Palmöl: Fluch oder Segen?

Entwicklungsorganisationen wie Brot für alle kritisieren Palmöl lautstark. Die Palme werde zu Unrecht verteufelt, meint dagegen der Berner Bio-Bauer und Entwicklungshelfer Anton Kipfer.

Was ist das Beste für Indonesien und die Bauern? Anton Kipfer und Miges Baumann (rechts) sind sich nicht einig.

Was ist das Beste für Indonesien und die Bauern? Anton Kipfer und Miges Baumann (rechts) sind sich nicht einig. Bild: Adrian Moser

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Palmöl hat einen schlechten Ruf. Zu Unrecht, finden Sie, Herr Kipfer. Wie kommen Sie zu diesem Schluss?
Anton Kipfer: Ich war bis Ende 1995 für fünf Jahre in Ostkalimantan im indonesischen Teil der Insel Borneo in einem Entwicklungsprojekt für die Basler Mission. Letztes Jahr war ich dann wieder für einen Monat dort. Da bin ich mit einem alten Bekannten ins Gespräch gekommen. Sein Schwiegersohn arbeitet bei einer Ölpresse. Die Bauern verpachten dem Betreiber die Hälfte des Landes, dafür unterstützt er sie bei der Bewirtschaftung des Landes. Natürlich bringt Palmöl allein die Kleinbauern nicht über die Runden. Aber es bringt ihnen einen wichtigen Zusatzverdienst.

Der Importpreis von Palmöl liegt derzeit bei 50 Rappen pro Kilo. Profitiert die lokale Bevölkerung so überhaupt noch?
Kipfer: Sie profitiert nicht nur vom Ernteertrag. Gemäss meinen Bekannten vor Ort wird auch die Pflanzarbeit zu 70 Prozent von Einheimischen erledigt. Die Plantagen bringen aber nicht nur Arbeit, sondern auch Investitionen ins Land. Etwa für neue Strassen. Irgendwie muss die Ernte ja aus dem Anbaugebiet gebracht werden. Diesen Strassen entlang entstehen neue Siedlungen. Oft siedeln hier Migranten aus armen Landesteilen. Ich hoffe, es kommt nie zu einem gewaltsamen Konflikt, wie 1999 zwischen den Dayak und eingewanderten Maduresen.
Miges Baumann: Es gibt dauernd Konflikte zwischen Dörfern und Plantagen.
Kipfer: Natürlich gibt es kleinere Auseinandersetzungen, aber nicht, dass sie sich die Köpfe einschlagen. Dabei muss man berücksichtigen, wie dünn besiedelt das Gebiet ist. Die Provinz Nordkalimantan hat eine Fläche von über 72 000 Quadratkilometern und nur gut 700 000 Einwohner. Da hat es Platz für Migranten.

Dank Palmöl wird in die Infrastruktur investiert. Für die lokale Bevölkerung entstehen Arbeitsplätze. Das klingt doch gut, Herr Baumann.
Baumann: Für einzelne Beispiele mag dies stimmen. Auf meinen zig Reisen nach Indonesien habe ich aber auch festgestellt, dass für neue Plantagen Millionen von Hektaren Sekundär- und teilweise Primärwald abgeholzt wurden. Mit dem Wald verschwindet der Lebensraum für viele Lebewesen. Und die Dayak-Völker, die mit dem Wald oder als traditionelle Bauern auf ihrem Land leben, verlieren die Lebensgrundlagen. Es gibt Menschenrechtsverletzungen, Land-Grabbing und immense Umweltschäden. Wenn Kleinbauern Ölpalmen anpflanzen, können sie mit den Erträgen nicht ihren Lebensunterhalt bestreiten. Erst ab rund 50 Hektaren wird ein Betrieb rentabel. Es gibt Dörfer, die deshalb die Ölpalmen wieder abholzen und nun Lebensmittel wie Reis und Gemüse anbauen.

«Ölpalmen bringen pro Hektar siebenmal mehr Ertrag als Soja.»Anton Kipfer

Kipfer: Ich wehre mich gegen das Bild, das hier von den Einheimischen gezeichnet wird. Es wird so getan, als ob es die ursprünglichen indigenen Völker noch gäbe. Die Dayak sind schon lange nicht mehr vom Wald abhängig. Die holen sich höchstens gelegentlich mal ein Wildschwein aus dem Wald. Und Wildschweine leben übrigens am häufigsten auf den Plantagen.

