«Viele Arbeitnehmende sind erschöpft»

Dass die Schweiz einen Spitzenplatz bei Löhnen, Preisen und Kaufkraft belegt, ist für Gewerkschaftsökonom Daniel Lampart nur die halbe Wahrheit, wie er im Interview erklärt.

Die Schweiz belegt bei Löhnen, Preisen und Kaufkraft einen Spitzenplatz.

Die Schweiz belegt bei Löhnen, Preisen und Kaufkraft einen Spitzenplatz.

(Bild: Keystone)

Matthias Pfander@MatthiasPfander

Die UBS hat eine weitere Folge ihrer Studie zu Löhnen, Preisen und Kaufkraft im internationalen Vergleich veröffentlicht. Welches Bild der Schweiz vermittelt dieses Papier? Dass wir in einem reichen Land leben, mit hohen Durchschnittslöhnen, aber auch hohen Preisen. Die hohen Preise kommen besonders bei Produkten und Dienstleistungen zum Tragen, die im Inland produziert und teilweise durch Zölle geschützt werden. Etwa Landwirtschaftsprodukte. Bei Gütern, die international gehandelt werden wie Kleider oder Haushaltselektronik, bewegen sich die Schweizer Preise auf einem international vergleichbaren Niveau. Die Schweiz liegt bei den Löhnen seit Jahren global auf dem Spitzenplatz. Ihnen als Gewerkschaftsvertreter muss ein solches Resultat Freude bereiten… Dass die Schweizer Firmen diese Löhne zahlen, ist mehr als richtig. Die Löhne sind verdient. Die Arbeitnehmer leisten viel, die Produktivität ist in der Schweiz so hoch wie sonst nirgends. Und bei den Arbeitszeiten belegt die Schweiz im europäischen Vergleich ebenfalls den ersten Platz. Wir arbeiten also zu viel? Studien zeigen, dass der Druck auf die Arbeitnehmenden bei der Arbeit stark zugenommen hat. Viele Arbeitnehmende sind gestresst und erschöpft. Eine kürzere Arbeitszeit könnte darum sogar zu höherer Produktivität führen.

Sozialabgaben und die Steuern sind in der Schweiz sehr tief. Das heisst mit anderen Worten, den Arbeitnehmern bleibt netto mehr übrig von ihrem Lohn. Das stimmt aber nur auf den ersten Blick. Das Wohnen ist vergleichsweise teuer. Und die Ausgaben fürs Wohnen sind ein grosser Kostenblock. Im Unterschied zu Deutschland zum Beispiel gibt es in der Schweiz viel weniger öffentlich unterstützter Wohnraum.

Dennoch liegt die Schweiz punkto Kaufkraft an der Spitze. Oder anders ausgedrückt, nirgends ist das Geld so viel wert wie hier… Ja, aber dieses Studienresultat berücksichtigt nicht, dass die Löhne sehr unterschiedlich hoch sind. Die hohen Preise gelten hingegen für alle gleichermassen. Oder auch die Krankenkassenprämien. Die belasten die tiefen Einkommen besonders stark. Sie kritisieren die Aufhebung der Euro-Untergrenze durch die Schweizerische Nationalbank heftig. Die UBS-Studie zeigt nun, dass sich dadurch die Kaufkraft in der Schweiz verbessert. Davon profitieren die Konsumenten. Ja, solange sie einen Arbeitsplatz haben. Seit 2008, als der Euro noch bei über 1.60 Franken stand, ging im Gastgewerbe jede zehnte Stelle verloren. In der Industrie sind wir bis Ende Jahr auf demselben Niveau, wenn die Unternehmen alle ihre Vorhaben umgesetzt haben. Das heisst von ursprünglich 700'000 Beschäftigten bleiben dann weniger als 650'000 übrig. Das sind schlechte Perspektiven für den Schweizer Werkplatz.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt