Nicht nur Ebay spart in Bern Steuern

Bauhaus, Rehau, Walgreens – im Kanton Bern hat sich eine ganze Reihe internationaler Unternehmen niedergelassen. Doch das Ende des beliebten Schweizer Steuersparmodells naht.

Die Niederlassung der Apothekenkette Walgreens Boots Alliance im Berner Postparc profitiert von Steuerrabatten.

Die Niederlassung der Apothekenkette Walgreens Boots Alliance im Berner Postparc profitiert von Steuerrabatten. Bild: Adrian Moser

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Bogenschützenstrasse 9a in Bern tönt nicht nach einer besonders prestigeträchtigen Adresse. Doch beim Gebäude handelt es sich um den Turm der früheren Schanzenpost. Im 8. und 9. Stockwerk residiert hier der Apothekenkonzern Walgreens Boots Alliance. Nicht weniger als sechs Tochterfirmen des US-Unternehmens kümmern sich von hier aus unter anderem um den internationalen Einkauf.

Der Hauptsitz des Konzerns befindet sich zwar im Grossraum Chicago. Bern war Holdingsitz der britischen Apothekenkette Alliance Boots. Und als diese 2014 mit dem US-Konzern Walgreens fusionierte, war die Bundesstadt Kandidatin für den Konzernsitz. Dies scheiterte schliesslich am Druck aus der US-Politik.

Doch in den Büros im Postparc-Turm arbeiten heute rund 80 Angestellte – darunter viele hoch qualifizierte Spezialisten aus dem Ausland. Sie sind nicht nur für das Beschaffungswesen des Konzerns zuständig. Die Gewinne aus Grossbritannien und wohl auch anderen Ländern fliessen nach der Fusion weiterhin nach Bern. Denn hier hat der Konzern einen langjährigen Steuerrabatt erhalten: Walgreens Boots Alliance schreibt im Geschäftsbericht 2017, dass dank den hiesigen Steuererleichterungen ganze 142 Millionen Dollar an Steuern eingespart worden seien. 2016 waren es 116 Millionen und noch ein Jahr zuvor 89 Millionen Dollar an Steuerersparnissen. Wie der Konzern schreibt, dauern die «Tax holidays» in Bern noch bis September 2022.

Hoffen auf den zweiten Anlauf

Von millionenschweren Steuerrabatten des bernischen Fiskus hat bis 2016 auch das Internet-Auktionshaus Ebay profitiert. Der börsenkotierte US-Konzern beschäftigt im Berner Kirchenfeldquartier rund 100 Mitarbeiter. Ebay kanalisiert im Ausland anfallende Gewinne nach Möglichkeit so, dass sie in Bern auch nach Auslaufen der Steuererleichterungen vorteilhaft versteuert werden können («Bund» von gestern). Dies ist dank dem Schweizer Modell der Holding- und Domizilgesellschaften möglich: Firmen die in der Schweiz kein oder kaum ein operatives Geschäft betreiben, profitieren von speziell tiefen Gewinn- und Kapitalsteuersätzen.

Doch unter Druck des Auslands müssen diese Steuersätze nun aufgehoben werden. Deshalb wollen vor allem bürgerliche Politiker landauf, landab gleichzeitig die generellen Unternehmenssteuern senken, damit möglichst wenig Holdings das Land verlassen werden. Der erste Anlauf dafür ist mit der Unternehmenssteuerreform III gescheitert.

Vom Schweizer Holdingprivileg profitiert heute auch Bauhaus. Nur wenige wissen, dass der deutsche Baumarkt-Konzern seinen Sitz im beschaulichen Belp hat. Rund 60 Personen arbeiten dort in einem schlichten Bürogebäude für die verschiedenen Holdinggesellschaften von Bauhaus. Gründer Heinz Georg Baus ist vor zwei Jahren verstorben. Heute befindet sich das Unternehmen im Besitz einer Privatstiftung in Linz. Bauhaus profitiere im Kanton Bern nicht von einem individuellen Steuerrabatt, teilt Peter Heussi, Leiter des Holdingstandorts, auf Anfrage mit. Doch dank der Holdingbesteuerung könne der Kanton Bern «bei den Unternehmenssteuern aus Sicht von Bauhaus heute durchaus mit den anderen Kantonen mithalten», schreibt Heussi. «Wir erhoffen uns natürlich, dass dies auch nach Umsetzung der Steuerreform der Fall sein wird.»

Bereits in den 1960er-Jahren hat der deutsche Kunststoffkonzern Rehau seinen Holdingsitz nach Muri verlegt. Laut Inhaber Jobst Wagner arbeiten heute rund 150 Personen am Holdingsitz in Muri. Die wichtigste Fabrik des Milliardenkonzerns befindet sich hingegen immer noch im bayrischen Rehau. Der Konzern profitiert laut Wagner in Bern nicht von Steuerrabatten. Und trotz des Holdingprivilegs hält Verwaltungsratspräsident Wagner die Steuersituation im Kanton Bern für «nach wie vor nicht attraktiv genug». Man müsse das Gesamtpaket sehen, meint Wagner mit Blick auf die relativ hohen Einkommenssteuern im Kanton Bern.

1200 Holdings im Kanton Bern

Nicht den Hauptsitz, aber diverse Einkaufs- und Handelsgesellschaften hat der US-Konzern Pepsico in der Berner Altstadt. An der Spitalgasse und der Genfergasse arbeiten rund 100 Personen für den Softdrink- und Snackhersteller. Das Unternehmen konnte 1999 in Bern angesiedelt werden. Ein Kadermann sagte damals, Pepsico habe «von einer gewissen finanziellen Hilfe» des Kantons Bern profitiert – die Rede war von einer halben Million Franken. Der Mann lobte auch die Steuern in Bern, die im europäischen Vergleich tief seien. Inwiefern die Pepsico-Tochterfirmen heute vom Holdingprivileg profitieren, ist unklar. Die bernische Steuerverwaltung äussert sich nicht zu einzelnen Steuerzahlern.

In der Summe zählt der Kanton Bern gut 1200 Holding- und Domizilgesellschaften, wie Zahlen der Steuerverwaltung von 2013 zeigen. Trotz dieser eindrücklichen Zahl: Bern ist im Schweizer Vergleich keine Holding-Hochburg. Die Unternehmenssteuern kommen zum allergrössten Teil von «normalen» Unternehmen ohne Holdingprivileg. Sebastian Friess, Leiter der Standortförderung des Kantons Bern, sagt: «Wir haben keine besondere Strategie, die auf Holdinggesellschaften abzielen würde.» Bern sei interessiert, Unternehmen anzusiedeln, die Arbeitsplätze schaffen und Steuern zahlen und sich idealerweise ins «Ökosystem» der bestehenden Firmen einbetten könnten – etwa als Kunde oder Zulieferer der Mikrotechnikbranche.

«Natürlich sind die Steuersätze wichtig», sagt Wirtschaftsförderer Friess, «doch sie sind nicht der einzige Faktor.» Das Holdingprivileg gebe es in allen Kantonen, teilweise mit tieferen Steuersätzen. Für die Unternehmen seien auch das erwähnte wirtschaftliche Ökosystem, der lokale Arbeitsmarkt und die Lebensqualität wichtig. (Der Bund)

Erstellt: 15.05.2018, 07:11 Uhr

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