Beschimpft und unter Druck gesetzt

Auf einer neuen Website können sich Opfer von sexueller Diskriminierung am Arbeitsplatz anonym Hilfe suchen. Die ersten Erfahrungen zeigen: Die Nachfrage ist da.

Sexuelle Belästigung findet oft auch verbal statt. Foto: AJ Watt (Getty Images)

Sexuelle Belästigung findet oft auch verbal statt. Foto: AJ Watt (Getty Images)

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Eigentlich wurde die Website noch gar nicht offiziell lanciert. Und trotzdem wird sie schon fast täglich benützt: Angestellte erzählen von Erfahrungen, die sie beim Job machten und sie belasten. Das Angebot Belästigt.ch wurde unter anderem von der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich und der Frauenberatung sexuelle Gewalt ins Leben gerufen. Das Angebot richtet sich an Menschen, die glauben, an ihrem Arbeitsplatz sexuell belästigt worden zu sein. Sie können ihre Erlebnisse anonym und schriftlich schildern.

Das Bedürfnis nach einer solchen Plattform sei da, sagt Aner Voloder von der Stadtzürcher Fachstelle für Gleichstellung. Er verweist auf die vielen Anfragen. Oft gehe es um Geschehnisse, die Jahre zurückliegen, sagt der Jurist und Projektleiter. «Viele beschreiben das Erlebte, wollen wissen, ob es sich wirklich um Belästigung handelte und was sie damals hätten tun sollen.» Voloder und Expertinnen von der Frauenberatung zeigen Optionen auf, etwa den Gang vor eine Schlichtungsbehörde.

10'000 Franken Entschädigung

Heute startet das Projekt offiziell. Nun finden sich auf der Website auch Videoclips, Hintergrundinformationen und Tipps – sowohl für Angestellte als auch für Arbeitgeber.

Obwohl die Diskriminierung durch sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz seit 1995 gesetzlich verboten ist, handelt es sich laut Voloder noch immer um ein Tabuthema. «Viele Betroffene schämen sich. Oder ihnen ist gar nicht bewusst, dass es sich beim Erlebten um Belästigung handelt», sagt Voloder. Wie Belästigung am Arbeitsplatz aussehen kann, zeigt die Online-Datenbank Gleichstellungsgesetz.ch. Das Verzeichnis listet Fälle von möglichen Verstössen gegen das Gesetz auf. Etwa diesen:

Die Frau ist seit rund zehn Jahren Angestellte im Lebensmittelverkauf eines grossen Detailhändlers mit sehr gutem Zwischenzeugnis. Seit einigen Jahren hat sie einen neuen Chef, mit welchem es offenbar verschiedentlich Diskussionen und Konflikte [...] gegeben hat. [...] Die Gesuchstellerin macht geltend, seit einigen Monaten zusätzlich von ihrem Chef verbal sexuell belästigt worden zu sein. So habe er ihr z. B. einmal gesagt, sie habe schöne Stiefel, die trügen sonst nur Schlampen, oder sie sei zwar klein, aber sicher scharf im Bett etc. [...]

«Vielen ist gar nicht bewusst, dass es sich beim Erlebten um Belästigung handelt»

Im geschilderten Fall kam es zu einem Vergleich: Die Arbeitgeberin musste der Detailhandelsangestellten 10'000 Franken Entschädigung zahlen. Die Schlichtungsbehörde, die den Fall behandelte, kam nicht nur zum Schluss, dass die Darstellung der Belästigung und Schikanen glaubwürdig sei. Sie stellte vor allem fest, dass die Arbeitgeberin ihrer «Präventions- und Abhilfepflicht» nur ungenügend nachgekommen sei. Denn als die Angestellte die Vorfälle meldete, wurde ihr Chef vom Vorgesetzten zwar gerügt. Dieser sagte der Betroffenen aber auch, sie solle nicht «Kleinigkeiten suchen». Daraufhin wurde sie nach eigenen Angaben weiter schikaniert – bis sie krankgeschrieben wurde.

«Das Gleichstellungsgesetz verpflichtet Firmen dazu, präventive Massnahmen gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu ergreifen. Und bei Vorfällen sofort zu intervenieren», sagt Voloder. Der Jurist berät auch Zürcher Firmen und Betroffene beim Umgang mit solchen Vorfällen. Selten sind sie nicht, wie eine Nationalfonds-Studie 2014 zeigte: Bei einer Befragung gab fast jede zweite Person an, dass sie in ihrem Erwerbsleben schon mit «potenziell belästigendem Verhalten» konfrontiert gewesen sei.

Auch Anfragen von Männern

Auf Belästigt.ch meldeten sich bis jetzt vor allem Frauen. Aber nicht nur: «Es gab auch Anfragen von Männern», so Voloder. Ein Blick auf Gleichstellungsgesetz.ch zeigt denn auch, das Männer genauso Opfer werden können.

Der Mann ist als Pressbohrassistent bei einem Bauunternehmen angestellt. Er wird während mehrerer Monate von seinem Vorgesetzten verbal und tätlich sexuell belästigt (Betitelung als «Oberschwuchtel» und Berührungen im Genitalbereich). Er wehrt sich dagegen und verlangt korrektes Verhalten, welcher Aufforderung der Vorgesetzte nicht nachkommt und stattdessen sogar droht, der Gesuchsteller werde seinen Job verlieren, falls er dem Geschäftsleiter Meldung erstatte. Nach weiteren Belästigungen meldet sich der Gesuchsteller krank und begibt sich in die Beratung der Opferhilfe. [...]

Der Arbeitgeber musste dem Betroffenen schliesslich eine Entschädigung von 11'000 Franken bezahlen. Auch hier kritisierte die Schlichtungsbehörde, dass die Firma sich nicht um die gesetzlich verlangte Prävention gekümmert habe. Es habe zum Beispiel kein klar kommuniziertes Verbot der sexuellen Belästigung mit Sanktionsandrohung gegeben.

Es sind laut Voloder vor allem kleine und mittelgrosse Firmen, die gegen die Pflicht zur Prävention verstossen und bei tatsächlichen Vorfällen überfordert sind. Grössere Konzerne verfügten oft über Reglemente zum Schutz vor sexueller Belästigung, stellten Ansprechpersonen zur Verfügung oder bildeten HR-Verantwortliche und Führungskräfte entsprechend weiter.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.08.2017, 17:58 Uhr

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