Die stille Enteignung der Sparer

In der Schweiz zieht die Inflation wieder an – wenn auch nicht im selben Ausmass wie in Nachbarländern. Das Sparkonto wird damit endgültig zu einem Verlustgeschäft.

Die Zinsen werden immer tiefer und die Gebühren der Banken immer höher: Verschmierter Postfinance-Bancomat in Zürich. Foto: Thomas Egli

Die Zinsen werden immer tiefer und die Gebühren der Banken immer höher: Verschmierter Postfinance-Bancomat in Zürich. Foto: Thomas Egli

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Sie war lange nur noch ein Gespenst. Nun kehrt die Inflation zurück nach Europa. In Deutschland kletterte sie im Dezember sprunghaft und zur Überraschung vieler Experten auf 1,7 Prozent hoch – und damit auf das höchste Niveau seit drei Jahren. In Grossbritannien stiegen die Preise in den Supermärkten im vergangenen Monat um 0,2 Prozent und damit erstmals seit 28 Monaten überhaupt wieder. Für die gesamte EU rechnet die Europäische Zentralbank für das laufende Jahr denn auch mit einer Teuerungsrate von 1,2 Prozent – getrieben vor allem vom steigenden Ölpreis, der Brenn- und Treibstoffe verteuert.

Auch in der Schweiz ist die Richtung klar. Nach langer Zeit im negativen Bereich steuert die Inflation wieder über den Nullpunkt. Die Ökonomen der UBS rechnen für 2017 mit einer Rate von 0,4 Prozent, die Experten der OECD ­erwarten 0,3 Prozent. Das Bundesamt für Statistik ist zurückhaltender und prognostiziert 0,0 Prozent. Für 2018 glauben jedoch auch die Bundesstatistiker an eine Beschleunigung und sagen ein 0,2 Prozent höheres Preisniveau voraus. Die OECD erwartet für dann sogar bereits eine Inflationsrate von 0,5 Prozent. Der Trend ist also klar: Die Teuerung wird auch zwischen Genf und ­Romanshorn wieder spürbar.

Ungünstige Konstellation

Das ist schlechte Kunde für Sparer. Schuld ist eine ungewöhnliche Konstellation. Zinsen nahe des Nullpunkts und gleichzeitig eine anziehende Inflation, das hat es so noch nie gegeben. Die deutsche Boulevard-Zeitung «Bild» spricht im Zusammenhang mit der erstarkten Teuerung denn auch bereits von einer «Horror-Kurve», die das Ersparte der Deutschen wegfresse. Auch wenn die ­Situation hierzulande noch lange nicht so ausgeprägt ist – die Tendenz ist die gleiche. Tiefe Sparzinsen und eine steigende Inflation machen das Bankkonto endgültig zum Verlustgeschäft.

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Für den einzelnen Kunden geht es zwar oftmals um kleine Beträge. Ins­gesamt sind aber riesige Summen im Spiel. Gemäss der letzten verfügbaren Statistik der Schweizerischen Nationalbank haben die Schweizer Privathaushalte 734 Milliarden Franken auf Sparkonten liegen. Ob den Kunden unter dem Strich 0,1 Prozent oder 0,2 Prozent verbleiben, macht also einen Unterschied von 734 Millionen Franken.

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Nicht dass die letzten Jahre von üppig spriessenden Zinseinkünften geprägt gewesen wären. Bankkunden mussten sich schon vor einiger Zeit an rekordtiefe Zinsen gewöhnen. Laut dem Online-Vergleichsdienst Moneyland beträgt der durchschnittliche Zinssatz auf einem Sparkonto für Erwachsene zurzeit gerade einmal 0,1 Prozent. Das ist tief wie noch nie in diesem und im letzten Jahrhundert. Dank negativer Inflation war das gerade noch erträglich. Real gesehen – also kaufkraftbereinigt – verblieb ein kleines Plus.

Schleichende Verteuerung

Doch die Zinsen sind nur eine Komponente. Zugleich stiegen in den letzten Jahren die Gebühren der Banken. «Die Konten- und Kartengebühren wurden bei vielen Banken schleichend erhöht. Beispiele dafür sind die höheren Debit- und Kreditkartengebühren oder angehobene Kontoführungspreise», sagt ­Moneyland-Geschäftsführer Benjamin Manz. Sparen wurde dadurch trotz real positiver Vergütungen für die meisten zum Verlustgeschäft. «Die Kontogebühren und Kartenkosten haben die spärlichen Zinsen bei den Kunden ohne grosse Vermögen oder ohne Spezialkonditionen, wie etwa bei Studenten, weggefressen», so der Experte.

Bleiben die Zinsen weiterhin so tief und steigt die Inflation, geht die Schere zwischen Aufwand und Ertrag weiter auf. Denn die Banken lassen sich bei der Anhebung der Sparzinsen immer reichlich Zeit, auch wenn der Trend allgemein wieder nach oben zeigt. Wer Geld zur Bank trägt, verliert Geld. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2017, 21:26 Uhr

Die Alternativen zum Sparkonto

Ein gängiger Fehler vieler Sparer ist es, zu viel Geld auf dem Privatkonto liegen zu lassen. Dort fällt kaum noch ein Zins an. Doch auch das Sparkonto bringt wenig Ertrag ein. Es gibt aber durchaus Ausweichmöglichkeiten dazu. Alle Varianten haben Vor- und Nachteile.

3a-Sparkonto: Während es auf einem normalen Sparkonto derzeit nur gerade 0,1 Prozent Jahreszins gibt, wirft laut Moneyland ein 3a-Sparkonto zurzeit im Durchschnitt 0,46 Prozent ab. Die Spannbreite zwischen den Anbietern ist aber gross. So beträgt die Vergütung etwa bei der Postfinance 0,3 Prozent, bei der Crédit Agricole 0,7 Prozent. Die Unterschiede fallen über die Zeit ins Gewicht. Diese Anlage ist auch steuerlich interessant. Die Einsparung kann bis zu 30 Prozent des einbezahlten Betrags ausmachen. Derzeit ist die maximale Einzahlung auf 6768 Franken pro Jahr beschränkt. Wer einen grösseren Risiko-Appetit hat, kann ein 3.-Säule-Produkt mit Fondskomponente wählen. Dabei profitieren Sparer von der positiven Entwicklung am Aktienmarkt, es besteht aber die Gefahr von Kursverlusten. Zudem können hohe Gebühren anfallen. Nicht zuletzt kann man auf 3a-Gelder mit Ausnahmen erst nach der Pensionierung zugreifen.

Aktien und Indexfonds: Aktienanlagen oder Indexfonds sind eine weitere Alternative zum Sparkonto. «Allerdings sind sie riskanter und in der Regel nur für Anleger mit langem Atem zu empfehlen», sagt Benjamin Manz, Geschäftsführer des Vergleichsdienstes Moneyland. Anleger müssen also auch schlechte Zeiten aussitzen können. Inzwischen gibt es viele Anbieter, die es auch weniger gut betuchten Kunden erlauben, ihr Geld in ein ausgeglichenes Portfolio mit Indexfonds anzulegen. Auch hier gilt es, auf die Gebühren zu achten. (jb)

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