«Der Schweizer Tourismus ist in einem perfekten Sturm»

Im Juli gab es für Schweizer Hoteliers erneut einen Dämpfer. Tourismus-Experte Jürg Stettler erklärt, was dem Ferienland Schweiz in Zukunft blüht.

Euro-Krise, Klimaveränderung, Digitalisierung – für die Schweiz wird es nicht einfacher, sich als Tourismusland zu positionieren.

Euro-Krise, Klimaveränderung, Digitalisierung – für die Schweiz wird es nicht einfacher, sich als Tourismusland zu positionieren. Bild: Keystone

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Die neusten Zahlen zeigen, dass der Anteil an inländischen Gästen im Schweizer Tourismus so hoch ist wie noch nie. Überrascht Sie das?
Tatsächlich ist diese Entwicklung überhaupt nicht selbstverständlich. Denn der starke Franken hat ja die Ferien im Ausland günstiger und damit attraktiver gemacht. Dass die Schweiz den Anteil der inländischen Gäste nicht nur halten, sondern sogar ausbauen konnte, ist deshalb eine hervorragende Leistung.

Wie erklären Sie sich diesen Inland-Boom?
Sicher hat die Risikowahrnehmung durch die gehäuften Terroranschläge die Ferien in der Heimat attraktiver gemacht. Wichtiger ist aber, dass diverse Anbieter und Regionen den Heimmarkt noch gezielter und konsequenter bearbeiten. Etwa Freiburg, die Region Jura et Trois-Lacs oder auch verschiedene Destinationen in den Bergen.

Trotzdem scheint der Rückgang der Nachfrage bei den Gästen aus Europa kein Ende zu finden...
Ja, das stimmt. Die Schweiz tut sich nach wie vor sehr schwer, dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen. Ein Grund dafür ist, dass sie als Premium-Destination diesem Nachfragerückgang besonders stark ausgesetzt ist. Da hilft es auch nichts, dass die Schweiz einen guten Ruf hat, ein sicheres Land zu sein.

Weiterhin bleibt der Rückgang der Gäste aus Deutschland besonders einschneidend. Wohin gingen diese Gäste in diesem Sommer?
Dass aufgrund der Terrorlage wieder mehr Deutsche in der Schweiz Ferien machen, hat sich nicht ergeben. Entweder machten die Deutschen Ferien zu Hause oder im eigenen Land oder sie reisten ins 17. Bundesland, nach Mallorca. Im Übrigen hat auch Österreich Mühe mit der Nachfrage aus Deutschland.

Wann wird die Schweizer Tourismusbranche die Talsohle erreicht haben?
In ein bis zwei Jahren vielleicht? Aber eigentlich ist dieser Zeitpunkt nicht prognostizierbar. Die Unsicherheiten allein im Finanzsystem sind nach wie vor riesig. Vor der Eurokrise konnte der europäische Mittelstand sich Ferien in der Schweiz leisten. Das ist heute nicht mehr so. Und die sehr preissensiblen Touristen unter den deutschen Reisenden hat die Schweiz vielleicht für immer verloren.

Die Nachfrage aus China ging im Zeitraum von Januar bis Juli um 17 Prozent zurück verglichen mit der Vorjahresperiode. Welche weitere Entwicklung erwarten Sie hier?
Das dürfte nur vorübergehend sein. Die Gründe dafür sind bekannt: die komplizierteren neuen Visumregeln, die schwächelnde chinesische Wirtschaft sowie die Terroranschläge und die Flüchtlingssituation in Europa. Diese Faktoren haben sich vor allem auf das Gruppenreisegeschäft ausgewirkt.

Weshalb gehen Sie davon aus, dass die Nachfrage wieder anzieht?
Pro Jahr reisen heute erst etwa 130 Millionen der insgesamt 1.4 Milliarden Chinesen ins Ausland. Die meisten davon gehen nach Hongkong oder Macau. Da schlummert noch ein grosses Potenzial. Vielleicht nicht mehr mit denselben Wachstumsraten, aber das ist für die Branche nicht nur ein Nachteil. Denn an einigen Orten hat das starke Wachstum auch zu Kapazitätsproblemen geführt.

Der Schweizer Tourismusverband spricht von «akutem Handlungsbedarf» und fordert Entlastung über einen dauerhaft tieferen Mehrwertsteuersatz und weniger Gebühren. Sind das die richtigen Massnahmen?
Die Bergregionen, und hier vor allem Graubünden und das Wallis, haben sehr starke Rückgänge erlitten in den letzten Jahren. Das ist eine ganz schwierige Situation. Es handelt sich aber um strukturelle Probleme, die allein mit einem tieferen Mehrwertsteuersatz nicht aus der Welt geschafft werden.

Konkret?
Diese Destinationen sind noch viel zu stark auf den Wintertourismus und die traditionellen Märkte fokussiert. Sie müssen sich mehr auf die Sommersaison und vor allem auf die Wachstumsmärkte, unter anderem in Asien, ausrichten. Für diesen Wandel braucht es aber Investitionen, und dafür fehlen besonders den kleinen Destinationen die Mittel.

Hat man es verpasst, frühzeitig auf diese Veränderungen zu reagieren?
Die Entwicklung in Europa mit der Eurokrise war nicht vorauszusehen. Dass es im Wintergeschäft schwieriger wird, hingegen schon. Und die Digitalisierung mit ihren Folgen ebenfalls. Die Branche hat die Dynamik unterschätzt, die aus diesen Veränderungen hervorgeht. Es ist so etwas wie ein perfekter Sturm.

Die Schweiz muss sich also damit abfinden, als Destination immer weiter nach hinten gereicht zu werden?
Das ist zu befürchten. Wenn man die Wachstumsraten des weltweiten Tourismusgeschäfts nimmt, verliert die Schweiz laufend Marktanteile. Und obwohl die Schweiz bei der Anzahl ankommender Gäste zugelegt hat, sinken die Übernachtungszahlen, weil die Touristen weniger lang bleiben. Das wird auch in den nächsten Jahren so bleiben. Die Schweizer Tourismusbranche hat zwar ihre Hausaufgaben durchaus gemacht. Aber das Marktumfeld wird schwierig bleiben.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.09.2016, 17:23 Uhr

Jürg Stettler leitet das Institut für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern.

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