Die Köpfe hinter der Vollgeldinitiative

Der Verein Monetäre Modernisierung wird nicht von Politikern unterstützt, sondern von emeritierten Professoren.

Stellt die Komptetenz der Banken in Frage: Die Vollgeldinitiative.

Stellt die Komptetenz der Banken in Frage: Die Vollgeldinitiative. Bild: Christian Beutler/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Komm mit!» steht auf dem Panzer der Schildkröte Cassiopeia. Und Momo gehorcht. Sie folgt dem Tier in Michael Endes gleichnamigem Bestseller, um den Menschen ihre Zeit zurückzubringen. Denn die grauen Herren haben ihnen ebendas gestohlen – mit dem falschen Versprechen, sie zu sparen und zu vermehren. Doch vor lauter Zeitsparen haben die Menschen vergessen, im Hier und Jetzt zu leben.

Momo heisst nicht nur das Mädchen, das die Welt vor den grauen Herren retten will. Momo steht auch für den Verein Monetäre Modernisierung. Er hat die Vollgeldinitiative lanciert, die morgen eingereicht wird. Die Parallele zu Michael Endes Erfolgsroman sei durchaus gewollt, sagt Raffael Wüthrich vom Kampagnenteam: «Zeit ist abstrakt, genau wie Geld. Wir wollen den Menschen klarmachen, wie das Geldsystem heute wirklich funktioniert.» Denn die meisten glaubten, dass die Nationalbank alles Geld drucke und es den Banken zur Verfügung stelle, die es wiederum an die Wirtschaft weitergebe. «Die Leute müssen begreifen, dass es eben nicht so funktioniert, sondern dass 90 Prozent der heutigen Geldsumme von privaten Banken elektronisch geschaffen sind. Das Geld auf unseren Konten ist deshalb kein vollwertiger Schweizer Franken, sondern nur ein Versprechen auf Bargeld», sagt Wüthrich. Genau darum gehe es dem Verein Momo.

Ein zu heisses Eisen?

Gegründet wurde der Verein vor vier Jahren von Hansruedi Weber, einem pensionierten Volksschullehrer, der sich an der Universität weitergebildet hat. Er hat eine fünfstellige Summe in das Projekt investiert, genauso wie diverse andere Gründungsmitglieder. Angetrieben wird die Gruppe von Frustration – darüber, dass die Banken auch Jahre nach der globalen Finanzkrise kein bisschen vorsichtiger und das Finanzsystem damit kein bisschen sicherer geworden sei.

Politische Exponenten fehlen im Vereinsvorstand. Dafür wird er von einem Beirat begleitet, dem einige verdiente Wissenschaftler angehören. Zum Beispiel Philippe Mastronardi, früherer Professor für Öffentliches Recht an der Universität St. Gallen (HSG), Peter Ulrich, einst Professor für Wirtschafts-ethik an der HSG, oder der ehemalige Wirtschafts- und Umweltsoziologie-Professor Joseph Huber. Sie alle engagieren sich auch als wissenschaftliche Unterstützer für die Vollgeldinitiative – und sie teilen ein weiteres Merkmal: Sie sind emeritiert, also im Ruhestand.

Fast scheint es, als sei die Initiative ein zu heisses Eisen, als dass es aktiv lehrende Ökonomen anfassen wollten. «Im Elfenbeinturm mancher Wissenschaftler herrscht immer noch die Auffassung, dass das heutige Geldschöpfungssystem der privaten Banken funktioniert. Es ist möglich, dass einigen Ökonomen der Mut fehlt, sich gegen diesen Tenor zu stellen», sagt Raffael Wüthrich vom Verein Momo. Doch die Vollgeldidee werde durchaus auch von aktiven Ökonomen getragen. Wüthrich führt als Beispiel Mathias Binswanger an, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Privatdozent an der Uni St. Gallen. Bei aller Sympathie scheint sich Binswanger der Grenzen des Vollgelds durchaus bewusst zu sein (siehe Text oben).

Auffallend viele der Kampagnenunterstützer kommen aus sozialen Berufen, sind Coachs, Pädagogen oder Psychologen. Er sei selber erstaunt, wie breit der Kreis der Sympathisanten sei, sagt Wüthrich. «Andererseits erklärt es sich von selbst, wenn man bedenkt, wie gross der Einfluss des Geldsystems auf alle Bereiche der Gesellschaft ist.» Die Initiative sei denn auch sehr breit aufgestellt, rund 1500 Mitglieder engagierten sich ehrenamtlich. Beim Sammeln der Unterschriften habe sich ebendiese Breite bezahlt gemacht, sagt Wüthrich. Trotzdem musste auch Momo auf bezahlte Unterschriftensammler zurückgreifen, «wie die meisten Parteien, die Initiativen lancieren».

Für den Abstimmungskampf braucht das Komitee nach eigenen Berechnungen rund 500 000 Franken. Das Geld wird laut Wüthrich von privaten Spendern stammen. «Wir werden von keinen grossen Parteien, Unternehmen oder Mäzenen unterstützt. Deshalb ist unser Budget kleiner, dafür sind wir unabhängiger.» Mit den Spenden werden auch die vier Teilzeitangestellten des Kampagnenteams bezahlt. Der Rest der Arbeit werde von den ehrenamtlichen Vereinsmitgliedern erledigt. «Wir werden im Abstimmungskampf stark auf den Kontakt mit der Bevölkerung setzen, Diskussionen, Vorträge und Ähnliches organisieren. Dafür haben wir bereits 15 Regionalgruppen gegründet», so Wüthrich.

Ein finanzstarker Gegner

Spannend wird es sein, zu beobachten, wie die Bankenszene und die Schweizerische Nationalbank (SNB) mit der Initiative umgehen. Wer die Kompetenzen der Banken beschneiden will, bringt eine finanzstarke Lobby gegen sich auf. Das sei dem Komitee durchaus bewusst, sagt Raffael Wüthrich. «Doch wir glauben, dass wir gute Argumente auf unserer Seite haben. Die wollen wir jetzt unters Volk bringen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2015, 08:05 Uhr

Artikel zum Thema

Der Verein, der die Banken entmachten will

Ein unbekannter Verein lanciert heute Dienstag die Vollgeldinitiative. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine Gruppe von Utopisten. Doch sie erhält tatkräftige Unterstützung – auch von einem Schweizer des Jahres. Mehr...

«Diese Volksbegehren sind sehr schwer vermittelbar»

Mit der Vollgeldinitiative fordern die Initianten einen radikalen Systemwechsel. Die Aussichten auf Erfolg sind jedoch gering. Weshalb tun sich die Initianten den grossen Aufwand dennoch an? Mehr...

Hansruedi Weber (Bild: PD)

Raffael Wüthrich (Bild: PD)

Hohe Bilder

Raffael Wüthrich.

Hansruedi Weber.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Berufsbegleitend. flexibel. digital.

Berufstätige wollen zunehmend zeit- und ortsunabhängig studieren.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Nacktbaden: TeilnehmerInnen des Dark Mofo Sommersonnenwenden Nackschwimmens stürzen sich in den Fluss Derwent im australischen Hobart. (22.Juni 2018)
(Bild: Rob Blakers/EPA) Mehr...