Aufatmen am Paradeplatz

Banken bekommen weniger Freiheiten, wie sie ihre Risiken berechnen. Dadurch wird der Eigenkapitalbedarf steigen. Doch lange Übergangsfristen verhindern einen Schock, der auch Konsumenten hätte treffen können.

Sein Vorschlag stösst vorerst kaum auf Kritik: Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank. Foto: AP, Keystone

Sein Vorschlag stösst vorerst kaum auf Kritik: Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank. Foto: AP, Keystone

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Der Ausbruch der Finanzkrise, welche die UBS an den Rand des Zusammenbruchs brachte, ist schon zehn Jahre her. Und noch immer sind die Arbeiten an neuen Bankenregeln nicht abgeschlossen, um den Finanzsektor widerstandsfähiger zu machen. Einen lang erwarteten Meilenstein dazu präsentierten gestern die Gruppe der Zentralbank-Präsidenten und Chefs der Finanzaufsichten. Die Regeln sind technisch, doch es geht für die Banken um Milliarden und für die Konsumenten darum, ob Kredite teurer werden könnten.

Darum geht es: Banken müssen ihre eingegangenen Risiken wie einen Hypothekarkredit mit Eigenkapital absichern. Je weniger ein Bankgeschäft Eigenkapital benötigt, desto mehr Geschäfte kann eine Bank zeichnen und damit ihre Gewinne erhöhen.

Infografik: Teure neue Regeln Grafik vergrössern

Wie viel Eigenkapital ein Bank­geschäft zur Absicherung benötigt, berechnen Banken mit Risikomodellen. Das Problem: Davon gibt es eine ganze Menge. Kleinere Institute nehmen quasi das Modell von der Stange, das ihnen die Aufsichtsbehörden pfannenfertig zur Verfügung stellen. Doch dieses Standardmodell gilt als recht grob. Gross­banken wie die UBS und die Credit Suisse haben ihre eigenen, feineren Modelle entwickelt.

Wildwuchs bei Modellen

Das Problem: Die Aufseher haben mit den Risikomodellen grosser Banken aus aller Welt einmal Musterportfolios durchgerechnet. Und bei vergleichbaren Risiken spuckten die Modelle höchst unterschiedlichen Eigenkapitalbedarf aus. Der Verdacht: Die Banken rechnen sich ihre Risiken klein.

Seit fast drei Jahren wurde dann auf höchster Ebene darum gerungen, diesen Wildwuchs zu begrenzen. Gestern nun präsentierte Mario Draghi den Kompromiss. Draghi ist nicht nur Präsident der Europäischen Zentralbank, er fungiert auch als Vorsitzender der Gruppe der Zentralbankchefs und Chefs der Aufsichtsbehörden.

Die Kapitalersparnis durch eigene ­Risikomodelle wird künftig begrenzt, indem ein Boden eingezogen wird, der auf 72,5 Prozent festgelegt wurde. Beispiel: Sieht das Standardrisikomodell einen Eigenmittelbedarf von 1000 Franken für ein Bankgeschäft vor, und das interne Modell ermittelt einen deutlich tieferen Satz, so muss eine Bank mindestens 725 Franken für das betreffende Geschäft an Eigenkapital aufwenden. Vor allem deutsche und französische Banken hatten sich lange gegen diese Untergrenze gewehrt, auch die Schweizer Grossbanken sind keine Freunde davon. Denn Institute wie eine UBS oder Deutsche Bank haben mehr Kredite in den ­Bilanzen als US-Wettbewerber wie J. P. Morgan und argumentierten, dass ihnen Wettbewerbsverzerrungen drohten.

Bankiervereinigung warnt vor Wachstumsbremse

Schweizer Konsumenten kann die Debatte nicht egal sein. Denn müssen Banken ihre Eigenmittelbasis aufstocken, müssen sie dieses Geld irgendwie verdienen. Schon oft wurde damit gedroht, dass zu hohe Eigenmittelanforderung Kredite verteuern könnten.

So warnte auch am Donnerstag die Bankiervereinigung in einer Stellungnahme davor, dass die Belastungen aus der Finalisierung der Regeln «nicht zu einer unverhältnismässigen Wachstumsbremse für die Gesamtwirtschaft» werden dürfen. Der gestern gefundene Kompromiss aber «weist grundsätzlich in eine richtige Richtung», hiess es.

Auch die UBS schlug versöhnliche Töne an: «Wir begrüssen, dass der Basler Ausschuss die Basel-III-Standards finalisiert hat. Wir werden nun den Einfluss der revidierten Regeln auf die Bank im Detail prüfen», teilte die UBS mit. Die Schweizerische Nationalbank und die Bankenaufsicht Finma begrüssten den Kompromiss. Denn damit würden die Kapitalquoten der Banken wieder vergleichbar werden.

Regeln sollen erst in zehn Jahren greifen

Die milden Reaktionen der Banken dürften damit zusammenhängen, dass die neuen Regeln erst in zehn Jahren voll greifen sollen. Die Banken haben also viel Zeit, sich anzupassen. Würden die neuen Regeln sofort gelten, würden die beiden Schweizer Grossbanken stark sinkende Kapitalquoten ausweisen, haben die Analysten von Morgan Stanley errechnet.

Nun geht es an die Umsetzung. Denn den gestern gefundenen Kompromiss müssen nun die USA, die EU und die Schweiz in nationales Recht umsetzen. Angesprochen auf das langsame Tempo bei der Finanzregulierung, meinte Mario Draghi lakonisch, dass die meiste Zeit die Gesetzgeber bei der Umsetzung der Regeln gebraucht hätten. Die Arbeit an besseren Regeln für den Finanzsektor ist daher immer noch nicht vorbei.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2017, 21:39 Uhr

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