Ein Monopol, das schmerzt

Medikamente gegen seltene Erkrankungen sind oft exorbitant teuer. Krankenkassen haben kaum etwas in der Hand, um den Herstellern Preiszugeständnisse abzuringen.

In der Schweiz leiden rund 60 Menschen an einer Lichtallergie, für deren Behandlung nur ein Medikament existiert. Foto: Getty Images

In der Schweiz leiden rund 60 Menschen an einer Lichtallergie, für deren Behandlung nur ein Medikament existiert. Foto: Getty Images

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Diese Krankheit und das einzige Medikament dagegen geben immer wieder zu reden. Denn hier prallen kaum vereinbare Interessen aufeinander. An der seltenen und sehr schmerzhaften Licht­allergie (Erythropoetische Protoporphyrie) leiden hierzulande rund 60 Personen. Das Medikament, das ihnen Linderung verschafft, heisst Scenesse. Die Kosten pro Patient und Jahr betrugen bis Anfang 2016 laut dem Versicherer Helsana 28'000 Franken. Dann erhöhte der australische Hersteller Clinuvel den Preis pro Behandlung auf einen Schlag von 7000 auf 19'000 Franken, die ­Jahreskosten schossen auf 76'000 Franken hoch.

Widerstand war zwecklos. Das kleine australische Unternehmen hielt mit ­Scenesse ein Monopol, Preisverhandlungen gab es nicht, wie Krankenkassen erklären. Stattdessen kündigte Clinuvel eine weitere Preisanpassung an, welche die Jahreskosten auf 100'000 Franken pro Person erhöhen wird. Mehrere Kassen weigerten sich, die Therapie weiterhin zu finanzieren. Betroffene Patienten suchten die Öffentlichkeit, das Bundesamt für Gesundheit versprach, man werde den entscheidenden Passus in der Verordnung über die Krankenver­sicherung (KVV) anpassen.

Clever positioniert

Am 1. März wird das neue Paragrafenräderwerk greifen. Zu wessen Gunsten? Die Australier können sich schon mal freuen. Hand zu Preisverhandlungen müssen sie den Krankenversicherern nicht mehr bieten. Was sie faktisch bereits vorher nicht taten, hält das Gesetz nun auch noch für sie fest. «Der Versicherer vergütet die Kosten, zu denen das Arzneimittel aus dem Ausland ­importiert wird», heisst es.

Die Australier positionierten sich ­clever. Sie haben ihr Medikament nicht bei der Schweizer Heilmittelbehörde Swissmedic angemeldet, geschweige denn um eine Aufnahme in der Spezialitätenliste nachgesucht. In diesem Falle hätten sie die Preise vorgängig mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) aushandeln müssen.

14 Tage Zeit für einen Entscheid

Die Firma Clinuvel hatte, dies die einzige Bedingung der Schweizer, Scenesse zuvor bei einem gleichwertigen aus­ländischen Amt – im konkreten Fall bei der europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) – registrieren lassen. Sollte Clinuvel das Präparat in einem anderen Land zu einem tieferen Preis anbieten, dann – und nur dann – dürfte die Krankenkasse darauf pochen, dass es aus diesem Land in die Schweiz importiert werde.

Fazit der gesetzlichen Neuerung: Die Krankenkassen müssen den Importpreis entweder schlucken oder dem Patienten mitteilen, dass man die Kostenübernahme ganz ablehne – mit der Begründung eines groben Missverhältnisses zwischen Nutzen und Kosten. In der ­Vergangenheit führte dies teilweise zu monatelangen Auseinandersetzungen zwischen Patienten, Ärzten und der ­Versicherung. Nun muss die Kasse den ablehnenden Entscheid ab 1. März innerhalb von 14 Tagen fällen.

Die Empörung der betroffenen Ver­sicherten und ihrer Organisationen ist den Kassen auf jeden Fall gewiss.

Der Kreis der Personen mit einer ­seltenen Krankheit mag klein erscheinen. Doch mittlerweile ist die von Swissmedic letztmals im Februar 2016 zusammen­gestellte Liste von Medikamenten dagegen, den sogenannten Orphan Drugs, auf gegen 250 Arzneien angeschwollen. 2011 waren es noch 102. Wie viele Me­dikamente der 2016er-Liste auf der Speziali­tätenliste figurieren, konnte das BAG auf Anfrage nicht sagen.

Bis zu einer Million Franken

Den meisten dieser Medikamente ist eines gemein: Sie sind, weil es jeweils kaum mehr als einen Anbieter gibt, sündhaft teuer. Der Versicherer Helsana präsentierte kürzlich eine Liste von fünf Medikamenten im Orphan-Status, deren Jahreskosten pro Patient zwischen 400'000 und einer Million Franken betragen. Und was bedeutet das für die Krankenkasse, ihre Versicherten und die Prämienentwicklung? «Für eine ­Jahresbehandlung von 400'000 Franken braucht es über 100 Prämienzahler, die keine Leistungen beziehen – Jahr für Jahr», rechnete die Kasse aus.

Da darf die andere Seite der Medaille nicht unerwähnt bleiben: Orphan-Drug-Anbieter gelten unter Anlegern mittlerweile als ganz heisse Investments. So verdreifachte sich der Wert der Aktien von Scenesse-Anbieter Clinuvel im letzten Jahr. Das kleine Unternehmen will in diesem Jahr sieben weitere Euro­päische Staaten beliefern und in den USA zu­gelassen werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2017, 21:09 Uhr

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