Bankencrash in Thun erschütterte 1991 die Schweiz

Vor 25 Jahren ging die Spar- und Leihkasse Thun pleite. Über 220 Millionen Franken Privat- und Geschäftsvermögen gingen verloren.

Kleinsparer stürmten zur Bank, um ihre Ersparnisse zu retten.

Kleinsparer stürmten zur Bank, um ihre Ersparnisse zu retten. Bild: Keystone

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Ungeheuerlich, was sich Anfang Oktober vor 25 Jahren im beschaulichen Städtchen Thun abspielte. Eine Schweizer Bank war pleite gegangen und vor den verschlossenen Toren des Geldinstituts drängten sich verängstigte Kleinsparer.

Die Bilder gingen um die Welt, denn bis dato hatte sich niemand vorstellen können, dass ausgerechnet in der reichen, grundsoliden Schweiz eine Bank Zusammenbrechen könnte. Doch genau das war geschehen.

Die Spar- und Leihkasse Thun (SLT) hatte sich mit Immobilienfinanzierungen übernommen. Ende der 1980-er Jahre überhitzte die Schweizer Wirtschaft und die Immobilienpreise schossen in die Höhe. Kaum jemand konnte oder wollte sich damals vorstellen, dass die Blase platzen könnte.

Der Preiseinbruch traf die ungenügend vorbereitete Spar- und Leihkasse mit voller Wucht. Am 3. Oktober 1991 gab die Regionalbank bekannt, sie stecke in «vorübergehenden Engpässen». Die Lokalzeitung «Thuner Tagblatt» sprach Klartext und verkündete in fetten, roten Lettern: «Die Spar- und Leihkasse Thun kämpft ums Überleben».

220 Millionen Franken vernichtet

Sofort stürmten viele Kleinsparer und Gewerbler zur Bank, um ihr Ersparnisse zu retten. Zu spät: die Schalter waren bereits geschlossen und die Gelder gesperrt. Vor den verschlossenen Türen drängte sich die wütende Menge. Ein Mann ertrug die Aufregung nicht und erlag in der Nähe einer SLT-Bankfiliale einem Herzinfarkt.

Nach einigen Tagen konnten die Kunden je 500 Franken abheben. Vor den Filialen standen die Menschen stundenlang Schlange. Eine Rettung der angeschlagenen Regionalbank durch Grossbanken kam nicht zu Stande. Die Sparkasse war nicht «too big to fail» - ein Begriff der allerdings erst Jahre später geprägt werden sollte.

Der Crash der Spar- und Leihkasse vernichtete über 220 Millionen Franken Privat- und Geschäftsvermögen. Die Kunden mussten Monate, ja gar Jahre auf Auszahlungen warten. Rund 6300 Kunden verloren mehr als einen Drittel ihres Vermögens. Tausende Menschen in der Region erschütterte die Bankpleite in ihren Grundfesten.

Noch heute ist bei Betroffenen oder deren Nachkommen Bitterkeit zu spüren, wenn man das Thema anspricht. Der Zusammenbruch der Spar- und Leihkasse Thun stand am Anfang einer eigentlichen Regionalbankenkrise, die die Schweizer Bankenwelt veränderte. In den Folgejahren wurden die Gesetze verschärft.

Auch Selve-Schliessung traf Region hart

Die Bankenpleite war nicht die einzige Hiobsbotschaft, die die Thuner Bevölkerung in dieser Zeit verarbeiten musste. Nur wenige Wochen vorher hatten die Metallwerke Selve, einer der grössten Arbeitgeber der Region, ihre Schliessung bekanntgeben müssen.

Die «Selve» gehörte zum Finanzimperium von Werner K. Rey, das Anfang der 1990-er Jahre zusammenkrachte. Von der «Selve«-Schliessung waren rund 400 Beschäftigte betroffen.

Und dann kündigten auch die Militärbetriebe eine Schrumpfkur an, die tiefe Spuren in der Garnisonsstadt Thun hinterlassen sollte. Das beschauliche Thun war im Herbst 1991 quasi über Nacht in eine tiefe Krise geschlittert.

Neue Dynamik nach Schockstarre

Doch nach und nach löste sich die Schockstarre. Auf der Industriebrache der «Selve» feierte die Jugend auf der damals wohl grössten Partymeile der Schweiz. In den alten Fabrikgebäuden fanden junge Künstler vorübergehende Bleiben. Junge Unternehmen wagten Neues.

Als der einheimische Fussballverein 2005 sogar in die Champions League einzog, stand Thun Kopf. Die Weltpresse berichtet über den Fussballzwerg aus den Schweizer Bergen, der ohne grosses Budget finanzkräftigen Vereinen um die Nase dribbelte. Das tat dem angeknacksten Selbstvertrauen der Thuner mehr als gut.

Unterdessen hat sich die Stadt weiterentwickelt. In den letzten Jahren wurde dank tiefer Zinsen viel gebaut und die Immobilienpreise klettern in die Höhe. Die Banken, so hoffen die Thunerinnen und Thuner, mögen ihre Lektion gelernt haben. (jur/sda)

Erstellt: 30.09.2016, 17:43 Uhr

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