«Ende 2015 muss genügen»

Der Expertenbericht zur «Too big to fail»-Problematik liegt auf dem Tisch. Hans Geiger, emeritierter Bankenprofessor, kritisiert ihn. Und fordert die Banken auf, konkrete Notfallpläne zu präsentieren.

«Die Grossbanken sollen Vorschläge machen, wie der Schweizer Steuerzahler vor den Folgen eines Zusammenbruchs einer systemrelevanten Bank geschützt werden kann»: Für Hans Geiger ist die «Too big to fail»-Problematik noch nicht gelöst.

«Die Grossbanken sollen Vorschläge machen, wie der Schweizer Steuerzahler vor den Folgen eines Zusammenbruchs einer systemrelevanten Bank geschützt werden kann»: Für Hans Geiger ist die «Too big to fail»-Problematik noch nicht gelöst.

(Bild: Keystone)

Matthias Chapman@matthiaschapman

Herr Geiger, der Bericht der Expertenkommission zum «Too big to fail»-Problem liegt vor. Würde das so umgesetzt, sind wir dann auf der sicheren Seite? Nein, auf der sicheren Seite wäre der Schweizer Steuerzahler damit nicht.

Was ist nicht gut an den Vorschlägen? Ich erachte die Übergangsfrist zur Erreichung dieser neuen Werte, also bis Ende 2018, als lang. Die nächste Bankenkrise kommt bestimmt früher, vielleicht schon nächstes Jahr. Die Schweizer Banken müssen die Ziele früher erreichen.

Was würden Sie denn für eine Frist vorschlagen? Ende 2015 muss genügen.

Die Schweizer Grossbanken sollen künftig über 10 Prozent «hartes» Eigenkapital und 9 Prozent bedingtes Kapital verfügen. Was halten Sie davon? Klar lässt sich sagen 10 Prozent echte Eigenmittel wäre eine gute Grösse. Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, dass der Bezugswert «Risiko gewichtete Aktiven» eine sinnlose Grösse ist.

Was wäre sinnvoller? Die Finanzkrise hat gelehrt, dass weder die Banken noch die Aufsichtsbehörden in der Lage sind, die Risiken verlässlich einzuschätzen. Sinnvoller wären robuste Grössen, wie zum Beispiel die Bilanzsumme und zusätzlich die Bruttoerträge.

Was loben Sie am Vorschlag der Expertenkommission? Eine Stärke des Vorschlages liegt bei der Einführung von Pflichtwandelanleihen. Diese erhöhen das risikotragende Kapital stark, zudem wird die Bewertung dieser Anleihen durch die Finanzmärkte ein unverfälschtes Urteil über die Qualität der Bank ermöglichen. Eine andere Stärke ist, dass die Kommission nicht nur eine Einzelmassnahme vorschlägt, sondern ein ganzes Massnahmenpaket.

Es sieht so aus, als ob der «Swiss Finish» tatsächlich strenger wird als die Vorschriften von Basel III. Für die Schweizer Banken im internationalen Vergleich ein Nachteil? Klar sagen die Banken, für sie sei das ein Nachteil. Das Management will eine möglichst hohe Eigenkapitalrendite erreichen. Für Kunden ist eine hoch kapitalisierte Bank sicher attraktiver als eine, welche das Eigenkapital «optimiert». Und auf den Kunden kommt es doch vor allem an.

Werden die Banken die Vorschläge akzeptieren oder dagegen lobbyieren? Selbstverständlich werden die Banken lobbyieren, das gehört zu ihren Aufgaben. International hat die Grossbankenlobby den Vorschlägen von Basel III sehr viele Zähne gezogen. In der Schweiz ist das wegen der potenziellen Drohung einer Initiative etwas weniger gut möglich.

Hätte der Sturz von Lehman Brothers mit diesen Vorschriften verhindert werden können? Der Kollaps von Lehman Brothers war keine so schlechte Sache, er kam einfach zu spät. Wäre er nicht gekommen, wäre vielleicht Citibank gestürzt. Das wäre verheerend gewesen. Es geht nicht darum, einen Sturz zu verhindern, sondern dafür vorzusehen, dass die Kapitalgeber und Gläubiger den Verlust tragen, und nicht die Steuerzahler.

Für den Notfall, also wenn eine Grossbank trotzdem zu stürzen droht, gibt es noch keine Pläne. Wo stockt es? Hier hat die Kommission einen halben Rückzug gemacht. Die Grossbanken sollen Vorschläge machen, wie der Schweizer Steuerzahler vor den Folgen eines Zusammenbruchs einer systemrelevanten Bank geschützt werden kann. Ich gehe davon aus, dass die Banken solche Notfallpläne in der Schublade haben. Jetzt müssen sie diese präsentieren. Dass diese Pläne den Steuerzahler absolut wasserdicht schützen, ist für die Schweiz entscheidend. Hier darf sich die Politik keine Grosszügigkeiten leisten.

DerBund.ch/Newsnet

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