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«EU-Staaten könnten Euro in den Abgrund reissen»

Der Ökonom Jörg Hinze fordert eisernes Sparen und eine Umschuldung Griechenlands. Im dapd-Interview erklärt er, weshalb er ein komplettes Scheitern des Euro für möglich hält.

Dunkle Wolken über Griechenland: Flaggen wehen im Wind.
Dunkle Wolken über Griechenland: Flaggen wehen im Wind.
Keystone

Seit Monaten schon hängt der marode griechische Staat am internationalen Finanztropf. Die Aussicht auf Besserung des Patienten ist ungewiss, deshalb fordern immer mehr Experten einen Schuldenschnitt für das krisengeschüttelte Land. Zu Ihnen gehört auch der Ökonom Jörg Hinze vom Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). Im Gespräch der Nachrichtenagentur dapd schildert er die Konsequenzen einer möglichen Umschuldung und erklärt, warum er ein komplettes Scheitern des Euro für möglich hält. Mit Hinze sprach dapd-Korrespondent Marc Kalpidis.

Herr Hinze, kann sich Griechenland auch ohne Schuldenschnitt gesund sparen?

Kaum, weil die innenpolitische Lage vorher eskalieren würde. Wir sehen ja jetzt schon, dass die Sparmassnahmen das Wirtschaftswachstum abwürgen und die Massen auf die Strasse treiben. Die Defizitquote ist trotzdem höher als im vergangenen Jahr, und je härter das Land spart, desto mehr gehen die Steuereinnahmen zurück. Ausserdem sind die institutionellen und ökonomischen Strukturen marode. Von daher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Griechenland sich aus eigener Kraft retten kann, sehr gering.

Welche Vorteile würde eine Umschuldung bieten?

Eine Umschuldung macht nur Sinn, wenn zugleich die dringend notwendigen Strukturreformen durchgeführt und die Ursachen des wachsenden Defizits beseitigt werden. Danach liesse sich durch einen Schuldenschnitt - momentan wird ja mit rund 50 Prozent gerechnet - die Zinsbelastung um den gleichen Anteil senken. Mit dem freiwerdenden Geld könnte Griechenland dann sein Defizit abschmelzen, Reformen finanzieren und die Infrastruktur verbessern.

Welche Risiken stünden dem gegenüber?

Ein Risiko bestünde für Griechenland nur dann, wenn es aus dem Eurosystem austreten und das Vertrauen ausländischer Investoren verlieren würde. Dann bliebe das Land sich selbst überlassen, müsste mit einer mehrjährigen Rezession und hoher Arbeitslosigkeit rechnen.

Und was ist mit den Auswirkungen auf andere EU-Länder?

Wenn Griechenland in der Eurozone bleiben sollte, müssten zahlreiche Banken, darunter auch die Europäische Zentralbank, grosse Abschreibungen vornehmen. Das könnte sich wiederum auf andere Banken auswirken, die zwar nicht unmittelbar, aber indirekt durch sogenannte Kreditausfallversicherungen betroffen sind.

Droht eine Kettenreaktion, wenn nach Griechenland auch andere Länder auf die Idee einer Umschuldung kommen könnten?

Das kommt als zusätzliches Risiko hinzu, ja. Portugal, Irland, möglicherweise auch Italien und Spanien könnten ebenfalls einen Schuldenschnitt fordern. Vielleicht nicht 50 Prozent, aber die Hälfte davon. Das wäre für die anderen EU-Staaten kaum tragbar. Vergleichsweise besser aufgestellte Länder wie Deutschland müssten dann ihre Garantien einlösen und das eigene Defizit weiter nach oben schrauben - sie würden also selbst zunehmend in die Schuldenfalle geraten, was dann auch der deutsche Steuerzahler zu spüren bekäme.

Ist Griechenlands Situation mit der argentinischen Schuldenkrise von 2002 vergleichbar?

Erstens war Argentinien damals einer mehrjährigen kräftigen Rezession ausgesetzt. Und zweitens hatte es die Möglichkeit flexibler Wechselkurse, weshalb ja jetzt auch einige den Austritt Griechenlands aus der Eurozone fordern. Der argentinische Peso sank damals auf einen Bruchteil seines Wertes gegenüber dem US-Dollar, wodurch die Exporte kräftig angekurbelt wurden. Griechenland dagegen kann seine Währung nicht so abwerten, dass sie auf den Weltmärkten konkurrenzfähig wäre.

Welche Schritte müssen jetzt folgen?

Griechenland braucht einen Schuldenplan, an dem nicht nur die Regierung, sondern auch die Opposition mitarbeitet. Einen nationalen Konsens, in wie vielen Jahren und mit welchen Schritten das institutionelle und ökonomische System so modernisiert wird, dass das Land gesunden kann. Wenn dieser Plan steht, kann ein Schuldenschnitt erfolgen. Die EU wird regelmässig und noch konsequenter als bisher prüfen müssen, ob die Reformschritte erfüllt wurden und weitere Mittel aus EU-Fonds fliessen können.

Wird es den Euro Ihrer Meinung nach in 15 Jahren noch geben?

Ich bin zumindest skeptisch. Wir haben ja nur deshalb eine Bankenkrise, weil sich die Staaten mehr und mehr verschulden. Um die Banken zu rekapitalisieren oder anderweitig zu stützen, treiben diese Staaten jetzt ihr Defizit immer weiter nach oben. Die Schuldenblase wächst, weil die Lehren aus der letzten Krise bis heute nicht gezogen wurden.

Welche Lehren sind das?

Die Politik muss aus ihren Fehlern lernen und die Banken stärker regulieren, damit Auswüchse wie «too big to fail» nicht mehr möglich sind. Ausserdem müssen die Regierungen endlich überzeugende Konsolidierungsprogramme auf den Tisch legen. Gespart wurde bislang immer nur auf Druck der Märkte hin. Dadurch wurde die Politik zum Getriebenen. Ohne die Rückkehr zu einer solideren Finanzpolitik ist aber keine Lösung der Krise denkbar. Sonst wird die Schuldenblase irgendwann platzen und den Euro mit in den Abgrund reissen.

dapd/kpn

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