Cherokees zielen auf Pillenhersteller

Das grösste Indianervolk der USA verlangt von der Schmerzmittel-Industrie eine Wiedergutmachung in Milliardenhöhe.

Das Gesundheitsministerium wirft der Branche und den Ärzten vor, Opioide für eine zu lange Dauer und in zu hohen ­Dosen zu verschreiben. Foto: Cliff Owen (Keystone)

Das Gesundheitsministerium wirft der Branche und den Ärzten vor, Opioide für eine zu lange Dauer und in zu hohen ­Dosen zu verschreiben. Foto: Cliff Owen (Keystone)

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Mehr als 300'000 Amerikanerinnen und Amerikaner sind seit 1999 an einer Überdosis von Schmerzmitteln gestorben. Das ländliche, wirtschaftlich geschwächte Amerika ist mehr als der Rest des Landes von der Drogenepidemie betroffen – und ist damit finanziell überfordert. Mehr als 30 Bundesstaaten, Bezirke und Städte gehen deshalb gegen die Hersteller und Verteiler der suchterregenden Schmerzmittel vor. Das Muster dazu ist die Sammelklage gegen die Tabakindustrie vor 20 Jahren, die den amerikanischen Bundesstaaten mehr als 200 Milliarden Dollar an Wiedergutmachung für die Gesundheits­kosten der Nikotinsucht einbrachte.

Stark betroffen sind auch die Indianervölker im dünn besiedelten Süden und Südwesten des Landes. Der grösste Stamm, die Cherokee, hat sich als erster der Klagwelle der Bundesstaaten angeschlossen. Sie wollen neben den Herstellern in erster Linie die Verteiler der Opioide zur Rechenschaft ziehen. Drogerieketten wie CVS und Walgreens, aber auch der Grossverteiler Walmart hätten weit mehr Pillen an die 350'000 Angehörigen des Stammes abgegeben als nötig, heisst es in der Klage. Damit aber hätten sie ihre gesetzliche Pflicht verletzt, suchterregende Schmerzmittel mit besonderer Sorgfalt zu behandeln und das Wohl der Patienten im Auge zu behalten.

Die Verteiler haben nach Angaben von Richard Fields, Anwalt der Cherokee, mehr als 845 Millionen Milligramm Opioide abgegeben oder 360 Pillen für jeden Patienten. Eine derart hohe Dosis erhöht das Abhängigkeits­risiko nach Angaben des US-Gesundheitsministeriums um mehr als das Zehnfache. Fields schätzt, dass die Folgekosten für die Cherokee mehrere Hundert Millionen Dollar erreichen. «Wir hoffen, dass sich noch mehr Bundesstaaten der Klage anschliessen und wir zusammen erreichen, was die Bundesregierung bisher nicht geschafft hat.»

Hersteller sehen keine Schuld

Ähnlich schwere Probleme hat West Virginia. Kein Bundesstaat beklagt mehr Drogentote als der wirtschaftlich stark geschwächte Staat in den Appalachen. Eine Untersuchung der «Charleston Gazette-Mail» befand, dass die Hersteller und Verteiler der Schmerzmittel zwischen 2007 und 2012 mehr als 780 Millionen Opioid-Pillen auf einen Markt von nur 1,8 Millionen Einwohnern geworfen haben. Ein krasses Beispiel ist Kermit und seine 392 Einwohner. Das winzige Dorf bezog von Verteilern ausserhalb des Staates, vor allem aus Florida, in zwei Jahren ganze neun Millionen Hydrocoden-Pillen.

Infografik: Opioid-Rezepte in den USA Grafik vergrössern

Die Hersteller und Verteiler bestreiten, für die Pillenmissbräuche verantwortlich zu sein. Sie argumentieren damit, dass die Schmerzmittel bei korrekter Dosierung nicht abhängig machten und in vielen Fällen die einzigen Mittel gegen chronische Schmerzen seien. Diese Verteidigung erlaubte ihnen, die bisher beurteilten Klagen mit relativ günstigen Vergleichen beizulegen. So zahlte Insys Therapeutics dem Staat Illinois dieses Jahr 4,45 Millionen Dollar zur Abgeltung für die missbräuchliche Vermarktung eines Schmerzmittels mit dem besonders stark suchterregenden Wirkstoff Fentanyl. Noch hängig ist ein Prozess gegen sechs frühere Insys-Manager. Ihnen wird vorgeworfen, Ärzte bestochen und die Krankenversicherungen betrogen zu haben.

Trump zögert

Die Fakten allerdings sprechen gegen die Schmerzmittelindustrie. Das Gesundheitsministerium wirft der Branche und den Ärzten vor, Opioide für eine zu lange Dauer und in zu hohen ­Dosen zu verschreiben. Diese Praxis genüge, jeden einzelnen Bürger des Landes während drei Wochen pro Jahr rund um die Uhr ins Koma zu versetzen. Die Folgekosten für die Versicherungen werden auf jährlich 78,5 Milliarden Dollar geschätzt.

Die Klagen orientieren sich an den Tabakprozessen der 1990er-Jahre. «Sie wussten, was sie taten; und sie taten es trotzdem», sagte Mike DeWine, der republikanische Staatsanwalt von Ohio zur Klage. «Obwohl alles darauf hinweist, dass diese Schmerzmittel süchtig machen, haben sie ihre Verantwortung fahrlässig vernachlässigt.» Ohio verweist wie alle anderen Bundesstaaten auf eine Karte des Seuchen- und Epidemiezentrums der US-Regierung. Sie zeigt, dass die Industrie in über einem Dutzend Bundesstaaten mehr Opioid-Rezepte ausgestellt hat, als Bewohner ansässig sind.

Allerdings besteht ein wesentlicher Unterschied zur Tabakindustrie. Die Schmerzmittel werden von der Arzneizulassungsbehörde getestet und kontrolliert. Das war für Tabakprodukte noch nicht der Fall. Die Pharmaindustrie und Verteiler wollen sich deshalb mit Verweis auf die Regierung aus ihrer Verantwortung stehlen. Präsident Donald Trump beklagte zwar im Wahlkampf die Opioid-Epidemie lautstark und kündete eine Gegenoffensive an. Vor dem Aus­rufen eines nationalen Notstandes schreckte er bisher jedoch zurück, obwohl er damit drohte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2017, 22:53 Uhr

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