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Viel Aufruhr um wenig Geld

Egal wie sie letztendlich ausgeht: Europas Rettungsaktion für Zypern ist ein einziges Trauerspiel. Aber auch nicht mehr: Die Insel bleibt «too small to care», das Marktgeschehen nimmt weiter seinen Lauf.

Nun ist der EZB das Treiben zu bunt geworden: In einem knappen Statement teilen die Währungshüter aus Frankfurt heute mit, man werde Zyperns Banken ab Montag keine Notfallliquidität mehr gewähren, sofern bis dann keine Lösung auf dem Tisch ist. Das heisst, sofern sich die EU, Zypern und allenfalls Russland übers Wochenende nicht einigen können, wer das Geld zur Stützung der zypriotischen Banken bereitstellen soll. Die Sistierung der Notkredite würde bedeuten, dass marode Banken gemäss zypriotischem Recht und ohne EU-Hilfe abgewickelt werden müssten. Was den Kleinsparern mit Sicherheit grössere Verluste bescheren würde als die 6,75 Prozent, die sie gemäss dem ursprünglichen Stabilisierungsplan hätten beitragen sollen.

Zugegeben, das wäre ein unschönes Szenario. Entsprechend hat Zypern reagiert und will nun einen nationalen «Solidaritätsfonds» äufnen, um seinen Teil an der Rettung beizusteuern. Defensiv reagierten die Börsen auf das Geschehen: Zwischen 0,3 und 1,1 Prozent gaben die Indizes aus Europa heute Morgen nach – das ist bedauerlich, fällt im Auf und Ab der letzten Tage jedoch nicht wirklich aus dem Rahmen. Dass Brüssel die Zyprioten am Ende fallen lässt, damit rechnet keiner an der Börse. Vor allem zeigen die geringen Kursausschläge jedoch eines an: Welche Wendung die Verhandlungen auch immer nehmen werden, ist letztlich egal. Zypern bleibt ein peripheres Land mit einem BIP so gross wie der Kanton Baselland. Als absurde Episode in der Sitcom namens Eurokrise ist die Mittelmeerinsel für die Märkte schlicht «too small to care».

Vertragsformalitäten und Smartphonespiele

Auch in Brüssel blieb Zypern bis zuletzt nur eine Marginalie. Gross ist die Nonchalance gegenüber dem Krisenland: Als das Parlament in Nikosia am Montag den Rettungsplan abschmetterte, war dies dem Eurogruppenpräsidenten Jeroen Dijsselbloem gerade einmal zwei Sätze wert. Während sich Wolfgang Schäuble in der Nacht auf Samstag mit Zyperns Präsident Nicos Anastasiadis um die Formalitäten des «Bail-in» für die Sparer stritt, vertrieben sich die übrigen Minister mit Smartphonespielen die Zeit, wie Reuters berichtete. Seit vielen Monaten liegt aus Zypern die Bitte um Rettungsgelder vor. Heute zeigt sich: Gerade das Wissen um Zyperns Bedeutungslosigkeit war ein Grund, warum die Eurominister das Begehren stets auf die lange Bank geschoben haben.

Dabei wäre die Restrukturierung von Bank of Cyprus oder Laiki damals billiger zu haben gewesen. Anfang 2012 hatten Zyperns Banken noch Bonds im Umfang von knapp 3 Milliarden Euro ausstehend, heute ist es etwas über die Hälfte. Mitte 2010 hatten andere Finanzinstitute sogar noch 4,5 Milliarden Euro an Krediten in Zypern ausstehend. Eine schnelle Restrukturierung der Institute auf Zypern, verbunden mit der Durchsetzung strikterer Bankenstandards, hätte der EU die jetzige Blamage erspart. Nun darf wieder ungehemmt über Europa hergezogen werden: Bei CNN gelten Europas Einwohner mittlerweile als «Süchtige nach russischem Roulette», während die Brüssler Politik auf Tradingfloor.com als «ausgewachsener Sozialismus» gebrandmarkt wird.

Verkrachte Ehepartner und ein aufmüpfiges Kind

Als grossen «Game-Changer» bezeichnete Saxo-Bank-Chef Lars Seier Christensen die geplante Bankdepositensteuer. Derweil sieht der einflussreiche Eurokolumnist Wolfgang Münchau den Tag anbrechen, an dem man den Euro nur noch mit Panzern verteidigen könne. Seine Berechtigung hat das Kopfschütteln über Brüssel durchaus. Anders als die Kommentatoren zucken viele Finanzmarktteilnehmer aktuell jedoch nicht mehr als mit den Schultern. Am treffendsten brachte es Larry Fink, Chef des weltweit grössten Vermögensverwalters Blackrock, in einem TV-Interview zum Ausdruck: Das Zypern-Problem sei ihm wirklich egal, wischte der Wallstreet-Guru die Bedenken beiseite. Die Worte mögen arrogant klingen, rücken den Stellenwert der griechisch-türkischen Insel aber durchaus ins richtige Licht. Die Anleiherenditen der einschlägigen Krisenländer Spanien, Italien und Portugal zeigen kaum eine Reaktion.

Rund die Hälfte der 68 Milliarden Euro an Guthaben in Zypern liegen auf Konten mit über 100'000 Euro, rund ein Drittel auf solchen über 500'000 Euro: Tragisch ist, dass das Gezerre um die Vermögen reicher Russen letztlich auf dem Rücken einfacher Zyprioten ausgetragen wird. Während von Nikosia über Paphos bis nach Larnaca langsam, aber sicher das Bargeld ausgeht – die Jobs sind schon lange weg–, streiten sich Europa und Russland weiter wie zwei verkrachte Ehepartner ums Sorgerecht für den sturen Teenager: Beide wollen maximal mitbestimmen, aber keiner will die Rechnung für Zypern übernehmen. Auch wenn sich die Euroretter bislang wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert haben, ist offensichtlich, dass die Währungsunion mit ihren grösseren Kindern professioneller umgehen muss. Doch zum grossen Krach wird Zypern nicht führen: Am Ende bleibt die Episode ein Denkzettel, wie man die Rettung von Ländern nicht angehen sollte. Mehr nicht.

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