Hauptargument gegen Palmöl sind die Waldrodungen. Doch gemäss dem Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) entstehen neue Plantagen meist auf sogenannt degradiertem Grasland und nicht auf gerodeten Waldflächen.
Baumann: In Indonesien habe ich selber gesehen, wie RSPO-Mitgliedsfirmen Primärwald und schützenswerten Sekundärwald für Plantagen abgeholzt haben. Ganze Hügel sind dort kahl. Meistens sind es sogar die gleichen Firmen, die zuerst die Hölzer aus dem Wald holen und dann Ölpalmen pflanzen.
Kipfer: Wir müssen nicht darüber diskutieren, dass das Abholzen von Urwald ein Verbrechen ist. Zwischen 1996 und 1998 waren in Kalimantan die grossen Waldbrände. Damals hatte die Regierung unter Präsident Suharto zusammen mit der Weltbank die irre Idee, dort auf einer Million Hektare Reisfelder zu machen. Sie haben alles abgeholzt. Dann kam das Alang-Alang-Gras. Bis an den Horizont nur dieses zähe Gras, das Tiere nicht fressen können. Heute wachsen auf diesen Böden Ölpalmen. Zweimal düngen reicht dafür. Die Palmen bringen erstmals wieder eine kleine Biodiversität in den degradierten Boden. Sie haben eine Lebenserwartung von etwa 30 Jahren. Im Gegensatz zur Kokosnuss verrotten sie danach rasch. Dann kann man sich überlegen, was man mit dem Land machen will. Vielleicht pflanzt man sogar wieder Urwaldbäume. Und wenn auf Grasland Plantagen entstehen, kann man einfach nicht von Land-Grabbing reden. Die Hilfswerke gehen unverantwortlich mit solchen Begriffen um.

Ist es nicht utopisch, zu glauben, das wirtschaftlich genutzte Land werde jemals wieder renaturiert?
Baumann: Doch, denn Ölpalmen sind egoistische Pflanzen, neben die man nichts anderes pflanzen kann. Jedenfalls nicht, wenn sie so eng gesetzt werden wie auf industriellen Plantagen.
Kipfer: Das meine ich auch nicht. Ich meine, wenn die Palmen nach 35 Jahren geschlagen werden. Anders als beispielsweise nach Akazien, die immer wieder austreiben, kann der Boden nach Ölpalmen umgenutzt werden. Aber ja, es ist eine Hypothese, dass das Land jemals wieder zu Urwald wird.

Wenn dank der Ölpalme degradiertes Land wieder fruchtbar wird, ist das doch positiv, Herr Baumann?
Baumann: Beim fehlgeschlagenen Reisprojekt der Regierung Suharto blieben karge, teils ausgetrocknete Sumpflandschaften übrig. Später haben die Palmölfirmen die Sümpfe ganz trockengelegt. Diese ausgetrockneten Torfmoore brennen immer wieder, ganz extrem war es im Jahr 2015. Der Schaden fürs Klima ist riesig. Aber ja, das Alang-Alang-Gras als Folge des Kahlschlags ist eine Katastrophe. Man könnte das Land aber auch mit anderen Bäumen oder Pflanzen wieder fruchtbar machen. In Tarakan, wo ich gelebt habe, gab es vor 40 Jahren viel Alang-Alang-Gras. Ein paar Jahre später wuchs dort der beste Wald mit Fruchtbäumen.

«Ölpalmen sind Egoisten, neben die man nichts anderes pflanzt.»Miges Baumann

Kipfer: Dem stimme ich zu. Aber es gab auch mal ein Projekt von einem Hilfswerk mit Akazien. Das hat mich damals hässig gemacht. Dieses Land ist für die Bevölkerung für immer verloren.

Gibt es denn Beispiele von Plantagen, die umgenutzt worden sind?
Baumann: Viele Dörfer versuchen heute, das Land wieder zurückzubekommen. Sie sagen: Wir haben das Land nicht verkauft, sondern nur für 25 bis 30 Jahre verpachtet. Die Leute sollen selber entscheiden, ob sie auf ihrem Land Gemüse anbauen, Gummibäume oder eine Mischung aus verschiedenen Pflanzen, auch Ölpalmen. Selbst Präsident Joko Widodo sagt heute: Wir haben zu viele Ölpalmen und zu wenige andere Pflanzen. Es ist absurd, dass Indonesien mit all seinen Landwirtschaftsflächen Reis und andere Nahrungsmittel importieren muss.

Die Ölpalme ist sehr ertragsreich. Das ist doch ein ökologischer Vorteil.
Kipfer: Ölpalmen bringen pro Hektar bis zu siebenmal mehr Ertrag als Soja.
Baumann: Das ist ein Mythos. Wir haben gerechnet: Auf 13,5 Millionen Hektaren Ölpalmen werden 32 Millionen Tonnen Öl produziert – im Schnitt also 2,4 Tonnen pro Hektare. Wenn man die Kleinbauern nicht berücksichtigt, bleiben den grossen Plantagen Erträge von 3,1 Tonnen pro Hektare. Die stets erwähnten 8 Tonnen pro Hektare sind reine Propaganda. Das wichtigere Argument ist: Wir sollten unseren Konsum nicht auf Kosten der Lebensgrundlage anderer Länder decken.

