Spenden lohnt sich nur für Reiche

In den USA bangen Hilfswerke, Kirchen und Schulen um ihre Gönner. Denn das Steuergesetz macht aus dem Geldspenden der Reichen einen Steuertrick.

Die Heilsarmee kritisiert, dass die Steueranreize für kleine Spenden gestrichen werden. Foto: Peter Nicholls (Reuters)

Die Heilsarmee kritisiert, dass die Steueranreize für kleine Spenden gestrichen werden. Foto: Peter Nicholls (Reuters)

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In den USA gilt die 80/20-Prozent-Regel: 20 Prozent der Gönner sind für 80 Prozent der wohltätigen Spenden verantwortlich. Das galt bis jetzt. Das neue Steuergesetz droht nun, dies drastisch zu ändern: Die Wohltätigkeit könnte wieder wie in der Zeit der Räuberbarone vor mehr als 100 Jahren aussehen, befürchten Hilfswerke, die katholische Bischofskonferenz sowie Schulen und öffentliche Spitäler. Damals beherrschte eine Handvoll superreicher Familien die Szene. Der Grund: Das neue Steuergesetz belohnt das Spenden als neue Form der Steueroptimierung und bevorzugt die Reichen.

Die privaten Spenden in den letzten 15 Jahren deuten den beunruhigenden Trend an. Gemäss einer Studie der Denkfabrik Institute for Policy Studies sind die karitativen Zuwendungen der Haushalte mit Einkommen von über 10 Millionen Dollar zwischen 2003 und 2013 um 104 Prozent gestiegen. Die Zahl der Stiftungen mit wohltätigen Zwecken von reichen Familien hat sich verdoppelt. Dagegen sind die Spenden von mittelständischen Familien und Haushalten mit tiefen Einkommen um 34 beziehungsweise 25 Prozent gesunken.

Abzug seit 1917 im Gesetz

Diese Kluft droht weiter aufzugehen. Das Steuerpaket der Regierung Trump schafft den individuellen Abzug für Spenden ab und lockert die Freigrenzen für die Erbschaftssteuer derart massiv, dass die soziale Wohltätigkeit mehr und mehr die wachsende Einkommens- und Vermögenskluft abbildet. Statt die Spenden vom Einkommen abzugsfähig zu machen, werden sie zusammen mit den Hypothekarzinsen, den Grundstücksteuern sowie ungedeckten Gesundheitskosten in einen Pauschalabzug von 12'000 Dollar verpackt. Und damit werden die Spenden für die meisten Haushalte weniger attraktiv. Nur noch 11 ­Prozent der Haushalte können gemäss Tax Policy Center von der Neuerung profitieren – weniger als die Hälfte wie bis anhin.

Dabei hatte die Politik die Wohltätigkeit seit langem gezielt gefördert und die USA zum führenden Spendenland der westlichen Welt gemacht. Der Kongress verankerte 1917 den Abzug für karitative Spenden im Gesetz. Die Politiker waren besorgt, dass die Zuwendungen ohne einen solchen Abzug nach dem Kriegsende wieder abnehmen würden und viele Spitäler für Kriegsversehrte schliessen müssten. Seither hat sich ein erfolgreiches Hybridmodell von staatlicher und privater Finanzierung wichtiger sozialer Aufgaben entwickelt.

Drastischer Rückgang

Spenden ist für viele Amerikaner eine Selbstverständlichkeit. 2016 kamen gemäss «Giving USA» 390 Milliarden Dollar von privater Seite zusammen; das sind beachtliche 2,1 Prozent des inländischen Bruttosozialprodukts. Die Prognosen der Hilfswerke sehen aber einen drastischen Rückgang voraus: Die Zahl der Gönner, die steuerlich direkt belohnt werden, dürfte von 30 auf 5 Prozent sinken. «Die Regierung hat seit mehr als 100 Jahren den Willen der Amerikaner (zum Spenden) mit Steueranreizen belohnt. Das wird auf einen Schlag beseitigt», sagt Ron Busroe, Sekretär der Heilsarmee. Kleinere Zuwendungen dürften seltener werden, sagt Busroe, und doch seien es gerade diese Spenden von 5, 10 oder 20 Dollar, die das Hilfswerk am meisten brauche und die es in der Bevölkerung abstützen. Besorgt äusserte sich auch die Katholische Bischofskonferenz. Die Kirche forderte den Kongress höchst unüblich dazu auf, das Steuergesetz zu «killen», wurde aber nicht erhört.

Die Finanzindustrie sprang rasch auf  und entwickelte eine spezielle Stiftungsform für vermögende Kunden.

Es brauchte nicht lange, bis die ­Finanzindustrie auf den Trend aufsprang. Sie entwickelte eine spezielle Stiftungsform für vermögende Kunden und erlaubt so, die Zuwendungen steuermässig geschickt zu bündeln. Das ermöglicht, die Spenden voll vom ­Einkommen abzuziehen und zugleich fällig gewordene Kapitalgewinne zu umgehen. Die Gelder müssen nicht sofort verteilt und können nach Belieben aufgeschoben werden. «Das Steuer­gesetz und die Gewinne an den Börsen machen diese ­Vehikel zu einem Kin­derspiel», sagte Kim Laughton, Präsidentin der Schwab Charitable Stiftung. Sie verwaltet 13 Milliarden Dollar von 45'000 reichen Gönnern.

20 Prozent von ihnen eröffneten ihr Konto wegen des neuen Steuergesetzes. Grossen Zulauf meldeten auch die gigantischen Vermögensverwalter Fidelity und Vanguard: Ihre Erwartungen wurden wegen der neuen Privilegien um mehr als das Doppelte übertroffen. Der Fidelity Charitable Fund ist inzwischen sogar zum grössten Sammelbecken von wohltätigen Spenden geworden und hat das traditionelle Hilfswerk United Way überholt.

Reiche Gönner, neue Probleme

Die Hilfswerke, Kirche und öffentliche Schulen sehen keinen Ausweg. «Wir haben keine andere Wahl, als mehr vermögende Spender zu finden», sagt Steve Taylor, Vizepräsident von United Way, der grössten karitativen Organisation des Landes mit 45 Filialen im Ausland. «Das ist jedoch nicht gesund für unsere Gesellschaft», meint er, «die Verschiebung nach oben widerspricht eigentlich unseren Zielen; sie gerade wollen wir verhindern.»

United Way lebt wesentlich von monatlichen Spenden von 5 bis 10 Dollar, die viele Angestellten und Arbeiter direkt ihrem Lohn belasten. Dieser regelmässige Geldfluss erleichtert die Planung der Ausgaben. Eine Verschiebung zugunsten der Reichen aber schaffe neue Probleme, meint Alan Cantor, Berater und Koordinator für mehrere Hilfswerke. Zwar seien reiche Gönner willkommen. Je mehr sie indessen die soziale Wohltätigkeit dominierten, desto mehr drohten die Gelder nur noch in Anliegen zu fliessen, die ihnen selber nützten.

Der Trend zeigt denn auch, dass mehr und mehr Spenden in die Kunst, in die medizinische Forschung und Elitehochschulen fliessen, während die Zuwendungen für öffentliche Schulen, Kirchen und karitative Hilfswerke stagnieren. «Die grosse Gefahr für unsere Zivilgesellschaft besteht in einer Machtballung auch beim Spenden», warnt das Nonprofitzentrum Common Dreams. «Private Stiftungen drohen, die Macht, die Privilegien und den Einfluss von nur wenigen superreichen Familien noch zu erhöhen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2018, 21:13 Uhr

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