Aus der Halfpipe ans Lagerfeuer

Die Zeiten, als in der Schweiz hunderttausend Snowboards pro Jahr verkauft wurden, sind vorbei. Die Branche setzt jetzt auf andere Sportarten und Handarbeit.

Ist Snowboarden wirklich tot? Ein Bild aus dem Jahr 2007, während des Burton European Open in Laax.

Ist Snowboarden wirklich tot? Ein Bild aus dem Jahr 2007, während des Burton European Open in Laax. Bild: Martin Rütschi/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor einem Jahr sprang Christian Haller mit seinem Snowboard so hoch wie kein anderer vor ihm. 11,3 Meter, neuer Weltrekord. Nun steht der 27-Jährige aus Zernez neben einem Lagerfeuer am Ufer des Walensees und erzählt mit einem Bier in der Hand vom Leben als Profi-Snowboarder.

Es sei ein gutes Leben, kein Zweifel, sagt Haller, der bis Ende der letzten Saison dem Schweizer Nationalteam angehörte. Aber es habe sich eben auch viel verändert. «Der Konkurrenzkampf ist härter geworden. Die Sponsoren geben nicht mehr so viel Geld aus wie früher.» Mehr als zwei schlechte Saisons nacheinander könne man sich fast nicht mehr leisten. «Dann bist du weg vom Fenster.»

Haller wirkt auf den ersten Blick schüchtern und jünger, als er tatsächlich ist. Aber er weiss, wie das Geschäft funktioniert. Er war einmal Zweiter und einmal Dritter in der Gesamtwertung der World Snowboard Tour. Auch an den Olympischen Spielen in Vancouver 2010 und Sotschi 2014 war er dabei.

Infografik: Absatz von Ski und Snowboards sinkt Grafik vergrössern

Als seine Karriere zur Jahrtausendwende langsam in Fahrt kam, war das Snowboarden gerade richtig gross. Zwischen 1991 und 2000 stieg die Zahl der jährlich verkauften Snowboards in der Schweiz um mehr als 500 Prozent, von 18'000 auf 110'000. Die Jugend konnte mit dem Sport rebellieren, gegen die steifen Skifahrer auf der Piste und die öffentliche Ordnung im Allgemeinen. Die Firmen, die Geld in Sponsoring und Werbung steckten, sicherten sich damit den Zugang zu dieser Jugend.

Snowboards und Kühltaschen

Doch Erfolg ist der natürliche Feind der Rebellion. Das Snowboarden entwickelte sich zum Massenphänomen. 1998 in Nagano wurde es olympisch, und der Snowboard-Style zum Markenzeichen einer Generation.

Hinzu kam eine Krise, die den Winter­sport als Ganzes erfasste. Die Zahl ­verkaufter Snowboards brach ein – heute liegt sie wieder auf fast demselben Niveau wie 1991, bei 19'000. Auch der Absatz von Ski hat sich seit der Jahr­tausendwende fast halbiert, auf 185'000.

Die Folge: Wer mit Snowboarden und dem dafür nötigen Equipment sein Geld verdient, musste sich anpassen. Das gilt auch für Burton, die Firma aus dem US-Bundesstaat Vermont, die den Boom vorantrieb und selber mit ihm gross wurde. Konkrete Zahlen gibt die Firma, die immer noch dem legendären Gründer Jake Burton gehört, nicht bekannt. Aber sie ist definitiv eine der Weltmarktführerinnen. Ihr Umsatz wird auf rund 700 Millionen Dollar pro Jahr geschätzt.


Interview mit Jake Burton «Wir haben so viele Fehler gemacht»


Christian Haller wird von Burton gesponsert und gehört zum Entwicklungsteam. Darum steht er an diesem Abend neben dem Lagerfeuer. Anwesend sind auch Kunden und Journalisten, die von Burton eingeladen wurden. Beim Event geht es aber bezeichnenderweise nicht ums Snowboarden – sondern ums Zelten. Burton hat gerade eine neue Campingkollektion lanciert.

Seit drei Jahren verkauft die Firma neben Snowboards, Kleidern oder Schuhen auch Zelte, Schlafsäcke und Campingstühle. «Die Winter werden kürzer. Deshalb haben wir beschlossen, andere Saisons zu erschliessen», sagt Burton-Sprecherin Hanna-Marie Mayer. Die Wahl sei auf Camping gefallen, weil es dabei um die Nähe zur Natur gehe, wie beim Wintersport auch. «Das Snow­boarden wird aber immer unser Hauptgeschäft bleiben.»

