Lieber noch etwas mit Öl heizen

Die Energiewende soll die Schweizer Haushalte weg von den Ölheizungen bringen. Dafür ist der tiefe Ölpreis allerdings nicht förderlich. Fachleute fordern stärkere Anreize.

Kaminqualm über Zürich: Über 800'000 Ölheizungen stehen in Schweizer Kellern. Foto: Urs Jaudas

Kaminqualm über Zürich: Über 800'000 Ölheizungen stehen in Schweizer Kellern. Foto: Urs Jaudas

Franziska Kohler@tagesanzeiger

820'000 Ölheizungen standen 2014 in Schweizer Kellern. Mit einem Anteil von 48 Prozent war Öl damit noch immer der weit wichtigste Energieträger, vor Gas (15,9 Prozent), Holz (11,9 Prozent) und der Wärmepumpe (11,3 Prozent). 2015 dürfte sich an dieser Reihenfolge nicht allzu viel geändert haben. Laut aktuellen Daten des Verbands Gebäudeklima Schweiz ist die Zahl der neu verbauten Ölheizungen letztes Jahr zwar um 8,6 Prozent gesunken. Gleichzeitig sind aber auch weniger Gasheizungen, Wärmepumpen und Holzheizungen installiert worden – weil die Bautätigkeit insgesamt rückläufig war.

Besonders interessant: Während die Zahl der verbauten Öl-, Gas-, Holzheizungen und Wärmepumpen in den letzten fünf Jahren um 2,2 Prozent sank, ging jene der verbauten Ölbrenner nur um 0,9 Prozent zurück. Ein solcher Brenner hat eine Lebensdauer von gut 15 Jahren. Muss er ersetzt werden, hat der Hausbesitzer zwei Möglichkeiten: Entweder er kauft einen neuen Brenner – die günstigste Variante. Oder er baut die Ölheizung aus und ein umweltfreundlicheres Heizsystem ein – so wie es im Sinne der Energiestrategie 2050 wäre. Diese will den Ausstoss von Kohlenstoffdioxid (CO2) bis 2050 um 70 Prozent senken.

Dass die Zahl der verbauten Brenner nur leicht zurückgegangen ist, zeigt: Offenbar sanieren immer noch viele Hausbesitzer lieber ihre Ölheizung, als auf eine andere Heizart umzusteigen. Trotz aller umweltschützerischen Appelle.

Wenig Anreiz zum Umsteigen

Die Zahl der verkauften Brenner nehme zwar stetig ab, sagt Konrad Imbach von Gebäudeklima Schweiz. In Anbetracht der Bemühungen der öffentlichen Hand, den Umstieg auf Erneuerbare zu fördern, gehe der Rückgang aber langsam vonstatten. «Die Motivation, in ein neues Heizsystem zu investieren, ist noch nicht besonders gross.» Viele Hauseigentümer seien offenbar unsicher, was mit der Energiewende auf sie zukomme, und wollten mit dem Umstieg lieber noch zuwarten. Auch der tiefe Ölpreis spiele eine Rolle. «Der Anreiz, eine neue Heizung zu installieren, ist damit sicher kleiner.» Das beobachtet auch Markus Schlageter, Leiter Marketing beim Heiztechnik-Unternehmen Elco. «Die Motivation, vom Öl auf einen erneuerbaren Energieträger umzusteigen, ist mit dem tiefen Ölpreis gesunken.» Gleichzeitig entscheiden sich laut Schlageter mehr Kunden dafür, durch eine Brennersanierung noch länger an der Ölheizung festzuhalten.

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Laut Rolf Mielebacher vom Planungsbüro Amstein?+?Walthert spielt der tiefe Ölpreis vor allem für ältere Hausbesitzer eine grosse Rolle. «Viele sanieren unter diesen Umständen lieber noch einmal die Ölheizung und überlassen den Umbau dann der nächsten Generation.» Mielebacher kennt denn auch Firmen, die von einer merklichen Zunahme beim Verkauf von Ölkesseln in den letzten Monaten berichten. Diese müssen, ähnlich wie die Brenner, alle 15 bis 20 Jahre ersetzt werden.

Das heisst auch: Alle Ölheizungen, die jetzt saniert statt ausgebaut werden, laufen unter Umständen noch bis zu 20 Jahre lang weiter – es sei denn, der Hausbesitzer steigt schon vorher freiwillig auf eine andere Heizquelle um. Dafür seien die Anreize im Moment allerdings nicht besonders gross, kritisiert Mielebacher. Die aktuellen Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich empfehlen zwar, dass beim Ersatz von Heizöl- oder Gaskesseln künftig ein Teil der Wärme aus erneuerbaren Quellen gewonnen wird. Wie diese Empfehlung schliesslich umgesetzt wird, entscheiden die Kantone aber autonom.

«Kantone in der Pflicht»

Mehrere Kantone schreiben zum Beispiel schon jetzt vor, dass Ölheizungen nur dann ersetzt werden dürfen, wenn sie mit Sonnenkollektoren kombiniert werden. 2019 dürften laut der interkantonalen Energiedirektorenkonferenz (EnDK) die meisten Kantone ihre Energiegesetze angepasst haben. Bis dahin dürften allerdings noch zahlreiche weitere Ölheizungen saniert worden sein. Das sei problematisch, sagt der ETH-Architekt Niklaus Haller. «Jede Anlage, die saniert statt ersetzt wird, stösst weiterhin CO2 aus. So kommen wir mit der Energiewende nicht voran.» Haller hat zusammen mit 42 weiteren Wissenschaftlern in Zürich die «Initiative für klimafreundliche Gebäude» lanciert. Diese verlangt ein Verbot von fossilen Brennstoffen für das Beheizen von Gebäuden. Während einer Übergangsfrist sollen die Grenzwerte für CO2-Emmissionen aus fossilen Brennstoffen sukzessive gesenkt werden. Nach 10 Jahren dann sollen sie für Neubauten bei null liegen, nach 18 Jahren auch für bestehende Bauten (die Grenzwerte gelten allerdings nur für den Ersatz oder für Neuinstallationen, nicht für bestehende Anlagen). Haller ist überzeugt, dass den Ölheizungen nur so der Garaus gemacht werden kann.

Gebäudetechnik-Experte Mielebacher bezweifelt allerdings, dass ein Verbot der richtige Weg ist. «Besser wäre es, die Anreize für die Umstellung zu er­höhen, zum Beispiel durch steuerliche Vorteile.» Auch für Karl Vogler, Nationalrat der CVP-Fraktion und Mitglied der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (Urek), geht das Verbot zu weit. Er sieht die Kantone in der Pflicht: «Sie müssen den Ersatz von Ölheizungen noch attraktiver machen. Zum Beispiel durch Förderprogramme oder Steuerabzüge.»

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