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Schlechte Noten für die Notenverteiler

Die Ratingagenturen beeinflussen die wirtschaftliche Entwicklung weltweit. Dabei haben sie immer wieder grosse Risiken übersehen.

In Portugal wiederholte sich das griechische Szenario: Portugiesische Studenten protestieren.
In Portugal wiederholte sich das griechische Szenario: Portugiesische Studenten protestieren.
Keystone

Die Ratingfirmen sind wegen ihrer Leistung sei je umstritten und politisch leicht angreifbar. Bereits in den Dreissigerjahren versäumten sie es, ausländische Regierungsanleihen korrekt zu bewerten. Auch in der Asien- und Lateinamerika-Krise spielten sie eine unrühmliche Rolle. Und am Zusammenbruch des US-Hypothekarmarktes trugen sie eine wesentliche Schuld. Trotz des schwachen Leistungsausweises hat die Politik den Ratingfirmen aber immer mehr Aufgaben anvertraut.

Die Ratingagenturen gehen auf jene Zeit vor 150 Jahren zurück, als Hunderte, oft dubiose Unternehmer in den USA Eisenbahngeleise Richtung Westen und Richtung Grosse Seen legten. Gleichzeitig entstand eine Klasse risikobereiter Anleger, die ihren neuen Reichtum investieren wollten. 1832 kam die erste Finanz-Fachzeitschrift «The American Railroad Journal» auf den Markt; Herausgeber war Henry Varnum Poor. Er publizierte Handbücher zur finanziellen Verfassung der Eisenbahnen und kam damit dem Informationshunger der Anleger entgegen.

Amerikaner tonangebend

Im Ersten Weltkrieg führte Poor’s ein Notenschema für die Schuldscheine der Bahngesellschaften ein. Im Zweiten Weltkrieg schloss sich die Firma mit einer anderen Bewertungsgesellschaft, dem Standard Statistics Bureau, zusammen. Als Erster hatte aber der Finanzanalyst John Moody 1909 das Verlustrisiko von Eisenbahn-Obligationen bewertet und in Handbüchern publiziert.

Dass zwei Amerikaner das Geschäft mit den Ratings erfanden, ist kein Zufall. Eine Welle betrügerischer Konkurse trieb ihnen Kundschaft zu. Zudem war der US-Markt schon damals hoch liquid und international ausgerichtet. Die Umsätze waren dreimal höher als an den Finanzplätzen London und Paris. Die USA zogen immer mehr internationale Schuldner an. Lateinamerikanische und europäische Regierungen verkauften ihre Schuldscheine in New York. Schon im ersten grossen Bewährungstest fielen die Agenturen aber durch, wie eine neue Studie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zeigt. Entgegen der Behauptung von Moody’s, bereits 1925 vor einem Boom an ausländischen Regierungsanleihen gewarnt zu haben, hielten die Agenturen zu lange an zu optimistischen Ratings fest. Zwischen 1931 und 1939 mussten mehr als die Hälfte der Auslandschuldner in New York ihre Zahlungsunfähigkeit erklären, ohne dass die Agenturen rechtzeitig vor diesem Debakel gewarnt hätten.

Sie stuften schon damals die Ratings erst dann zurück, als es schon zu spät war. Eine Mitschuld traf die dem US-Finanzministerium unterstellte Währungskontrollbehörde. Mitten in der Depression von 1931 hatte sie per Notrecht die Ratings der Agenturen offiziell zu ihrem eigenen Massstab gemacht mit der Absicht, die Obligationsbestände der Banken zu analysieren. Schon damals also wurden «die Agenturen nicht als Teil des Problems gesehen, sondern als Teil der Lösung», heisst es in der BIZ-Studie.

Die Schuldner bezahlen

Der nächste grosse Einschnitt erfolgte zwischen 1970 und 1975, als die Agenturen ihr Geschäftsmodell auf den Kopf stellten: Nicht mehr die Anleger mussten nun für die Analysen bezahlen, sondern die Schuldner selber. Das öffnete massiven Interessenkonflikten die Tür. Die Hypothekenkrise in den USA ist nur der schlimmste Auswuchs dieses korrupten Systems, das von der Politik toleriert und gar begünstigt wird. 1973 hatte die US-Börsenaufsicht den Ratingfirmen Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch den Titel «national anerkannter» Agenturen verliehen. Ihre Noten erhielten so ein halbstaatliches Gütesiegel, und die Ratings erlangten Gesetzeskraft, wie der Ökonom Lawrence White kritisiert. Wenn die Agenturen zum Beispiel minderwertige Anleihen mit einer Triple-A-Note versehen, erlauben sie es den Banken, diese Papiere zu kaufen – was ihnen sonst verboten wäre. Der Missbrauch dieses Mechanismus ermöglichte es den Banken erst, Anlegern die Ramschpapiere der Hypothekarindustrie anzudrehen.

Angesichts dieser «nicht gerade glänzenden Leistung» der Branche, so das Fazit der BIZ-Studie, sei es schon sehr merkwürdig, dass die Politik den Ratingagenturen immer noch Vertrauen schenke.

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