«Grosse Ungleichheit führt zu Verschwendung»

Der Verhaltensökonom Robert H. Frank erklärt, warum er eine progressive Konsumsteuer für überlegen hält. Sie bremse den Wettbewerb um Statussymbole und die damit einhergehende Verschwendung.

Ökonom Robert H. Frank: «Wir brauchen künftig mehr Geld, allein aus demografischen Gründen. Foto: Dominique Meienberg

Ökonom Robert H. Frank: «Wir brauchen künftig mehr Geld, allein aus demografischen Gründen. Foto: Dominique Meienberg

Sie untersuchen die ökonomischen Folgen des Vergleichs der Menschen untereinander. Können Sie ein Beispiel nennen, worum es geht?
Gemäss dem Standardmodell der Ökonomen hängt die Freude am eigenen Haus davon ab, wie dieses beschaffen ist. Aber wir wissen, dass die Freude am eigenen Haus ebenfalls vom Vergleich mit den Häusern anderer abhängt. Als ich einmal in Afrika gelebt habe, hatte ich ein Haus ohne Wasser und Elektrizität. Für ein solches Haus in den USA würden sich meine Kinder bei ihren Freunden schämen. In Afrika allerdings war es im Vergleich ein sehr gutes Haus, und niemand hatte negative Gefühle deswegen.

Das wird als Erklärung dafür genannt, warum trotz steigendem Reichtum die Menschen nicht entsprechend glücklicher geworden sind: weil sich ihre relative Position zu anderen nicht geändert hat.
Die glücklichsten Menschen befinden sich in den nordischen Ländern, die auch zu den reichsten gehören. Die einfachen Glücksmessungen erfassen offensichtlich viele wichtige Dinge viel zu wenig. Die Daten werden so erhoben, dass man Leute befragt, wie sie sich heute fühlen, wenn sie alle ihre Umstände berücksichtigen. Tatsächlich berücksichtigen die Befragten dabei aber ihre Umstände zu wenig.

Wie meinen Sie das?
In den reichen Ländern sind die Krankheitsraten tiefer, die Gesundheitssysteme sind fortschrittlicher, die Impf­programme verhindern viele tödliche Krankheiten, die Luft und das Wasser sind sauberer, und die Arbeitsplätze sind sicherer. Den Menschen ist das nicht egal, aber in den Glückserhebungen zeigt sich, dass sie das bei ihren Antworten nicht berücksichtigen.

Wie erklären Sie sich, dass die Menschen ihr Glück vom Vergleich mit anderen abhängig machen?
Die beste Theorie, die wir dazu haben, ist die Evolutionstheorie von Charles Darwin: Das Gehirn wurde geformt, damit die Menschen das tun, was ihr Überleben und das ihres Nachwuchses sichert. Die Verfügbarkeit über Ressourcen im Vergleich zu anderen liefert den besten Hinweis darauf, wer in einer Spezies am ehesten überleben wird. Allein auf Basis dieser simplen Theorie würden wir erwarten, dass den Menschen ihre relative Position wichtig ist.

Welchen Wert hat diese Erkenntnis für die Volkswirtschaftslehre?
Der Wettbewerb etwa um Status führt zu einer massiven Verschwendung in der Gesellschaft. In den USA kostet eine durchschnittliche Hochzeitsfeier heute 30'000 Dollar. Im Jahr 1980 waren es inflationsbereinigt nur 11'000 Dollar. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass die Paare heute glücklicher sind als damals. Es ist sogar wahrscheinlich, dass sie weniger glücklich sind. Oft müssen sie sich sogar verschulden, um das bezahlen zu können.

Wie konnte das geschehen?
Die Leute an der Einkommensspitze geben mehr aus, weil sie reicher sind. Das hat zur Folge, dass jene mit leicht weniger Einkommen sich an ihnen orientieren und auch mehr ausgeben. Das führt dann zu einer Kaskade bis zu den unteren Einkommen.

Als Lösung dagegen haben Sie eine Steuer vorgeschlagen.
Ja, eine Konsumsteuer. Wir sollten aufhören, wie bisher die Einkommen zu besteuern. Das Einkommen wird für Konsum und Ersparnisse verwendet. Wir sollten uns darauf beschränken, nur den Konsum zu besteuern.

Konsumsteuern gibt es schon. Was schwebt Ihnen vor?
Wie schon heute sollte man die Einkommen den Steuerbehörden angeben, aber separat auch die Bildung von Ersparnissen. Die wird dann von den Einkommen abgezogen. Zusätzlich soll ein weiterer grosser Abzug standardmässig erfolgen – in den USA etwa 30'000 Dollar, für eine Familie vielleicht 10'000 mehr. Was übrig bleibt, ist dann der steuerbare Konsum. Die Steuerraten sollten anfänglich tief sein. Bei einem hohen Konsum­niveau soll der zusätzliche Konsum zu sehr hohen Sätzen besteuert werden.

Erläutern Sie uns die Wirkung dieser progressiven Konsumsteuer.
Leute mit Topeinkommen, die keine grössere Villa brauchen und jetzt nur eine kaufen, weil andere in ihrem Umfeld auch eine haben, werden sich das dann neu überlegen. Sie werden eher eine kleine Ergänzung zu ihrer bestehenden Villa bauen.

Das erinnert an ein Wettrüsten, nur diesmal beim Konsum. Das soll also Ihre Steuer unterbinden?
Einige brauchen wirklich eine grössere Villa. Aber es ist nicht möglich, das so zu koordinieren, dass andere keine kaufen, weil sie sonst unter der relativen Rückstufung leiden. Es geht darum, die Anreize zu ändern: Die durch den Kauf der grösseren Villa ausgelösten mentalen Nachteile auf andere haben mit der Steuer einen hohen Preis.

