SBB tauschen Problemweichen aus

Vier Entgleisungen gab es im vergangenen Jahr auf dem Schweizer Schienennetz. Die SBB glauben nicht an einen Zufall. Sie wollen die Weichen nun ersetzen.

Die Entgleisung des ICE am 29. November legte den Bahnhof Basel während Stunden lahm. (29.11.2018) Video: SDA und 20 Minuten

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22. März 2017, Bahnhof Luzern: Ein Eurocity von Trenitalia entgleist. Der Bahnverkehr bleibt fünf Tage unterbrochen. Eine Woche später, Bahnhof Bern: Eine S-Bahn der BLS springt aus den Schienen. Die Gleise müssen die ganze Nacht repariert werden. 29. November 2017, Bahnhof Basel: Ein ICE der Deutschen Bahn entgleist. Erst drei Tage später läuft wieder alles nach Fahrplan.

Entgleisungen sind ärgerlich für die Pendler, und sie sind teuer. Am teuersten war jene in Luzern: 5 Millionen Franken für den Schaden an der Infrastruktur, 5 Millionen für den Schaden am Zug. Hinzu kommen die Kosten des Betriebsunterbruchs. Alles zusammen ergebe einen tiefen zweistelligen Millionenbetrag, teilte ein SBB-Sprecher dieser Zeitung mit. In Basel beliefen sich die Kosten auf 2,7 Millionen – ausgenommen ist der noch nicht bezifferte Schaden am Zug. In Bern betrugen die Kosten rund 1 Million – Schaden am Zug und Kosten für den Betriebsunterbruch nicht mitgerechnet.

Der Bahnbetrieb blieb fünf Tage unterbrochen: Reparaturarbeiten beim Bahnhof Luzern nach der Entgleisung des Eurocity im März 2017. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Entgleisungen sind auch gefährlich: Beim Vorfall in Luzern verletzten sich sechs Menschen. Auf dem Netz der SBB gab es im vergangenen Jahr vier Entgleisungen: Die drei erwähnten mit Personenverkehrszügen und einen mit einem Güterverkehrszug in Brig. Im langjährigen Vergleich sind das nicht besonders viele, auch wenn es im Vorjahr keine einzige gab. Die Bahn sei nach wie vor das sicherste Transportmittel der Schweiz, sagte SBB-Konzernleitungsmitglied Philippe Gauderon gestern vor den Medien in Basel.

Anpassung bis 2019

Dennoch sehen die Bundesbahnen Handlungsbedarf. Sie wollen die Weichen «noch sicherer» machen, wie es gestern hiess. Dass die SBB etwas unternehmen wollen, liegt daran, dass zwei der Entgleisungen vom letzten Jahr auffällig viele Gemeinsamkeiten aufweisen: jene in Luzern und jene in Basel.

Bei beiden Unfällen entgleisten Hochgeschwindigkeitszüge auf einer Weiche desselben seltenen Typs: einer sogenannten Doppelkreuzungsweiche im Bogeneinlauf. Diese Weichen verbinden jeweils vier Gleise miteinander und werden bei engen Platzverhältnissen verbaut. Schweizweit gibt es nur 45 dieser Weichen. Und nur vier werden regelmässig von Personenverkehrszügen befahren. Zwei davon befinden sich am Bahnhof Basel, die anderen zwei am Bahnhof Luzern. Auf je einer von ihnen entgleiste im letzten Jahr ein Zug.

An einen Zufall glauben die SBB offenbar nicht. Sie wollen handeln – obwohl die Unfallursachen noch nicht geklärt sind. Die Untersuchungen der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) dauern noch an. Doch die SBB ergreifen nun Sicherheitsmassnahmen: Schon bis Ende März sollen die vier kritischen Weichen umgerüstet werden. Verändert wird die Mechanik, mit welcher der bewegliche Teil der Weiche in der richtigen Position gehalten wird. Das System, das eingebaut wird, ist bei neuen Weichen heute Standard. Dieselbe Anpassung soll bis Mitte 2019 auch bei den übrigen 41 Weichen des gleichen Typs vorgenommen werden. Die Umrüstungen würden insgesamt rund 4 Millionen Franken kosten, hiess es an der gestrigen Medienkonferenz. Doch dabei lassen es die SBB nicht bewenden: Bis Ende 2019 wollen sie die vier kritischen Weichen ganz auswechseln und durch andere Modelle ersetzen. Zudem wollen die SBB besonders stark befahrene Weichen künftig zusätzlich zu den üblichen Kontrollen mit Messfahrzeugen überprüfen.

Die Entgleisung in Bern, sagte Gauderon, sei mit den beiden anderen Fällen nicht vergleichbar. Hier sei die Ursache aus Sicht der SBB klar: Es habe sich um einen Ermüdungsbruch eines Teils der Weiche gehandelt – ein «Einzelfall».

Zu wenig in Unterhalt investiert

Das Schienennetz der SBB beinhaltet fast 13'000 Weichen. Im Durchschnitt fährt 100-mal pro Tag ein Zug über eine dieser Weichen. Bei besonders stark befahrenen Weichen – dazu gehören jene bei Bahnhöfen – können es aber bis zu 380 Züge pro Tag sein. Der Materialverschleiss ist gross. Stark befahrene Weichen müssen alle 20 Jahre komplett ersetzt werden, einzelne Bestandteile häufiger.

Zwischen 1995 und 2010 haben die SBB viel zu wenig Geld in den Unterhalt der Gleise und Weichen investiert. Die Folge dieses Versäumnisses: Der Zustand der Fahrbahn ist bis heute nur «ausreichend», obwohl in den letzten paar Jahren bereits deutlich mehr Geld in den Unterhalt investiert wurde. Auf einer Skala von 1 (neuwertig) bis 5 (ungenügend) bewerten die SBB den Zustand ihrer Schienen und Weichen nur mit 3,3. Damit sei die Sicherheit gewährleistet, heisst es im letztjährigen Netzzustandsbericht. Und Gauderon betonte gestern: «Wir haben kein Sicherheitsproblem bei den Weichen.» Die Weichen, auf denen es zu den Entgleisungen kam, seien regelmässig kontrolliert worden und hätten alle Normen erfüllt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.02.2018, 20:24 Uhr

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