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Wann Katastrophen und Kriege die Wirtschaft beflügeln

Manchmal läuft nach schweren Krisen die Wirtschaft heiss. Doch das ist nur die Hälfte der Geschichte.

Selbst bei grossem menschlichem Leid kann eine Katastrophe zu höherem Wachstum führen: Überschwemmungen auf den Strassen von Houston als Folge des tropischen Sturms Harvey.
Selbst bei grossem menschlichem Leid kann eine Katastrophe zu höherem Wachstum führen: Überschwemmungen auf den Strassen von Houston als Folge des tropischen Sturms Harvey.
Keystone

Die Folgen der verheerenden Flutkatastrophe in Houston im US-Bundesstaat Texas sind noch nicht abschätzbar, und das menschliche Leid ist kaum in Zahlen auszudrücken. Die ökonomische Perspektive dreht sich aber um die Kosten. Es ist schon jetzt wahrscheinlich, dass sie jene der Flutkatastrophe in New Orleans übersteigen, da die Stadt Houston viel grösser und auch reicher ist als New Orleans. Die US-Börse hat dennoch kaum auf die Katastrophe reagiert. Und das ist nicht aussergewöhnlich. Als im August 2005 der Hurrikan Katrina über die südöstlichen Staaten der USA fegte, galt er als eine der verheerendsten Naturkatastrophen der USA. Die Börsenkurse stiegen in der Folge sogar deutlich an.

Börsenkurse werden von den Erwartungen zu den Gewinnen der Unternehmen getrieben. Katastrophen haben nicht immer zur Folge, dass diese Erwartungen geringer ausfallen. Vor allem dann nicht, wenn eine Katastrophe nicht als Ereignis eingeschätzt wird, das über die Opfer und Kosten hinaus den Fortgang der Wirtschaft beeinflusst. Ein ganz anderes Beispiel ist das Erdbeben in Japan vom März 2011, das auch noch alles verschlingende Flutwellen und die Atomkatastrophe von Fukushima ausgelöst hat. In der Folge ist die Börse in Tokio, gemessen am Nikkei-Index, dramatisch eingebrochen.

Die Folgen für die Nachfrage

Ein Blick auf die Forschung zu den ökonomischen Auswirkungen von Katastrophen und sogar Kriegen zeigt, dass diese der Gesamtwirtschaft sogar deutlich Schub verleihen können. Das berühmteste Beispiel ist der Zweite Weltkrieg. Seinem Ausbruch ist es letztlich zu «verdanken», dass die Grosse Depression der 1930er-Jahre endete und die Beschäftigung überall wieder zugenommen hat.

Der Grund ist simpel. Katastrophen und Kriege führen zu erheblich höheren Ausgaben vor allem des Staates für Hilfe, Infrastruktur und Güter. Das führt zu einem Nachfrageschub und damit zu einer erhöhten Beschäftigung und auch einem höheren Wachstum – deshalb können auch Firmen höhere Gewinne verzeichnen. Doch selbst ob ein solcher Nachfrageschub positiv für die Wirtschaft wirkt, hängt davon ab, in welchem Zustand sie sich zuvor befindet. In einer schweren Rezession mit unausgelasteten Kapazitäten ist ein solcher Schub aus konjunktureller Sicht nützlich. Ist die Wirtschaft aber bereits ausgelastet und herrscht Vollbeschäftigung, dann droht eine Inflation.

Die alleinige Sicht auf die Nachfrageseite ist allerdings auch sonst problematisch. Kriege und Katastrophen zerstören Kapital: Infrastruktur, Netzwerke, Produktionskapazitäten und mit den menschlichen Opfern auch Humankapital. Das bedeutet, dass je nach Umfang des Ereignisses das absolute Niveau des Wirtschaftsausstosses sehr viel geringer ausfallen wird, selbst wenn die Wirtschaft stärker wächst. Sie wächst dann von einem tieferen Niveau aus als vor den Zerstörungen. Hohe Wachstumsraten allein sagen nichts aus über das Befinden und die Wohlfahrt der Leute.

Die langfristige Perspektive

Die positiven Auswirkungen eines Nachfrageschubs durch Katastrophen und Kriege berücksichtigen zudem nicht die langfristigen Folgen. Angesichts der zusätzlichen Ausgaben durch den Staat bleibt in der Folge oft eine hohe Verschuldung zurück. Sie kann umso schlechter wieder abgebaut werden, je stärker eine Wirtschaft ihre Ressourcen auf Kriegswirtschaft umgestellt hat und je grösser die Schäden durch Zerstörungen an den Produktivkapazitäten sind.

In der ökonomischen Literatur finden sich aber selbst für die lange Frist mögliche positive Folgen. Ein berühmtes Beispiel ist der beeindruckende Aufschwung, den Deutschland und Japan nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten. Eine Erklärung dafür ist, dass dies besser möglich war, weil die gesellschaftlichen Strukturen mit dem Krieg zerstört oder aufgelöst wurden, die den Marktkräften im Weg gestanden sind: insbesondere der Einfluss der vormaligen Machtzirkel, die zu ihren eigenen Gunsten in die Wirtschaft eingegriffen haben. Neue und produktivere Strukturen können sich – so diese Theorie – bei einem Neubeginn besser etablieren und durchsetzen.

Wie die Ereignisse wahrgenommen werden

Entscheidend ist letztlich auch die Wahrnehmung der Leute, was eine Katastrophe für sie bedeutet. Allein schon die Angst davor oder vor einem Krieg kann dazu führen, dass die Leute ihren Konsum und Firmen ihre Investitionen reduzieren, was die Konjunktur einbrechen lassen kann, oder sie fordern für alle möglichen Risiken eine höhere Entschädigung – das hat etwa tiefere Kurse an den Kapitalmärkten zur Folge. Weil die meisten Menschen aus einer lokalen Katastrophe keine Folgen für sich ableiten, hat sie nur geringe ökonomische Auswirkungen. Das ist nicht immer rational: Denn wenn eine Naturkatastrophe die Folge des Klimawandels ist, deutet sie auf Probleme hin, die auch andere betreffen können und unterschätzt werden. Umgekehrt ist die Gefahr, durch einen Terroranschlag getroffen zu werden, sehr gering. Die subjektive Angst ist aber gross und kann so die Wirtschaft beeinflussen.

Schliesslich kann die Wahrnehmung rasch ändern: Die relativ geringe Reaktion der Kapitalmärkte auf das Säbelrasseln zwischen den USA und Nordkorea liegt daran, dass vorerst die gegenseitigen Drohungen nicht allzu ernst genommen werden. Aus den Kursen lässt sich deshalb nicht lesen, dass keine Gefahren bestehen. Es bedeutet im Gegenteil, dass die Stimmung jederzeit kippen kann und plötzliche Kurs- und Verhaltensreaktionen möglich sind.

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