Bisher scheint nichts in die Richtung Ihrer Idee zu gehen, obwohl sie auch schon früher formuliert wurde.
Es ist schwierig, abzuschätzen, wie sich Ideen durchsetzen. Es stimmt, die progressive Konsumbesteuerung ist eine sehr alte Idee. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts hat der grosse Ökonom Irving Fisher darüber geschrieben. Auch ich habe bereits 1997 einen Artikel darüber verfasst.

Wie war die Reaktion damals?
Eine Woche nach der Publikation des Artikels erhielt ich einen sehr netten Brief von Milton Friedman, der für seine Ablehnung von staatlichen Interventionen bekannt ist. Er sagte, er sei nicht der Ansicht, dass die Regierung mehr Geld aufnehmen müsse. Damals regierte in Washington Bill Clinton, und das Budget näherte sich einem Überschuss an. Aber wenn die Regierung einmal mehr Geld brauche, dann sei der bei weitem beste Weg dazu eine progressive Konsumsteuer, meinte Friedman.

Welche Chancen räumen Sie Ihrem Vorschlag selber ein?
Wir brauchen künftig mehr Geld, allein aus demografischen Gründen. Es gibt keinen Vorschlag, der nur nahezu so attraktiv ist wie der einer progressiven Konsumsteuer. Manchmal bewegt eine gute Idee über lange Zeit nichts, dann kann es plötzlich sehr schnell gehen.

Das exzessive Konsumverhalten an der Einkommensspitze verurteilen viele vor allem als Ausdruck einer grossen Ungleichheit.
Ich halte es auch für moralisch stossend, dass die einen unvorstellbaren Luxus haben, während anderen gleichzeitig die nötigsten Dinge zum Leben fehlen. Aber wir kommen nicht weiter, wenn wir bloss in engen moralischen Kategorien darüber debattieren. Meine Strategie ist, gegen exzessive Ungleichheit das Argument ins Feld zu führen, dass sie nicht effizient ist, das heisst zu Verschwendung führt.

Das müssen Sie uns erklären?
Die zusätzlichen Dinge, die die reichsten Leute kaufen, haben für sie nur einen geringen Wert. Insgesamt ist er sogar negativ, wie das Hochzeitsbeispiel zeigt. Die Mittel, die für diese Dinge ausgegeben werden, hätten für andere einen sehr viel grösseren Wert. Den exzessiven Konsum zu bremsen, wäre aber auch im Interesse der Reichsten selbst.

Inwiefern?
Machen wir ein Gedankenexperiment: Der Porsche 911 Turbo kostet in den USA etwa 150 000 Dollar, der Ferrari Berlinetta kostet dagegen rund 333 000 Dollar. Wenn der Ferrari überhaupt besser ist, dann höchstens unwesentlich. Was würden Sie nun bevorzugen: mit dem Ferrari durch tiefe Schlaglöcher in den Strassen zu fahren oder mit dem Porsche auf gut unterhaltenen Strassen? Die Reichsten haben sich bisher in den USA für den Ferrari und die Schlaglöcher entschieden – auch durch ihre finanziellen Zuwendungen an die Republikaner, um einen Ausbau der Infrastruktur zu verhindern. Sie verstehen ihr eigenes Interesse nicht. Wenn alle Reichen mehr für die teuersten Autos bezahlen, werden diese zur neuen Norm, und der Zweck der Ausgaben entfällt. Aber es fehlen gleichzeitig die Steuereinnahmen, um die Strassen zu unterhalten.

Sie haben den politischen Einfluss der Reichsten angesprochen. Können Sie das etwas ausführen?
Die Reichsten haben jedes Jahr mehr Geld, und sie geben jedes Jahr mehr Geld für Kampagnen von Politikern aus, die sich für geringere Steuern und weniger Regulierungen ihrer Unternehmen einsetzen. So nehmen die Steuerraten und die Regulierungen immer mehr ab. Das Resultat ist aber, dass dem Land die Steuereinnahmen fehlen. So sind die Strassen in einem üblen Zustand, die Brücken fallen zusammen, die Dächer der Schulen sind nicht mehr dicht, die Bildung der Kinder leidet. Allein für den Unterhalt der Infrastruktur wären in den USA 3,6 Billionen dringend nötig.

Viele machen sich Sorgen, dass die Chancen für all jene immer geringer werden, die nicht zur mächtigsten Schicht gehören.
Das ist in den USA eine grosse Sorge: Der Wettbewerb um die Spitzenpositionen der Zukunft beginnt schon vor dem Kindergarten über Bewertungen und Zeugnisse, die zu guten Schulen und Universitäten führen. Der Tag wird kommen, an dem man keine solche Karriere mehr machen kann, wenn man in der falschen Familie geboren und aufgezogen wird.

Das erinnert an die Warnung des Ökonomen Thomas Piketty vor einem Ende der Chancengleichheit, die in den USA für Furore sorgte.
Seine Beschreibung der Dynastiebildung durch Vermögenskonzentration widerspiegelt aber nicht die bisherige Entwicklung in den USA. Hier sind vor allem die höchsten Einkommen explodiert.

Kann die wachsende Ungleichheit nicht die Akzeptanz des ganzen Systems gefährden?
Natürlich. In den USA nimmt die Macht jener mit viel Geld jedes Jahr zu. Es ist für die Leute klar, dass die Regierung vor allem auf sie Rücksicht nimmt. Das ist nicht nachhaltig. An einem Punkt könnten sie sich sagen: Warum soll ich das akzeptieren und mitspielen?

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...