Es gibt Bestrebungen, dass Palmöl nachhaltiger gemacht wird. Was halten Sie von diesem Roundtable on Sustainable Palm Oil?
Baumann: Dieser runde Tisch hat in den letzten 15 Jahren gar nichts gebracht. Sein Ziel ist es, die angeblich nachhaltige Produktion auszuweiten. Ganz ohne Palmöl wird es zwar auch in Zukunft nicht gehen. Aber der Konsum muss zurückgehen, damit der Druck auf das Land zurückgeht. Die Dorfgemeinschaften sollen selber entscheiden, was sie anpflanzen wollen. Ich kenne Bauern, die sagen, sie hätten nur Ölpalmen gesetzt aus Angst, dass ihnen sonst das Land weggenommen würde.
Kipfer: Dann musst du ihnen aber auch zugestehen, dass sie Palmöl produzieren.

Herr Kipfer, Sie kritisieren die Hilfswerke teils heftig. Weshalb?
Kipfer: Ich gehe noch sehr sanft mit ihnen um. Die Hilfswerke betreiben nur Meinungsbildung. Ihre ganzen Konferenzen bringen vor Ort nicht die geringste Veränderung. Man erreicht nichts, wenn man nicht vor Ort ist.

Dient Palmöl also primär dem Marketing der Hilfswerke?
Baumann: Man muss vor Ort sein, um etwas zu bewirken. In diesem Punkt bin ich mit Anton Kipfer einverstanden. Wir unterstützen deshalb vor Ort Walhi, die grösste indonesische Umwelt- und Menschenrechtsorganisation. Und in der Schweiz gibt es eine breite Koalition gegen Palmöl aus Bauern-, Umwelt-, Konsumenten- und Menschenrechtsorganisationen. Alle schauen aus einem anderen Blickwinkel auf die Thematik, aber kommen zum gleichen Schluss: Nicht mehr, sondern weniger Palmöl löst die Probleme.
Kipfer: Bei den Besuchen von Schweizer Delegationen läuft das ja auch immer gleich. Es kommen englischsprachige Führer zum Einsatz, was den Blick ungemein einschränkt. Sie wissen genau, was die Europäer hören wollen. Dann werden diese auf Europareisen eingeladen. Für mich ist das nichts anderes als Bestechung. Eine Frechheit.
Baumann: Das ist eine Unterstellung. Die Leute von Walhi denken selbstständig – und stehen oft gegen die Politik der Regierung und der Plantagen ein. Das ist auch in Indonesien nicht einfach. Dafür brauchen sie unsere Unterstützung. Als im Januar zwei Personen von Walhi in die Schweiz reisten, haben sie sich hier mit Vertretern von Unis, Bauernverband und Medien getroffen. Nur weil wir sie eingeladen haben, erzählen sie noch lange nicht einfach das, was wir angeblich hören wollen. Aber sie sagen ebenfalls, dass der Konsum kleiner werden muss, um den Druck aufs Land zu verringern.

Was möchten Sie Ihrem Gesprächspartner mit auf den Weg geben?
Baumann: Du kennst einzelne Leute in Ostkalimantan, die kämpfen, um ein einigermassen anständiges Leben zu führen. Für die ist alles, was sie verkaufen können, besser als gar nichts. Ich denke aber, ich blicke mehr aus der Vogelperspektive auf das Thema. Palmöl ist einer der wichtigsten Treiber für Land-Grabbing – nicht nur in Indonesien und Malaysia, auch in Kambodscha und neu in Westafrika. Der Boom zerstört die Lebensgrundlage von Bauern, Dörfern und ganzen Völkern. Und die Palmöl-Monokulturen schaden dem Klima. Das muss aufhören.
Kipfer: Es ist ein riesiges Experiment, erstmals wieder organisches Material in die degradierten Böden zu bringen. Mit Ölpalmen geht das einfacher als mit anderen Pflanzen. Und wenn wir mit unserem Projekt in dem Gebiet später dank Spenden aus der Schweiz wieder Reis anbauen können, macht mich das stolz. (Der Bund)

Erstellt: 28.04.2018, 08:44 Uhr

Miges Baumann: Ressortleiter bei Brot für alle

Seit 2006 leitet Miges Baumann bei Brot für alle, der Entwicklungsorganisation der Evangelischen Kirchen der Schweiz, den Bereich Entwicklungspolitik. Er hat 40 Jahre im selben Projekt gelebt wie Kipfer und reist immer wieder nach Indonesien. Baumann hat an den Universitäten Bern und Zürich Ökonomie, Geschichte und Ethnologie studiert.(stü)

Anton Kipfer: Bio-Bauer und Entwicklungshelfer

Der Landwirt aus Ferenberg bei Stettlen lebte und arbeitete mit seiner Familie von 1991 bis 1995 ist Ostkalimantan in einem Entwicklungsprojekt der Basler Mission. Nach seiner Rückkehr stellte Anton Kipfer den elterlichen Betrieb auf Bio um. Er pflegt weiterhin Kontakt zu seinen Bekannten in Indonesien und leistet vor Ort Projektarbeit.(stü)

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