Online-Offensive: Coop greift die Migros und Amazon an

Nach dem Debakel mit dem Internethändler Siroop setzt Coop auf ein anderes Pferd – und baut Microspot stark aus. Möglich macht es ein riesiges Logistikzentrum.

Seit gestern in Betrieb: Das neue Online-Logistikzentrum der Coop-Gruppe in Jegenstorf BE.<br />Foto: Nicole Philipp

Seit gestern in Betrieb: Das neue Online-Logistikzentrum der Coop-Gruppe in Jegenstorf BE.
Foto: Nicole Philipp

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Zweieinhalb Jahre wurde gebaut, jetzt ist das voll automatisierte Logistikzentrum der Coop-Töchter Interdiscount und Micro­spot eröffnet. Das 22 000 Quadratmeter grosse Gebäude steht mitten auf der grünen Wiese, am Dorfrand von Jegenstorf BE. Es ist vollgepackt mit Hightech. Kleine Behälter, in denen die von Onlinekunden und Filialen bestellten Waren liegen, flitzen über 3,2 Kilometer Fördertechnik vom Wareneingang bis zum Ausgang. «Der Ausbau war dringend notwendig. Hier ist das Herz des Onlinehandels von Coop entstanden», sagt Coop-Chef Joos Sutter. Neben dem Neubau befindet sich die 1971 erbaute Interdiscount-Zentrale. Sie genügte den Anforderungen nicht mehr.

260'000 statt 60'000 Artikel

Für die Coop-Gruppe kommt die Eröffnung des Logistikzentrums ihrer Tochterfirmen gerade zur rechten Zeit. Denn sie kann eine Erfolgsmeldung im Internetgeschäft gut gebrauchen. Coop musste im April eingestehen, dass sich die zusammen mit der Swisscom gegründete Internetplattform Siroop zu einem grossen Flop entwickelte. Sie wurde nach zweieinhalb Jahren Aufbauarbeit sang- und klanglos eingestellt.

Nun gibt Coop im Onlinegeschäft an anderer Stelle Gas: Die Nummer zwei im Schweizer Detailhandel will stark in Microspot investieren. Der Onlinehändler bot bislang vorwiegend Heimelektronik an. Nun soll er laut Coop «zur zentralen Non-Food-Plattform ausgebaut» werden. Das Sortiment wird von aktuell 60'000 bis zum kommenden Jahr auf 260'000 Produkte erweitert. Das Zusatzangebot umfasst Artikel aus den Bereichen Spielwaren, Garten, Beauty, Uhren und Schmuck. Geplant ist zudem, dass die bei Microspot bestellten Artikel in den über 500 Abholstationen von Coop bezogen werden können.

Damit versucht Coop, gegenüber der Migros verloren gegangenes Terrain wettzumachen. Dem orangen Riesen ­gehört mit Digitec Galaxus der grösste Onlinehändler der Schweiz. Dieser bietet ein Non-Food-Vollsortiment an, mit Elektronik, Haushaltswaren, Wohnbedarf, Sportartikeln, Spielwaren, Beauty, Uhren, Schmuck, Heimwerkerprodukten und Büroausstattungen. Laut Carpathia, der Unternehmensberatung für E-Commerce, führt Digitec Galaxus derzeit die Liste der erfolgreichsten Onlineshops an. Microspot und Interdiscount liegen nur auf Platz 7 und 25.

Die Online-Expansion von Coop richtet sich jedoch nicht nur gegen die Migros. Beide Schweizer Detailhändler haben es im Internet mit immer aggressiveren Konkurrenten zu tun. Sie müssen aufpassen, nicht von US-Plattformen wie Amazon überholt zu werden. Bisher lieferte Amazon nur einen Bruchteil des Angebots in die Schweiz, denn für viele Artikel war die Zollabwicklung zu aufwendig. Die Schweizer Post übernimmt nun bald die Verzollung für das gesamte Amazon-Sortiment. Der weltgrösste Online-Versandhändler hat damit grünes Licht, um in Kürze den Schweizer Markt mit geballter Kraft zu beliefern.

Hoffnung für Siroop-Mitarbeiter

«Der Markteintritt von Amazon macht uns keine Sorgen», gibt sich Coop-Chef Joos Sutter gelassen. «Wir sind sehr gut aufgestellt.» Schon jetzt erzielt Coop mit dem Lager in Jegenstorf einen Umsatz von einer Milliarde Franken. «Mit dem neuen Logistikzentrum können wir diesen Umsatz massiv vergrössern», so Sutter weiter. Er will zudem das Know-how des gescheiterten Siroop-Projekts zu ­Microspot transferieren: «Wir bieten mehreren Siroop-Mitarbeitern Stellen bei Microspot an.»

Das Onlinegeschäft ist knallhart: Im vergangenen Jahr wuchs der Schweizer Onlinemarkt um 800 Millionen auf 8,6 Milliarden Franken. Die grossen Anbieter Digitec Galaxus, Zalando und Amazon, die in der Schweiz zusammen schon bald 2 Milliarden Franken umsetzen, wachsen stark.

Die unzähligen kleineren Shops haben dagegen Mühe, überhaupt sichtbar zu bleiben und substanziell zu wachsen. «Wir befinden uns in einer Konsolidierungsphase, es gibt in der Schweiz und international unglaublich viele Onlineshops mit wenig Differenzierung in den Sortimenten», sagt Patrick Kessler, der Präsident des Verbands Schweizer Versandhändler.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.05.2018, 22:38 Uhr

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