Camper verlangen nach Komfort

Die Umsätze der Schweizer Campingplätze sinken seit Jahren. Jetzt hofft die Branche auf eine Trendwende. Profitieren davon können nur Betriebe, die investieren.

Der Verkehrs-Club und andere Anbieter bauen neue Übernachtungsangebote wie Bungalows, Tipis, Safarizelte oder Pods. Ein Family Pod auf dem TCS Campingplatz in Disentis, Graubünden.

Der Verkehrs-Club und andere Anbieter bauen neue Übernachtungsangebote wie Bungalows, Tipis, Safarizelte oder Pods. Ein Family Pod auf dem TCS Campingplatz in Disentis, Graubünden. Bild: Keystone

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Rund 900 Meter östlich des Zihlkanals liegt ein kleines Dorf, das weder eine Ortstafel hat noch eine Postleitzahl. Direkt am Ufer des Neuenburgersees und umgeben von einem dichten Wald liegt der grösste Campingplatz der Schweiz. 867 Stellplätze bietet er. Ist das Zelt- und Wohnwagenresort voll belegt, leben hier bis zu 2000 Menschen. Der TCS-Camping Gampelen ist einer von schweizweit 406 Plätzen. Letztes Jahr lief es in der riesigen Anlage mit eigenem Kinderspielplatz, Planschbecken, Velo- und Pedaloverleih, Boccia, und Strand gut. Der Platz im Berner Seeland liegt damit im Trend. 2016 haben die Schweizer Campingplätze insgesamt 2,8 Millionen Übernachtungen verbucht – das waren 5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Vor allem Ausländer stellten ihr Zelt oder ihren Wohnwagen deutlich häufiger auf Schweizer Rasen.

Konkurrenz aus Mallorca

Die Branche ist deswegen nicht in Feierlaune. Denn das Plus von 2016 war ein Ausreisser in einem langjährigen Abwärtstrend. In den letzten acht Jahren sank die Zahl der Logiernächte um beinahe ein Viertel. «Es ist ein steter Rückgang», sagt Wolfgang Bosshardt, Präsident des Branchenverbands Swiss-camps. Die Gäste kommen zwar nicht viel weniger zahlreich, aber sie brechen die Zelte immer schneller ab. Das spiegelt sich in den Zahlen des Bundesamtes für Statistik: Betrug die durchschnitt­liche Aufenthaltsdauer 2009 noch 3,5 Tage, sind es jetzt nur noch 2,9 Tage. «Früher gab es Gäste, die blieben drei, vier Wochen. Das sehen wir heute kaum mehr», sagt Bosshardt, der selbst eine Anlage mit 125 Stellplätzen im kleinen Unterengadiner Dorf Sur En betreibt.

Infografik: In welchen Tourismus-Regionen es am meisten Stellplätze gibt Zum Vergrössern auf Grafik klicken

Was nach einem kleinen Rückgang klingt, summiert sich für die Betreiber zu einem grossen Verlust. Rechnet man mit einem durchschnittlichen Übernachtungspreis von 25 Franken, gingen schweizweit über 22 Millionen Franken an Umsatz verloren. Zu hart ist die Konkurrenz geworden. Die hiesigen Campingplätze kämpfen nicht mehr nur gegen Hotels in ihrer Region, sondern gegen Ziele wie Mallorca oder Kreta, aber auch gegen Thailand oder Dominikanische Republik, erklärt Bosshardt. «Die günstigen Flugtickets und Pauschalreisen locken Gäste weg ins Ausland.» Das Image der Schweiz als teure Urlaubsdestination helfe auch nicht.

«Heute wird von den Kunden deutlich mehr Komfort gefordert als früher»Wolfgang Bosshardt, Präsident des Branchenverbands Swiss-camps

Nicht alle Anbieter sind gleich betroffen. «Plätze an guten Lagen wie etwa solche mit direktem See- oder Flussanstoss oder an aussergewöhnlichen Standorten, jene mit Autobahnanschluss und mit guter Infrastruktur bezüglich Strom, Wifi, Sanitäranlagen sowie solche mit genügend grossen Parzellen» liefen gut, erklärt ein Sprecher des TCS, dem grössten Campinganbieter der Schweiz. Auch müsse man sich auf die veränderten Bedürfnisse der Camper einrichten. «Heute wird von den Kunden deutlich mehr Komfort gefordert als früher», so der TCS-Mann.

Infografik: Welches sind die grössten Campingplätze der Schweiz? Zum Vergrössern auf Grafik klicken

Der Verkehrs-Club TCS und andere Anbieter bauen darum neue Übernachtungsangebote wie Bungalows, Tipis, Safarizelte oder Pods. «Die Investition in alternative und zusätzliche Unterkünfte zahlt sich aus. Damit erreichen wir eine neue Zielgruppe, die zwar das Campingfeeling nicht missen möchte, jedoch auf einen gewissen Komfort nicht verzichten will», so der TCS-Sprecher. Im Jargon spricht man von Glamping – Camping mit Glamour.

Verlernt, gute Gastgeber zu sein

«Die Auslastung dieser Unterkünfte zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Darum werden wir die Strategie fortsetzen und das Angebot an Glam-pingunterkünften ausbauen.» Die Investitionen in Bungalows, in stärkere Elektrizitätsanlagen für die immer grösser werdenden Camper, neue und modernere sanitäre Anlagen und Websites mit Online-Buchungsmöglichkeit kosten. Das können sich nicht alle Anbieter leisten, weil sie in den vergangenen Jahren zu wenig Reserven angespart haben. Oder sie wollen es sich nicht leisten, wie der Betreiber einer mittelgrossen Anlage in der Innerschweiz betont. «Viele haben verlernt, dass man vor allem guter Gastgeber sein muss, der ein gutes Angebot bietet», so der Unternehmer.

Trotz Herausforderungen sieht Verbandspräsident Bosshardt optimistisch in die Zukunft. «Wir sehen jetzt zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder einen Aufwärtstrend», sagt er. Sein Fazit und sein Tipp an die Berufskollegen: «Wer im Büro sitzt und jammert, muss sich nicht wundern, wenn es nicht so gut läuft. Man muss ständig dranbleiben.» Grundsätzlich hätten alle Plätze in der Schweiz einen grossen Vorteil, findet der Campingmann. «Sie stehen alle in einer wunderschönen Landschaft. Das lässt sich verkaufen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.06.2017, 21:21 Uhr

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