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Länger arbeiten – eine schlechte Idee

Der starke Franken setzt der Schweizer Wirtschaft zu. Experten machen sich Sorgen. Länger arbeiten bei gleichem Lohn ist kein Tabu mehr. Doch das ist das falsche Rezept. Langfristig schadet das unserer Wirtschaft.

«Gschaffig»: Ein Bauarbeiter wischt sich auf einer Baustelle in Aarau bei 35 Grad Celsius den Schweiss von der Stirn.
«Gschaffig»: Ein Bauarbeiter wischt sich auf einer Baustelle in Aarau bei 35 Grad Celsius den Schweiss von der Stirn.
Keystone

Schweizer sind fleissige Arbeitnehmer – und stolz darauf. Das Adjektiv «gschaffig» wird als Lob empfunden, und bis in die 1970er-Jahre wurde die Tatsache, dass Schweizer Arbeitnehmer schon um 7 Uhr in der Früh in der Fabrik stehen, als wichtigster Wettbewerbsvorteil gewertet. Im Zuge des Wandels zu einer Wissensgesellschaft haben zwar Bildung und Kreativität an Bedeutung gewonnen. Doch alte Werte sterben langsam und werden in Krisenzeiten gerne wieder hervorgekramt. Jetzt wird der starke Franken zu einer Gefahr für unsere Arbeitsplätze, und prompt folgt auch die Lösung schon auf dem Fuss: Länger arbeiten – und alles wird gut.

Auf den ersten Blick scheint diese Forderung logisch. Wenn der Franken unaufhörlich stärker wird und die Nationalbank nichts dagegen unternehmen kann, dann kann man diesen Wettbewerbsnachteil nur mit längerer Arbeitszeit bei gleichem Lohn ausgleichen. Mit anderen Worten: Die Arbeitnehmer akzeptieren de facto eine Lohnkürzung, Schweizer Produkte werden deshalb billiger und damit konkurrenzfähiger. In einer klassischen Industriegesellschaft mit einem grossen Anteil an relativ wenig anspruchsvoller Arbeit trifft dies sogar zu. Deshalb ist es auch logisch, dass klassische Industriebetriebe als Erste mit dieser Idee flirten. Doch die Schweiz ist nur noch in unseren Köpfen eine klassische Industriegesellschaft. In der Realität haben wir uns längst in eine Dienstleistungsgesellschaft verwandelt. Fast drei Viertel aller Arbeitsplätze sind inzwischen im tertiären Sektor angesiedelt.

Innovation und Flexibilität sind gefragt

Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft sind zwei verschiedene Arbeitswelten, nicht nur, weil das blaue Übergewand selten geworden ist. Moderne Unternehmen brauchen andere Arbeitnehmer, und sie brauchen vor allem viel weniger. Die neuen IT-Stars aus Silicon Valley, von Google über Facebook bis zu Twitter, haben zwar inzwischen alle einen Börsenwert in zweistelliger Milliardenhöhe, sie beschäftigen jedoch sehr wenige Arbeitnehmer. «Man könnte alle ihre Angestellten mit Leichtigkeit in den Madison Square Garden mit seinen 20'000 Sitzen packen – und trotzdem hätte auch Grossmutter noch locker einen freien Platz», stellt Tom Friedman in der «New York Times» sarkastisch fest.

Social Media mögen ein Extremfall dieses Trends sein, doch er lässt sich generell in der Wissensgesellschaft beobachten: Moderne Arbeitnehmer müssen nicht primär «gschaffig» sein, sondern innovativ und flexibel. Routinearbeiten sind längst entweder automatisiert oder outgesourct. Deshalb ist die Industrie unserer Gesellschaft auch unglaublich leistungsfähig geworden, und die Produktivität wächst nach wie vor. Mit verlängerten Arbeitszeiten dagegen ankämpfen zu wollen, ist irgendwie grotesk.

Samstag wieder ein Arbeitstag?

Der Franken hat sich gegenüber den wichtigsten Währungen um mehr als 20 Prozent verteuert. Wollte man dies auffangen, dann müsste beispielsweise der Samstag wieder zu einem Arbeitstag erklärt werden. So lange ist es nicht her, dass das zumindest der Vormittag noch war. Doch das war auch eine Zeit, in der viel weniger Frauen erwerbstätig waren und stattdessen zu Hause den Haushalt besorgten. Heute hingegen ist es normal geworden, dass Männer und Frauen erwerbstätig sind. Eine verlängerte Arbeitszeit würde daher nicht nur ökonomisch wenig bewirken, sie würde zu einer grossen Belastung unseres sozialen Gefüges werden.

Längere Arbeitszeiten gegen die Frankenstärke sind ein Rezept aus der Steinzeit. Kurzfristig können Währungsschwankungen damit nicht aufgefangen werden, und langfristig sind die sozialen Kosten sehr hoch. Was wir brauchen, ist nicht mehr von dem, was wir haben. Wir brauchen fundamental neue Arbeitsmodelle, die der Wissensgesellschaft gerecht werden.

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