Das Christkind aus dem Netz

Der Anteil des Onlinehandels am Weihnachtsgeschäft war noch nie so hoch wie in diesem Jahr. Die Ladenbetreiber reagieren mit Aktionen.

Konventionelle Läden sind in der Defensive: Bereits im Weihnachtsgeschäft wird mit hohen Rabatten gelockt. Foto: Keystone

Konventionelle Läden sind in der Defensive: Bereits im Weihnachtsgeschäft wird mit hohen Rabatten gelockt. Foto: Keystone

Die schönste Zeit des Jahres: Das ist Weihnachten für die meisten Ladenbetreiber. Sie schmücken ihre Geschäfte festlich und warten auf die Kunden, die in dieser Saison besonders ausgabefreudig sind. Das war zumindest lange so. Doch dieses Jahr scheint es ein bisschen anders zu sein. Und dies nicht nur, weil das Frühlingswetter die Weihnachts­stimmung verdirbt und der starke Franken auf die Kauflaune drückt. Dieses Jahr spüren die Ladenbetreiber auch den Druck durch den Onlinekanal etwas stärker als bisher.

Diverse Händler sprechen von einer Verschiebung Richtung E-Commerce. Am besten beobachten können das Anbieter, die sowohl Webshops als auch stationäre Läden betreiben. Bei Coop beispielsweise heisst es, der Anteil des Onlinehandels sei im aktuellen Weihnachtsgeschäft leicht gestiegen, etwa bei der Tochter Importparfümerie.

Bei der Migros kommt man fast ins Schwärmen, wenn es um das elektronische Geschäft geht. Trotz der anspruchsvollen Rahmenbedingungen in diesem Jahr entwickelten sich die Onlinekanäle sehr gut, sagt ein Sprecher. Die Web-Tochter Le Shop beispielsweise liege momentan bei einem Plus von rund 10 Prozent gegenüber einem schon sehr starken Dezember 2014. Auch die Online-Tochter Digitec rechnet mit einem «Abschluss klar über Vorjahr».

Noch machen die Onlineumsätze in absoluten Zahlen erst einen Bruchteil der stationären Umsätze aus. Doch während Ladenbetreiber froh sein müssen, dass sie überhaupt wachsen, erwarten die ­Onlinehändler eine deutliche Zunahme. «Wir rechnen für diesen Dezember mit einem Umsatzplus von rund 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr», sagt Patrick Kessler vom ­Versandhandelsverband VSV. Das sei erstaunlich angesichts der sinkenden Preise und der verhaltenen Stimmung. Im letzten Dezember betrug das Plus 14 Prozent. Diese Zahlen stammen von 99 Firmen, die zusammen 3,4 Milliarden Franken pro Jahr umsetzen.

Paketflut aus Deutschland

Nicht enthalten in den Zahlen sind die Webshops von Nespresso und Zalando. Wäre der deutsche Schuh- und Kleiderhändler integriert, fielen die Wachstumszahlen noch höher aus. Denn online in Deutschland einkaufen ist bei hiesigen Weihnachtsshoppern beliebt, wie Zahlen von Logistikern belegen. DHL verteilte in den letzten drei Wochen 31 Prozent mehr Pakete aus Deutschland in Schweizer Haushalte als in den gleichen Wochen im Vorjahr. Das Volumen steige bereits seit der Aufhebung des Euromindestkurses im Januar, habe jetzt aber einen Höhepunkt erreicht, erklärt ein Sprecher.

Auch die Schweizer Post transportiert im Laufe des Jahres mehr Pakete aus dem Ausland, zuletzt betrug das Wachstum 20 Prozent. Bei Kleinwarensendungen verzeichnete sie ein merkliches Plus aus China. Absender ist in den meisten Fällen das chinesische Onlineportal Aliexpress, dass die Tausende von Produkten zu Schleuderpreisen anbietet und keine Portokosten verlangt.

Hoffen auf die letzten Tage

Angesichts der weihnächtlichen Online­offensive reagieren Ladenbetreiber mit frühem Ausverkauf, hohen Rabatten und besonderen Marketingaktivitäten. Das Warenhaus Manor und Onlinehändler Digitec lancierten dieses Jahr die US-Tradition des Black Friday und läuteten mit Promotionen und längeren Öffnungszeiten das Weihnachtsgeschäft ein. Auch Globus liess Stammkunden bis um 22 Uhr shoppen, Migros und Coop warteten mit Spendenaktionen auf.

Wie erfolgreich diese Aktivitäten letztlich sind, muss sich zeigen. Sicher ist, dass die Ladenbetreiber an den Tagen kurz vor Weihnachten grosse Chancen auf gute Geschäfte haben. Dann ist es nämlich für Onlinebestellungen meist zu spät – zumindest in diesem Jahr noch, da in der Schweiz erst wenige E-Commerce-Anbieter fähig sind, am gleichen Tag zu liefern wie die Bestellung reinkommt.

Tages-Anzeiger

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