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Diese Krise ist wie Lehman, nur gefährlicher

Ein Vergleich mit der Finanzkrise von 2008 drängt sich auf: Warum Corona wohl tückischer ist, als es die toxischen Papiere der Banken waren.

Thomas Fromm, Claus Hulverscheidt, Markus Zydra
Erinnerungen kommen hoch: Im September 2008 kollabierte die US-Bank Lehman, die Krise traf später das ganze Finanzsystem. Foto: Keystone
Erinnerungen kommen hoch: Im September 2008 kollabierte die US-Bank Lehman, die Krise traf später das ganze Finanzsystem. Foto: Keystone

Nicht mehr als 50 Personen in Restaurants und Bars: Die neuen Vorschriften, die der Bundesrat gestern im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus verkündet hat, trifft uns im Alltagsleben immer stärker.

Dies ist wahrscheinlich schon einer der wesentlichen Unterschiede zur grossen Finanzkrise des Jahres 2008. Damals konnten die Menschen auch während der Turbulenzen noch um die Häuser ziehen, ohne Angst haben zu müssen, krank zu werden. Denn die Krise kam damals aus dem Finanzsystem und sie infizierte mit ihren faulen Wertpapieren – den Folgen brandgefährlicher Spekulationen – zunächst einmal die Bilanzen grosser und kleiner Banken. Selbst als die US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 im Strudel der Krise unterging, war klar, was zu tun ist: Wer verhindern wollte, dass das Virus auf die Realwirtschaft überschwappte, musste den Banken helfen.

Das Coronavirus aber steht für eine gänzlich anders geartete Krise. Das Virus infiziert Menschen – Arbeitnehmer und Konsumenten aus allen sozialen Schichten, aus allen Berufsgruppen und allen Regionen, kurzum: die gesamte Volkswirtschaft. Vieles, was Menschen normalerweise tun – im Restaurant essen, eine Modeschau organisieren, nach Italien fahren, ein Auto kaufen – tun sie jetzt nicht mehr. Deshalb steigt weltweit die Rezessionsgefahr, und deshalb lautet die grosse Frage: Was kann man aus der Finanzkrise von 2008 lernen? Und was ist heute ganz anders? Was geht noch, und was geht nicht?

Im schwarzen Oktober 2008 konnten Regierungen die Menschen noch mit einem Satz beruhigen, dass ihr Erspartes auf der Bank sicher ist.

Das geht heute nicht mehr so einfach, denn der Lauf des Geldes ist anders als der Verlauf eines Virus. Was damals half und auch heute helfen kann: Liquiditätshilfen, Kurzarbeitsgeld, verstärkte Investitionen der öffentlichen Hand. Die Hoffnung: Dass Überbrückungskredite den oft kleinen und mittleren Betrieben helfen, die schweren Umsatzeinbussen dieser Tage und Wochen zu überstehen. Denn das war die Lehre vor zehn Jahren: Die Wirtschaft schrumpfte zwar – der Arbeitsmarkt jedoch blieb dank der Massnahmen relativ stabil.

Das Coronavirus jedoch ist möglicherweise noch tückischer, als es die toxischen Verbriefungspapiere der Banken waren. Es bedroht alle Bereiche der Volkswirtschaft gleichermassen, die Zahl der Brände, die gelöscht werden müssen, ist heute ungleich grösser als damals. Es geht, wenn man so will, von der Bar an der Ecke über den Coiffeur bis zum globalen Konzern.

Die US-Bürger wissen nun: Nennenswerte Hilfe ist von Trump nicht zu erwarten

Ausserdem war das politische Umfeld seinerzeit ein anderes. Allen Beteiligten war damals ziemlich schnell klar, dass sie die Probleme nicht gegeneinander, sondern nur durch eine gemeinsame internationale Kraftanstrengung würden lösen können. Bereits Mitte November 2008, nur wenige Wochen nach der Lehman-Pleite, trafen sich die Staats- und Regierungschefs der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer in Washington, um ein Massnahmenpaket abzustimmen. Und noch ein Unterschied: Im Weissen Haus residierte damals mit George W. Bush ein Präsident, der zwar auch nicht gerade als brillanter Kopf galt. Zumindest aber war er bereit, die Probleme anzugehen – ohne Rücksicht auf persönliche Umfragewerte und ohne Schmähungen seiner politischen Gegner.

