Mit Negativzinsen auf «doppeltem Blindflug»

Die Nationalbank erklärt ihre Negativzinsen und wendet sich entschieden gegen eine zunehmende Bargeldhaltung.

Auswirkungen kaum absehbar: Die Negativzinsen sind trotzdem momentan das wichtigste Steuerungselement der SNB.

Auswirkungen kaum absehbar: Die Negativzinsen sind trotzdem momentan das wichtigste Steuerungselement der SNB.

(Bild: Keystone)

Negativzinsen sind aktuell das wichtigste Steuerungselement der Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Sie sollen eine weitere Aufwertung des Frankens verhindern und dazu führen, dass die Inflation in der Schweiz wieder zurück in den positiven Bereich und zum Zielwert der SNB von 2 Prozent findet. Entsprechend viel Gewicht nahm diese historisch aussergewöhnliche Massnahme am Pressegespräch der SNB am Donnerstag ein.

Die im Januar beschlossenen Sätze wurden allerdings nicht verändert: Der Satz für Einlagen der Banken auf den Girokonten der SNB bleibt bei –0,75 Prozent. Das heisst, die Banken müssen der Notenbank eine entsprechende Gebühr für Einlagen bezahlen, die einen Freibetrag übersteigen. Das Band für den Leitzins – den 3-Monats-Libor – belässt die SNB weiterhin im Bereich zwischen –1,25 und –0,25 Prozent. Aktuell liegt dieser von der SNB nur indirekt beeinflussbare Marktsatz für Gelder, die sich Banken gegenseitig ausleihen, bei –0,8 Prozent. Nicht nur diese Entwicklung zeigt, dass sich die Negativzinsen, wie von der SNB gewollt, auf weitere Märkte fortpflanzen: Auch wer in als sicher geltende fünf Jahre laufende Anleihen des Bundes investiert, musste noch 0,4 Prozent drauflegen.

Berücksichtigt man allerdings auch die Entwicklung der Kaufkraft – das sinkende Preisniveau – sieht die Lage für Anleger in solche Anleihen und für Sparer trotz der tiefen Nominalzinsen (die «angeschriebenen» Zinsen) etwas besser aus. Kaufkraftbereinigt (real) liegen zum Beispiel die Sparzinsen bei rund 1 Prozent, wie SNB-Präsident Thomas Jordan am Mittwoch betont hat. Das sei historisch nicht der schlechteste Wert.

Unbekannte Folgen

Das grösste Problem der Negativzinsen liegt darin, dass ihre Wirkungen kaum absehbar sind: «Zum Umgang mit Negativzinsen existieren weder theoretische Grundlagen noch Erfahrungen», sagt Andreas Höfert, Chefökonom der UBS, und ergänzt, «wir befinden uns sozusagen auf einem doppelten Blindflug».

Der Ökonom führt an, dass sich schon jetzt zeige, dass die Massnahme genau zum Gegenteil dessen führen kann, was sie eigentlich bewirken soll: Langfristzinsen können als Reaktion auf Negativzinsen sogar steigen, wie sich das an den Hypothekarsätzen schon beobachten lässt. Besonders problematisch sind Negativzinsen für Pensionskassen, die dank restriktiver Anlagekriterien zunehmend Schwierigkeiten haben, die notwendige Rendite zu erzielen, um die garantierten Leistungen erbringen zu können. Bereits gibt es Meldungen, dass einzelne nach Möglichkeiten suchen, Bargeld zu bunkern, um Negativzinsen zu entgehen. Thomas Jordan erklärte dazu an der Pressekonferenz, er beobachte keine deutliche Zunahme der Bargeldbestände – die gegenteilige Aussage ist von Bankökonomen zu hören.

Verbaler Druck

Dass die Zunahme der Bargeldhaltung als Ausweichmassnahme zu Negativzinsen nicht im Interesse der SNB ist, machte Thomas Jordan hingegen gleich mehrmals klar. Doch über diesen verbalen Druck hinaus unternimmt die SNB bisher nichts, um das zu verhindern. Um zumindest die Banken davon abzuschrecken, mehr Bargeld zu halten, existiert bereits die Regelung, dass dadurch die vom Negativzins ausgenommenen Freibeträge auf den Girokonten der entsprechenden Banken sinken. Als Folge werden daher mehr ihrer Einlagen belastet.

SNB-Präsident Thomas Jordan hat darüber hinaus angekündigt, die Ausnahmeregelungen für all jene einzuschränken, die bisher von Negativzinsen ausgenommen sind: Bisher ist das der Bund und weitere Institutionen der öffentlichen Hand.

Laut Jordan sollen explizit nicht nur ausländische Zuflüsse in den Franken beschränkt werden, sondern auch Inländer dazu gebracht werden, die mit dem Ausland erzielten Überschüsse in der Leistungsbilanz wieder im Ausland zu investieren.

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