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«Offenbar geriet die Situation ausser Kontrolle»

Economiesuisse verliert die Spitze. Was ist los beim Dachverband, warum so überstürzt? Und was hat das mit Karin Keller-Sutter und dem Uhrenverband zu tun? Dazu Economiesuisse-Kenner Viktor Parma.

Seine Arbeit beim Wirtschaftsdachverband verlief im Unklaren: Rudolf Wehrli, der seinen Abgang per 30. August angekündigt hat. (19. Juni 2013)
Seine Arbeit beim Wirtschaftsdachverband verlief im Unklaren: Rudolf Wehrli, der seinen Abgang per 30. August angekündigt hat. (19. Juni 2013)
Keystone

Herr Parma, Pascal Gentinetta verlässt wegen «unterschiedlicher Auffassungen bezüglich der strategischen Ausrichtung» Economiesuisse per sofort. Was lässt sich aus dieser Formulierung schliessen? Dass Economiesuisse wegen einer ungelösten internen Krise kurzfristig eine Pressekonferenz einberufen muss, macht einen schon stutzig. So etwas gab es in der Geschichte des Wirtschaftsdachverbands (inklusive des Vororts) noch nie. Es ist von mir aus gesehen dieser Organisation, wir sprechen hier vom wichtigsten Verband in der Schweiz, auch unwürdig.

Was glauben Sie, was hat zu diesem, nennen wir es einmal Eklat geführt? Offenbar geriet die Situation ausser Kontrolle. Sonst hätte man nicht so gehandelt. Für einen Wirtschaftsdachverband gehört es sich, dass Veränderungen nach einem Plan ablaufen, und nicht Leute interimistisch auf so wichtigen Posten eingesetzt werden. Was wir sehen, wirkt chaotisch und hinterlässt den Eindruck, dass Economiesuisse in einer wirklich tiefen Krise steckt.

Sie haben den interimistischen Direktor Rudolf Minsch angesprochen. Was halten Sie von dieser Zwischenlösung? Das Zeug dazu hat er, Minsch ist vom gleichen Kaliber wie Gentinetta. Dass er aber interimistisch eingesetzt wird, ist sicher kein Vertrauensbeweis. Sollte er das Direktorium nicht definitiv erhalten, wird es für ihn schwierig.

Nun müssen im Prinzip zwei Posten neu vergeben werden. Wie ist eigentlich die Rollenverteilung von Präsident und Direktor? Dies kann der Verband im Prinzip regeln, wie er will. Traditionell ist der Präsident wichtiger, er zieht die Fäden und pflegt die Kontakte zu den wichtigsten Wirtschaftsführern. Der Direktor hingegen ist im Tagesgeschäft tätig. Immer wichtiger wird hier die Medienarbeit.

Was muss denn der neue Präsident mitbringen? Es sollte jemand sein, der den Werkplatz vertritt. Seit die Finanzindustrie als Vollmitglied dabei ist – das war nicht immer so –, braucht es hier ein Gegengewicht. Auseinandergerissen wurde der Verband auch immer mehr durch die verschiedenen Interessen von international aufgestellten Konzernen und heimischer Wirtschaft. Diese Kluft gilt es zu schliessen. Gerold Bührer hatte im Prinzip beide Seelen in seiner Brust, er war Finanzplatz- und Werkplatzvertreter. Den Spagat hat er aber auch nicht immer gut geschafft.

Bührer war auch Politiker. Wie wichtig ist diese Verbindung zwischen Economiesuisse und der Politik? Es ist völlig klar, dass es diese Verbindung braucht, sie ist unverzichtbar. Wobei das ja bei Gentinetta auch der Fall war. Er arbeitete früher in der Bundesverwaltung beim Finanzdepartement.

Der Name von Hans Hess – auch wenn er schon mehrmals abgesagt hat – fällt immer wieder, wenn die Rede vom Economiesuisse-Präsidium ist. Wäre er die richtige Besetzung? Ich kenne Hans Hess zu wenig. Aber rein von seinem Profil her erfüllt er wichtige Voraussetzungen.

Es heisst, dieser Posten sei gar nicht begehrt. Können Sie das nachvollziehen? Ja, leider. Jemand, der dafür taugt, sagt für das Economiesuisse-Präsidium ab, solange der künftige Kurs und die Struktur nicht einmal bekannt sind. Unter den jetzigen Voraussetzungen ist der Job eine unlösbare Aufgabe.

Was sind die wichtigsten drei Punkte einer Neupositionierung des Wirtschaftsdachverbandes? Wie gesagt, der Graben zwischen den internationalen Konzernen der Finanz- und Pharmaindustrie einerseits und der heimischen KMU andererseits muss geschlossen werden können. Zweitens muss sich der Verband viel mehr Transparenz verordnen. Diese Debatten hinter verschlossenen Türen machen doch nur misstrauisch. Die verschiedenen Positionen sollen offener dargelegt werden können. Das schafft Vertrauen. Und drittens tut eine personelle Erneuerung sicher gut.

Der Uhrenverband (FH) hat seinen Austritt angekündigt. Halten Sie es für möglich, dass die FH diesen Entscheid zurücknimmt? Ja, das halte ich für möglich. Es liegt sogar im Interesse der FH, im Wirtschaftsdachverband weiter vertreten zu sein. Man darf nicht vergessen, dass die FH mit ihrer Position ein starkes Signal an die Zentrale von Economiesuisse gesendet hat.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Absage von Karin Keller-Sutter und den jetzt öffentlich gewordenen Auseinandersetzungen innerhalb des Verbands? Das kann ich nicht sagen. Sicher ist, dass sie mit einer klaren Position in einem anderen Verband besser fährt. Im Moment kann man sich mit einer Economiesuisse-Tätigkeit ja nicht schmücken.

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