyer, Mitgründer von Swisspeers. Ausleihen in der Grössenordnung von 50'000 und 300'000 Franken seien für viele Banken zu klein und zu kostspielig. Vielen KMU bleibt daher der Weg zu einem kleinen Kredit versperrt. Entsprechend stark wächst das Geschäft der Kreditvermittler im Internet.

Swisspeers hat innerhalb weniger Monate 36 Firmenkredite um Umfang von 4 Millionen Franken vergeben. Alleine im März konnten sieben Firmen auf der Plattform finanziert werden. CreditGate24 aus Rüschlikon hat bislang ein Volumen von gegen 12 Millionen Franken verliehen. Bis Ende des Jahres soll es sich versechsfachen.

«Zurzeit sind über 50 KMU-Finanzierungen ausstehend, und das Wachstum ist immens», erklärt Michael Borter vom Unternehmen Cashare aus dem zugerischen Hünenberg. Creditworld wiederum hat laut Mitgründer Kai Ren bereits KMU-Kredite über mehr als 50 Millionen Franken abgeschlossen. Mit stark steigender Tendenz. Die Schweiz ist mit dieser Entwicklung kein Einzelfall. In den USA ist der Crowdlending-Markt bereits milliardenschwer.

Dieser Boom ist die Folge einer negativen Entwicklung: Vielen kleineren Unternehmen fällt es schwerer, bei Banken frisches Geld aufzunehmen. So leiden etwa Firmen aus der Maschinenindustrie unter dem starken Franken. Bis anhin konnten sie von ihren Reserven zehren. Nun zeigen sich in ihren Büchern mit Verzögerung die schlechten Zahlen. Für einen Bankkredit schwinden damit die Chancen. Laut Roland Goethe, Unternehmer und Präsident des Industrieverbands Swissmechanic, haben viele kleinere Industriebetriebe das Problem, dass ihre Margen geschrumpft sind.

«Dadurch werden sie für die Banken zu einem Risikobetrieb. Was zur Folge hat, dass die Unternehmen höhere Zinsen bezahlen müssen», so Goethe. Kreditzinsen über 5 Prozent sind bei einer Marge von 0 bis 5 Prozent schwierig. Wenn eine Firma bei einer Bank auch für deutlich mehr als 8 Prozent keinen Kredit mehr bekommt, dann schaut sie sich nach Alternativen um. Crowdlending-Anbieter können davon profitieren.

Enttäuschte Unternehmer

Die Banken müssten strengen Vorschriften nachkommen, kleine Firmenkredite lohnten sich daher für sie nicht, so der Tenor bei den Crowdlending-Anbietern. «Ein Bankangestellter spricht einen Kredit lieber nicht, der später ausfallen könnte und für den er verantwortlich wäre», so Christoph M. Mueller, Gründer der Internetplattform CreditGate24. Der Schaden, dass er für seine Bank zusätzliche Einnahmen verpasst, weil er einen Firmenkredit ablehnt, betrifft ihn weniger.

Die Banken sehen das anders. Thomas Matter, Banker und SVP-Nationalrat, erkennt keine Kreditklemme. «Jedoch ist seit der Finanzkrise die Kreditvergabe restriktiver geworden.» So sei es etwa für Hotelbetriebe oder Autogaragen schwieriger, an frische Mittel zu kommen, als für andere Branchen. Ein Zürcher Banker sagt ebenfalls, dass er keine Kreditklemme feststellen könne. Die Banken seien aber zurückhaltend, wenn es dem Betrieb schlecht gehe und zu erwarten sei, dass der Kredit nicht mehr zurückbezahlt werde.

Viele KMU versuchen nun, über Crowdlending-Plattformen an frische Mittel zu kommen. Laut Michael Borter von Cashare sind Finanzierungen über Crowdlending-Plattformen für KMU interessant, die einen Liquiditätsengpass überbrücken müssen, eine Wachstumsphase finanzieren wollen oder eine Investition tätigen möchten.

