Lieber den Joint anzünden, als ein Bier einschenken

Junge Amerikaner kiffen mehr und trinken weniger. Die grossen Bierbrauer investieren deshalb in Cannabis.

Bei den Rauschmitteln bervorzugen die Amerikaner Cannabis: Ein Pärchen raucht in Denver, Colorado, einen Joint. Foto: Redux, Laif

Bei den Rauschmitteln bervorzugen die Amerikaner Cannabis: Ein Pärchen raucht in Denver, Colorado, einen Joint. Foto: Redux, Laif

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Die führenden US-Lagerbiere BudLight, Coors und Miller Lite haben eine schlechte Saison hinter sich. Der Absatz sank um 2,6 Millionen Fass, ein Minus von fast vier Prozent gegenüber 2016. «Das ist ein Schock», titelte das Branchenmagazin «Marketer’s Insight» und verwies auf den markanten Konsumwandel der jüngeren Generation: Der Cannabiskonsum der Millennials steigt, der Bierkonsum sinkt. Als erster Konzern hat Constellation Brands auf diesen Wandel reagiert und sich an einem Cannabisunternehmen beteiligt.

Den Wandel im Konsumverhalten hat der Marketingchef von Anheuser-Busch schon früh kommen sehen. Chris Burggraeve gab 2012 seine Stelle beim grössten Brauer des Landes auf und wechselte ins Cannabisgeschäft. Er wurde Verwaltungsrat der GreenRush Group. Das Start-up-Unternehmen will nach dem Muster von Amazon die führende Handelsplattform für Haschisch werden. «Cannabis ist einer der schnellstwachsenden Konsummärkte der Welt. Wenn Konsumenten etwas verlangen, dann ignoriert man das lieber nicht», sagt Burggraeve.

Der gebürtige Belgier vergleicht den Wandel mit dem Aufkommen von Mikrobrauereien und Gourmetbieren in den letzten 20 Jahren. «Die Grossen haben den Trend zunächst ignoriert, und dann explodierte die Nachfrage», sagte er zur Wirtschaftsagentur Bloomberg. «Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass das Gleiche nicht auch mit Cannabis passiert. Nicht, weil es die Konzerne wollen. Sondern weil es die Konsumenten wollen.»

Immer schneller nach unten

«Eines steht fest, die Branche hat einen harten Sommer hinter sich», bestätigte kürzlich Gavin Hattersley, Chef des zweitgrössten US-Bierbrauers Miller­Coors. «Die Millennials konsumieren weniger.» Der bereits seit 2010 sichtbare Abwärtstrend hat sich beschleunigt.

«Wir glauben, dass Alkohol in den kommenden zehn Jahren unter Druck bleiben wird», schreibt die Investment- und Analysefirma Cowen & Co. «Seit der Rezession haben die Cannabisnachfrage und der legale Verkauf markant zugelegt, während sich der Alkoholabsatz unstetig entwickelt hat.»

Der Markt wird derzeit auf rund sechs Milliarden Dollar geschätzt.

Gemäss Cowen ist dies seit 1980 der dritte Wachstumszyklus, den Marihuana erlebt. Auch in den Achtzigern und Neunzigern fiel der Alkoholumsatz, bevor er wieder anzog. Zugleich wuchs der Cannabiskonsum um 18 Prozent. Der Markt wird derzeit auf rund sechs Milliarden Dollar geschätzt. Er könnte aber bei einer landesweiten Liberalisierung in zehn Jahren bis auf 60 Milliarden Dollar steigen.

Besonders gut ist der Wandel in Colorado zu beobachten. Dort wurde Cannabis vor vier Jahren freigegeben. Seither ist der Bierumsatz deutlich stärker gesunken als im Rest des Landes. Colorado ist ein Bierstaat, bekannt für seine Mikrobrauereien und Molson Coors, die Holdinggesellschaft von Coors und Miller mit Sitz in Denver. «Wir sind sehr vertraut mit Cannabis, und wir versuchen, den Wandel zu verstehen», sagte Konzernchef Mark Hunter dem «Business Journal». Er setzte eine Arbeitsgruppe ein, die den Auftrag hat, die Bedrohungslage zu analysieren und neue Geschäftsfelder zu finden.

Einen grossen Schritt weiter ist Constellation Brands. Der grösste Bierimporteur der USA investierte diesen Herbst 191 Millionen Dollar in die Canopy Growth Co. im kanadischen Ottawa. Sie ist die führende Anbieterin von Can­nabis für medizinische Zwecke in Nordamerika.

Freier Haschkonsum

Constellation Brands bringt sich also für den kanadischen Markt in Stellung. Dort soll nächstes Jahr der Haschkonsum freigegeben und ab 2019 der Verkauf von cannabishaltigen Getränken und Esswaren erlaubt werden.

Dieser erste Deal eines Brauers mit einer Haschfirma war aber nur der Anfang. «Der Zug ändert das ganze Spiel», meint Daniel Pearlstein, Analyst von Eight Capital. «Die Cannabisindustrie wird damit offiziell als Bedrohung und als Chance für grössere, etablierte Firmen im Alkohol-, Tabak- und Pharmamarkt ernst genommen.»

In den USA hält sich Constellation Brands angesichts der politischen Unsicherheit noch zurück und plant zunächst die Entwicklung von cannabishaltigen, alkoholfreien Getränken. Eine Umfrage des Meinungsforschungsins­tituts Gallup dürfte den Konzern aber in seinen Vorhaben bestärken. 64 Prozent der Amerikaner befürworten demnach heute die landesweite Freigabe des Cannabiskonsums. Zum Vergleich: Im Woodstock-Jahr 1969 waren es nur 12 Prozent.

«Wir wollen die Ersten sein»

In den USA haben bisher acht Bundesstaaten den Verkauf von Marihuana freigegeben. 21 weitere Staaten lassen ihn mit einem ärztlichen Rezept zu. Die Regierung von Donald Trump hat ihre Position bisher nicht klargemacht, auch wenn Justizminister Jeff Sessions sich deutlich gegen eine völlige Liberalisierung ausgesprochen hat.

Doch diese Unsicherheit ist für die Brauer kein Grund, sich zurückzuhalten. «Es ist sehr wahrscheinlich, dass es landesweit zu einer Liberalisierung kommt», meint Rob Sands, Konzernchef von Constellation Brands. «Wir wollen die Ersten im Markt sein.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.11.2017, 21:08 Uhr

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