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Politisch motiviertes Urteil

Der griechische Chefstatistiker Andreas Georgiou fand 2010 heraus, wie stark Griechenland wirklich verschuldet war. Nun wurde er dafür verurteilt.

Er meldete, wie schlecht es um Griechenland wirklich stand: Dafür muss sich Andreas Georgiou vor Gericht verantworten.
Er meldete, wie schlecht es um Griechenland wirklich stand: Dafür muss sich Andreas Georgiou vor Gericht verantworten.
AP Petros Giannakouris, Keystone

Statistiker stehen selten im Rampenlicht. Sie sammeln Daten, stellen damit Berechnungen an und geben die Erkenntnisse weiter. In die Öffentlichkeit kommen sie so kaum. Das gilt nicht für Andreas Georgiou. Er war zwischen 2010 und 2015 der Chef der griechischen Statistikbehörde Elstat. Und: Seit Jahren macht der heute 57-Jährige Schlagzeilen.

Seine Behörde war es, die 2010 entdeckte, dass Griechenland viel höher verschuldet war als gedacht. Georgiou gab die Informationen an die europäische Statistikbehörde Eurostat weiter. Das wurde ihm nun zum Verhängnis.

Vor wenigen Tagen wurde er von einem griechischen Gericht zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Der Entscheid kommt überraschend. Von der Vorinstanz wurde Georgiou nämlich freigesprochen.

Dem einstigen Chefbeamten droht eine noch härtere Strafe. Er wird in einem weiteren Verfahren wegen des Verdachts auf Urkundenfälschung angeklagt. Der Vorwurf: Er soll die Schulden Griechenlands absichtlich höher berechnet haben. Wird er auch in diesem Fall verurteilt, drohen ihm zehn Jahre Haft.

Georgiou wehrt sich gegen die Vorwürfe. Sein Anwalt teilte nach der Verhandlung mit, dass Georgiou von seiner Unschuld überzeugt sei. Er werde für einen vollständigen Freispruch kämpfen.

Höhere Schulden

Der Ökonom Georgiou machte im Ausland Karriere. 20 Jahre arbeitete er für den Internationalen Währungsfonds in Washington. Dort war er für die Programme des Währungsfonds in verschiedenen Krisenstaaten zuständig.

Als dann in seiner Heimat Griechenland die Krise eskalierte, kehrte er nach Athen zurück. Seine Erfolge werden auch von seinen Kritikern anerkannt. Die Behörde funktionierte bald besser, ihre Informationen waren wieder verlässlich.

Die Behörde machte aber eine bittere Entdeckung: Griechenland steckte tiefer im Schuldensumpf als gedacht. Im Herbst 2010 wurde das Haushaltsdefizit von 13,6 auf 15,4 Prozent erhöht. Wenige Monate später musste Griechenland ein zweites Rettungsprogramm von den internationalen Geldgebern akzeptieren. Eines, das noch härtere Einschnitte von der griechischen Bevölkerung verlangte. Georgiou wurde später dafür kritisiert, weil seine Entdeckung die griechische Position in den Verhandlungen mit den internationalen Geldgebern schwächte.

Opfer einer Intrige?

Griechische Prozessbeobachter bezeichnen das Urteil als politisch motiviert. Der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis sprach sich vor einigen Jahren in einem viel beachteten Blogbeitrag für Georgiou aus. Dies, obwohl er sonst an der Krisenpolitik des Landes, zu der er selbst seinen umstrittenen Anteil geleistet hat, kein gutes Haar lässt.

Varoufakis beschreibt in seinem Blog, dass die Entdeckungen Georgious der griechischen Politikerkaste von damals nicht in den Kram passten. Er werde daher gejagt, um die enttäuschten Parteigänger der konservativen Nea Dimokratia und der sozialdemokratischen Pasok zu besänftigen. Sie sind für die Schuldenkrise Griechenlands zumindest mitverantwortlich.

Von einem Vertreter dieser Kaste erhält Georgiou jedoch Unterstützung. Der ehemalige griechische Finanzminister Georgios Papaconstantinou, Georgious einstiger Chef, bezeichnet die Verurteilung des ehemaligen Statistik-Chefs in einem Tweet als schändlich. Er verurteile die «Hexenjagd» auf Georgiou.

Georgious Arbeit brachte ihm im Ausland viel Lob ein. Viele internationale Medien kritisieren denn auch seine Verurteilung. Vom US-Magazin «Politico» wurde er jüngst gar zu den 28 Köpfen gezählt, welche die Weltpolitik in diesem Jahr beeinflussen könnten.

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