«Unternehmer, die eine Finanzierung bei uns abgeschlossen haben, erzählen dies in ihrem Bekanntenkreis weiter», so Mueller von CreditGate24. Besonders bei Handwerksbetrieben sei die persönliche Empfehlung entscheidend für den Erfolg der Plattformen.

Die Zahl der Unternehmer, die von ihrer Bank enttäuscht sind, steige an, berichtet ein Firmenchef. Wenn ein 50jähriger Unternehmer mit einem halb so alten Bankmitarbeiter ein Geschäft abschliessen wolle, sorge die Altersdifferenz oft für Missverständnisse.

«Wir sind in der dritten Generation Unternehmer», so Firmenchef und Verbandsmann Goethe. Jede Firma habe über eine so lange Zeitdauer gute und schlechte Zeiten. «Ich denke, mein Grossvater und mein Vater hätten einfacher einen Überbrückungskredit bekommen», so Goethe.

Die entscheidende Frage für die Kreditvergabe ist, wie die Risiken eines Unternehmens bewertet werden. Hier schauen die Banken offenbar viel genauer hin. «Die Bewertungsmodelle der Banken haben sich verschärft», so Goethe. Es könne einer Firma passieren, dass sie von einer Bank plötzlich schlechter bewertet werde. Ohne, dass sie nachvollziehen könne weshalb. Borter von Cashare beobachtet strengere Vergabekriterien seitens der Banken, um die gesteigenen Eigenkapitalvorschriften zu erfüllen. Hinzu komme ein starker Margendruck, der zusammen mit teuren Arbeitsprozessen dazu führe, dass Kredite bis zu 500'000 Franken oft ein unrentables Geschäft für die Institute darstellen und deshalb nicht gern vergeben werden.

Auch die Crowdlending-Plattformen schauen sich die Unternehmen genau an, bevor sie bei Investoren Geld einsammeln dürfen. «Wir haben viele Anträge, doch nicht alle eignen sich für unsere Anleger», so Meyer. Oftmals bräuchten die Unternehmen einen langfristigen Geldgeber, der ihnen nicht eine spezielle Investition finanziert, sondern sie mit mehr Eigenkapital versorgt.

Geld für Investitionen fehlt

Banker Matter glaubt nicht, dass Crowdlending-Portale bei der Kreditvergabe Banken konkurrenzieren können. «Crowdlending-Portale können Marktanteile erobern, nicht jedoch Banken ersetzen», so Matter. Letztendlich müssten auch die Portale die Kreditwürdigkeit und Kreditfähigkeit prüfen. Der Automatisierung seien heute noch deutliche Grenzen gesetzt.

Eine durchschnittliche Maschine für einen Kleinbetrieb kostet 140'000 Franken. Für sie lässt sich genügend Geld über die Crowdlending-Plattform aufnehmen. Doch für eine grössere Anschaffung reicht die Finanzierung über die Internetplattform nicht aus.

Laut der Umfrage des Beratungsunternehmens E&Y wollen viele Unternehmen in digitale Technologien investieren, haben aber nicht die finanziellen Mittel dafür. Ein leichterer Zugang zu Krediten sei derzeit eine der wichtigsten Forderungen von Industriefirmen.

«Rund einem Drittel der Mitglieder geht es gut, rund ein Drittel hat grosse Probleme», sagt Goethe von Swissmechanic. Die Firmen würden viel unternehmen, um produktiver zu werden. Doch fehle ihnen das Geld für die Investitionen. Viele Firmeninhaber hätten von ihren privaten Reserven gezehrt. Es könne aber sein, dass sie bald aufgebraucht sind. «Eine Maschine hält 15 Jahre, auch wenn sie eigentlich auf zehn Jahre ausgelegt ist», so Goethe. Doch riskiere ein Unternehmen so, dass es den Anschluss an die Entwicklung verpasse.

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