IT-Desaster von British Airways – auch in der Schweiz denkbar?

Gestrichene Flüge, hunderttausende gestrandete Passagiere: Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Megapanne von British Airways.

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Immerhin bleibt British Airways auch in der Krise ihren Wurzeln treu. «Wir haben gerade ein paar Probleme mit der IT», verkündete die Fluggesellschaft am Samstag via Twitter. Eine «very British» Untertreibung. Wegen eines Computerfehlers musste die Fluggesellschaft kurz darauf sämtliche Flüge in London Gatwick und am grössten Drehkreuz Heathrow streichen.

Ist der Vorfall eine Ausnahme? Was kostet das Ganze? Und droht ein solches Szenario auch in der Schweiz? Die wichtigsten Fragen – und Antworten – zum Thema:

Herrscht bei British Airways wieder Normalbetrieb?
Nein. Auch am Montag kam es in London zu Ausfällen und Verspätungen. Laut British Airways sind immer noch nicht alle Systeme wieder hochgefahren und voll leistungsfähig. Man plane in London Gatwick einen so gut wie normalen Flugbetrieb. In Heathrow sollen alle Langstreckenverbindungen und die meisten Europaflüge stattfinden. Doch wer an einen der beiden britischen Flughäfen reist, sollte sich dennoch im Vorfeld über seinen Flugstatus informieren.

Was hat die Panne ausgelöst?
Das ist immer noch nicht zu 100 Prozent geklärt. British-Airways-Chef Alex Cruz erklärte in einer Videobotschaft, dass es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht um eine Cyberattacke handle. Derzeit gehen die Experten davon aus, dass «ein Problem mit der Stromzufuhr» der Grund für den Ausfall sei. Wie es wiederum dazu kommen konnte, werde noch geprüft.

Ist das ein Einzelfall?
Es ist der bisher grösste Vorfall dieser Art, aber kein Einzelfall. In den letzten Jahren haben sich IT-Pannen bei Airlines gehäuft. Bisher war das aber hauptsächlich in Amerika der Fall. Im vergangenen August etwa musste Delta wegen eines Stromausfalls mehrere Stunden lang sämtliche Flugzeuge am Boden lassen. Nur einen Monat zuvor hatte es die Billigairline Southwest getroffen, die ebenfalls wegen eines Stromausfalls kurzzeitig alle Flüge einstellen musste. Im Jahr zuvor wurde United Airlines gleich zweimal in Mitleidenschaft gezogen. In Europa sind solche Pannen relativ neu. British Airways erlebte bereits im September eine grössere IT-Panne. Das Check-in funktionierte mehrere Stunden lang nicht, die Fluggesellschaft musste weltweit viele Flüge streichen. Swiss-Mutter Lufthansa erlebte im April einen kurzzeitigen Ausfall der Check-in-Systeme.

Häufen sich diese Zwischenfälle in Zukunft?
Experten gehen davon aus. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen liegt das daran, dass viele Airlines mit veralteten IT-Systemen arbeiten – auf Englisch heissen diese Legacy Systems. Teilweise stammt die Technik noch aus den 80er-Jahren. Sie zu erneuern würde mehrere Milliarden Franken kosten, weil es dabei so viele Schnittstellen zu beachten gibt. Hinzu kommt, dass es von diesen Schnittstellen immer mehr gibt. «Die Gefahr für Systemausfälle ist aber nicht primär durch die zunehmende Abhängigkeit von Technik getrieben», sagt ein Sprecher der Swiss. Vielmehr gelte es, die zunehmend ineinandergreifenden Systemlösungen sicher zu orchestrieren, «damit ein Service wie der Ticketverkauf auch dann störungsfrei läuft, wenn eine zuliefernde Funktionalität im System ausfällt».

So war der Grund für den Lufthansa-Ausfall im April etwa ein Problem beim Software-Dienstleister Amadeus. Auch immer neue Zusammenschlüsse von verschiedenen Fluggesellschaften infolge der Konsolidierung in der Branche führen dazu, dass immer mehr Systeme miteinander verknüpft werden. Das führt zu einem Mix aus uralter und sehr neuer Technik. Kommt es dann einmal zu einem Ausfall, dann droht ein Dominoeffekt. Und das Hochfahren aller einzelnen Stellen dauert umso länger.

Droht so etwas auch in der Schweiz?
Ausgeschlossen ist das nicht. Aber ein Sprecher der Swiss versichert: «Um möglichen Ausfällen entgegenzutreten, verfolgen wir stets den Grundsatz, zentrale, hoch verfügbare Systemkomponenten nach gängigen Industriestandards bestmöglich durch Redundanzen abzusichern.» Das heisst übersetzt: Falls etwas ausfällt, gibt es in der Regel ein Back-up-System. Ausserdem betont Swiss, dass Passagierabfertigung auch immer ohne Online-Check-in funktionieren müsse. Für den Fall, dass ein Abfertigungssystem ausfalle, seien die Mitarbeiter auf manuelle Prozesse geschult.

Ist nur die Luftfahrtbranche dem Risiko ausgesetzt?
Nein, das Problem betrifft viele Branchen. Neben der Luftfahrt ist vor allem die Finanzbranche dem Risiko ausgesetzt, da diese ebenfalls überproportional stark von den Folgen der Digitalisierung betroffen ist. Im Juli 2015 etwa war die New Yorker Börse wegen technischer Probleme gezwungen, den Handel für fast vier Stunden einzustellen. IT-Pannen bei Zahlungssystemen gab es denn auch in der Schweiz in den vergangenen Monaten zur Genüge. Mehrfach betroffen war etwa das Onlinebanking der Postfinance.

Was kostet der Totalausfall British Airways?
Die genauen Kosten lassen sich nicht beziffern, da es immer noch zu Problemen kommt. Bisher ging man davon aus, dass mehr als 300’000 Passagiere betroffen sind. Flugausfälle, Kompensationen für Reisende, Überstunden des Personals und Kosten für parkierte Flugzeuge dürften sich für British Airways auf mehrere Hundert Millionen Franken summieren. Zum Vergleich: Deltas Panne im vergangenen August dauerte nur wenige Stunden und kostete die Fluggesellschaft 150 Millionen Dollar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2017, 15:13 Uhr

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