Wie gross der Anteil am Umsatz sein wird, den die Campingkollektion dereinst liefern soll, sagt Mayer nicht. Es gehe vor allem darum, mit der Marke Burton neue Kundengruppen zu erreichen. Dazu soll auch der zweite europäische Flagship-Store beitragen, den Burton diese Woche in Zürich eröffnet.

Schweizer wachsen weiter

Der um einiges kleinere Mitbewerber Nitro hingegen bleibt beim Kerngeschäft. Das sei eine Frage der Philosophie, sagt Dominik Böni von Nitro Snowboards Switzerland: «Nitro ist eine Snowboardmarke und wird es auch bleiben.» Sie versuche, den Rückgang dort zu kompensieren, wo der Sport gerade einen Aufschwung erlebe. In den letzten Jahren war das laut Böni Russland, aktuell seien es Asien und Teile der USA. In der Schweiz und Europa setze Nitro vor allem auf die junge Generation. Und lasse 7- bis 18-Jährige gratis oder vergünstigt das Snowboarden ausprobieren.

Und wie sieht es bei den Schweizer Konkurrenten aus? Eine Antwort auf diese Frage findet man zum Beispiel in der Westschweiz. In Rolle im Kanton Waadt produziert das Familienunternehmen Nidecker mit rund 200 Angestellten Snowboards, Schuhe und Bindungen. «Wir sind eine der wenigen Gruppen, die gerade ein starkes Wachstum erleben», sagt Marketingchef Thierry Kunz.

Alternative Sportarten: Ein Stand-up-Paddler auf dem Brombachsee (Deutschland) Foto: Daniel Karmann/ Keystone

Das verdanke Nidecker einigen strategischen Entscheidungen aus der Vergangenheit. Zum Beispiel jener, spezialisierte Marken für Nischen zu lancieren, etwa Freeride-Boards. Oder auch jener, «komplementäre Sportarten» zu erschliessen, wie das Stand-up-Paddling. Damit wolle man dieselbe Klientel wie mit den Snowboards ansprechen, einfach in einer anderen Saison, sagt Kunz. Die Westschweizer schlagen also einen ganz ähnlichen Weg ein wie der grosse Konkurrent aus den USA.

«Die Zeiten ändern sich»

Anders macht es der kleine Zürcher Hersteller Radical. Auch er sei von der Krise «weniger betroffen als andere», sagt Werkstattchef Florian Hösli. «Wir verkaufen ein handgemachtes Nischenprodukt, das ist unser Vorteil.» Radical stellt in einer kleinen Manufaktur in Zürich-Wollishofen massgeschneiderte Ski und Snowboards her. Im Direktverkauf steigen die Verkaufszahlen laut Hösli gar. In den Wintersportgeschäften gehen sie aber zurück. «Dort konkurrieren unsere Kleinserien mit deutlich billigerer Massenware aus dem Ausland, das schlägt sich in den Zahlen nieder.»

Vorbei ist die Krise also nicht. Ob Camping oder Stand-up-Paddles die Lösung sind? «Wer weiss», sagt Profi Christian Haller. Er hat jedenfalls kein Problem damit, dass sein Sponsor das angestammte Geschäftsfeld verlässt. «Die Zeiten ändern sich. Ich bin ja auch nicht mehr derselbe wie vor zehn Jahren.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2017, 19:42 Uhr

Artikel zum Thema

«Wir haben so viele Fehler gemacht»

Interview Jake Burton hat das Snowboarden gross gemacht. Er will die Firma noch lange führen, auch wenn es bereits einen Plan für die Zeit nach seiner Ära gibt. Mehr...

Ist Snowboarden wirklich tot?

Outdoor Die einst coolste Wintersportart erlebt eine Massenabwanderung zum Ski. Was die Industrie schmerzt, freut die Boarder. Zum Blog

Ein Spielplatz in den Bergen

Video Laax zieht die besten Snowboarder der Welt magisch an. Nun kommen sie wieder ins Bündnerland – das Laax Open ruft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kunstsprung: Ein Dompteur springt auf der Krim ins Wasser, während zwei Elefanten eines lokalen Zirkusses ein Bad im Meer nehmen. (20.August 2018)
(Bild: Pavel Rebrov) Mehr...