Knapp zwölf Jahre später, am Mittwoch dieser Woche, sitzt sein Nach-Nachfolger Donald Trump im Oval Office und versucht sich an einer Fernsehansprache. Trump wirkt fahrig, ganz so, als lese er den Text, der da vor ihm auf dem Teleprompter läuft, zum ersten Mal. Statt auf die Sorgen und Nöte der Menschen einzugehen, erklärt er, die USA hätten es mit einem «chinesischen», einem «ausländischen Virus» zu tun. Es klingt fast so, als spreche er nicht über eine Krankheit, sondern über einen militärischen Gegner. Ein internationaler Aktionsplan? Fehlanzeige. Stattdessen verkündet er versehentlich, dass für 30 Tage keine Waren aus Europa mehr in die USA geliefert werden dürften. Der Auftritt, mit dem Trump die Situation eigentlich beruhigen will, gerät in doppelter Hinsicht zur Katastrophe: An den Weltbörsen brechen die Kurse noch einmal kräftig ein. Und die Menschen in den USA wissen seither: Die Gedanken ihres Präsidenten kreisen selbst in der grössten Bewährungsprobe seiner bisherigen Amtszeit nicht um die Probleme des Landes, sondern weiterhin ausschliesslich um ihn selbst – nennenswerte Hilfe in der Sache ist von diesem Mann nicht zu erwarten. «Der Betreiber meines Fitnessstudios hat gerade einen sorgfältigeren, detaillierteren und durchdachteren Plan für den Umgang mit dem Coronavirus herumgeschickt als der Präsident der Vereinigten Staaten», twitterte ein Kinderarzt aus Maine.

Mit Zinssenkungen lässt sich das Virus nicht verscheuchen

Zu dieser Zeit sitzt EZB-Chefin Christine Lagarde in Frankfurt. Die Finanzmärkte drehen durch. Es ist Donnerstag, und alle schauen auf die EZB, den vermeintlich allmächtigen Magier. Wird es Lagarde Mario Draghi nachtun, der 2012 versprach, die Eurozone mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu retten – «koste es, was es wolle»? Doch die Französin sagt sinngemäss: «Non». Noch schlimmer ist ihre Antwort auf die Frage, wie man der italienischen Regierung helfen könne, deren Kreditzinsen im Vergleich zu Deutschland deutlich in die Höhe geschossen sind: «Wir sind nicht dafür da, diese Zinsunterschiede einzuebnen», erklärt Lagarde. In der Sache mag sie recht haben – aber es ist nicht das, was die Finanzmärkte hören wollen, es ist das Gegenteil einer vertrauensbildenden Massnahme. Das Ergebnis: Der Kreditzins für Italien steigt noch weiter.

Lagarde hat zu ihrem Amtsantritt gesagt: «Ich werde anders sein», man solle sie nicht mit ihrem Vorgänger vergleichen. Anders ja, aber so anders? Lagarde selbst sieht es wohl so: Die Regierungen der EU-Staaten, ja die EU als Ganzes, seien nun gefordert. Und anders als eine Finanzkrise lässt sich das Coronavirus wohl eh nicht mit Zinssenkungen verscheuchen, zumal die EZB den Leitzins schon längst bei null Prozent fixiert hat. Und: Was sollen Unternehmen in Zeiten der Coronakrise auch mit dem billigen Geld machen?

Solange sich das Virus über den Globus verteilt und Lieferketten auseinanderreissen, wird die Wirtschaft kaum in grösserem Stil investieren. Auch der negative Einlagenzins scheint weitgehend ausgereizt zu sein, zumal diese Massnahme den Banken zum Teil schadet und die Sparer gegen die EZB aufbringt. Und so beschliessen Lagarde und ihre Kollegen am Donnerstag zwar Liquiditätsspritzen für Banken. Der Leitzins aber bleibt unverändert. Draghis Arsenal – aber praktisch leer gefeuert.

Auch die US-Notenbank Fed, die in früheren Abschwüngen den Leitzins gern um vier oder fünf Prozentpunkte senkte, hat nicht mehr viel Spielraum. Ihr wichtigster Leitsatz lag bereits zu Beginn der Krise bei nur gut einem Prozent. Auch der Kauf von Staatsanleihen, der sonst dazu dient, die Langfristzinsen nach unten zu drücken, wird diesmal weit weniger wirksam sein als früher, da auch die Langfristsätze nur noch knapp über der Nulllinie rangieren.

Das alles hält Trump nicht davon ab, den Währungshütern bei seiner verzweifelten Suche nach einem Schuldigen für die sich abzeichnende Wirtschaftsflaute Untätigkeit vorzuwerfen. Fed-Chef Jerome Powell hat jedoch keinerlei Handhabe, einem Autohersteller Bauteile zur Verfügung zu stellen, die aufgrund gesprengter Lieferketten fehlen und die Produktion zum Stillstand bringen. Er kann weder den Handel ankurbeln, noch den Restaurants des Landes ihre Umsatzeinbussen ersetzen, die sie mangels Gästen oder wegen staatlich angeordneter Schliessungen erleiden.

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