Gesundheitswesen und Verwaltung sind die grössten Arbeitgeber im Kanton

Jede zweite Stelle im Kanton befindet sich in Grossraum Bern – hier dominiert der Dienstleistungssektor.

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Adrian Sulc@adriansulc

Für die 12 500 arbeitslosen Bernerinnen und Berner mag es nur ein schwacher Trost sein. Doch dass Bern eine deutlich tiefere Arbeitslosigkeit hat als 16 andere Kantone, ist auch für Arbeitslose von Vorteil: Die Konkurrenz unter den Stellensuchenden ist kleiner. «Die Arbeitslosenquote des Kantons Bern lag in den vergangenen zehn Jahren zwischen 0,7 und 1,2 Prozentpunkten unter dem Wert für die Schweiz», schreibt das Berner Amt für Wirtschaft (Beco) in seinem eben neu aufgelegten «Bericht zur Wirtschaftslage».

Der Hauptgrund dafür: Die wichtigsten Branchen im Kanton Bern sind weniger abhängig vom Auf und Ab der Wirtschaft als andere Branchen. Eine jüngst veröffentlichte Auswertung des Beco zeigt, dass von den 590 000 Erwerbstätigen im Kanton Bern 84 000 im Gesundheits- und Sozialwesen arbeiten. Diese Branche ist naturgemäss kaum von der Konjunktur abhängig. Mit 74 000 Arbeitnehmern der zweitgrösste Arbeitgeber ist die öffentliche Hand – darunter fallen die Angestellten von Bund, Kanton und Gemeinden. Und an dritter Stelle folgt die Branche der «unternehmensbezogenen Dienstleistungen» mit 67 000 Erwerbstätigen. Das sind unter anderen IT- und Telecomunternehmen und Forschungs- und Beratungsunternehmen.

Neben der Bundesverwaltung und den staatlichen Unternehmen Post, SBB, Swisscom und Ruag hat für Beco-Leiter Adrian Studer auch das im Kanton Bern starke Gewerbe eine stabilisierende Funktion. Dazu komme, dass die bernische Wirtschaft weniger auf den Export ausgerichtet sei als jene anderer Kantone. So ist die Industrie (ohne Bau und Uhrenbranche) mit knapp 47 000 Erwebstätigen erst die viertgrösste Branche im Kanton Bern, zählt man die Uhrenbranche dazu, kommt man auf 56 000 Arbeitnehmer.

Verhältnismässig wenig Exporte

Uhren, Industriemaschinen und chemische Produkte sind zwar die bedeutendsten Exportgüter des Kantons Bern. Doch im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung des Kantons sind die Exporte bescheiden: Während Bern die zweitgrösste Bevölkerung und das zweitgrösste Bruttoinlandsprodukt aller Kantone verzeichnet (2012: 64,2 Milliarden Franken), liegt er bei den Exporten schweizweit nur auf Platz 5 (2012: 13,3 Milliarden Franken).

Auffallend ist auch: Der für die Schweiz wichtige Finanz- und Versicherungssektor ist im Kanton Bern mit 19 000 Erwerbstätigen eine eher kleine Branche. Über 14 000 dieser Arbeitnehmer kommen aus der Verwaltungsregion Bern-Mittelland. Diese Verteilung zeigt exemplarisch, wie bunt der Kanton Bern wirtschaftlich aufgestellt ist:

  • Bern-Mittelland: Hier leben 40 Prozent der Bernerinnen und Berner, und hier sind sogar fast 50 Prozent der Stellen angesiedelt. Die Industrie spielt in dieser Verwaltungsregion nur eine Nebenrolle, dafür die Staatsverwaltung eine umso grössere. Mit 2,3 Prozent liegt die Arbeitslosenquote exakt im Schnitt des gesamten Kantons.
  • Oberland: Nach dem starken Gesundheits- und Sozialwesen ist der Tourismus der Motor der Verwaltungsregion. Vom Fremdenverkehr profitieren auch die zweit- und die drittwichtigste Branchen Bau und Detailhandel. Die Arbeitslosenquote reicht von 1,6 Prozent im Kreis Frutigen-Niedersimmental bis 2,1 Prozent im Bezirk Thun.
  • Emmental-Oberaargau: Wie im Seeland arbeiten hier über 10 000 Menschen in der Industrie – das industrielle Zentrum ist die Stadt Langenthal. Gleichzeitig sind in dieser Verwaltungsregion die Land- und Forstwirtschaft so stark wie sonst nirgends im Kanton. Im Emmental waren im April 2,0 Prozent, im Oberaargau 2,1 Prozent der Menschen arbeitslos.Seeland: Wie auch im Oberaargau und im Berner Jura ist die Exportindustrie hier besonders gross. Gleich wie im Oberland zählt aber auch hier das Gesundheits- und Sozialwesen die meisten Erwerbstätigen. Die Verwaltungsregion Seeland teilt sich in den gleichnamigen Kreis Seeland mit einer sehr tiefen Arbeitslosenquote von 1,7 Prozent und in den Kreis Biel mit der kantonsweit höchsten Quote von 3,6 Prozent.
  • Berner Jura: In keiner anderen Region hat der produzierende Sektor einen grösseren prozentualen Anteil als im Berner Jura: Rund 45 Prozent arbeiten hier in der (Metall-)Industrie, der Uhrenbranche oder der Baubranche. In der Verwaltungsregion waren im April 3,0 Prozent arbeitslos. Beco-Chef Adrian Studer sagt, er sehe die höhere Arbeitslosigkeit in Biel und im Berner Jura nicht als «Mentalitätsthema». Vielmehr seien dort mehr Menschen arbeitslos, weil die dort wichtige Industrie grösseren Schwankungen unterworfen sei. Studer erinnert daran, dass «die Arbeitslosenquoten dort auch schon viel höher waren als heute». Der Kanton unterstütze die Diversifizierung der Wirtschaft im Jurabogen. «Doch wir können die Wirtschaftsstruktur natürlich nicht vorschreiben», staatliche Eingriffe in die Wirtschaft seien problematisch, so Studer.

Arbeitslosigkeit wird steigen

Für dieses Jahr rechnet das Beco – entsprechend den Prognosen des Bundes – mit einem leichten Ansteigen der Arbeitslosenquote im Kanton Bern, wobei sie auf den Sommer hin saisonbedingt zuerst sinken wird. Dabei gehe es um kleine Veränderungen, hält Studer fest: «Wir haben im schweizweiten Vergleich einen gut funktionierenden Arbeitsmarkt – und im internationalen Vergleich gar paradiesische Zustände!»

Der Bund

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